Der Koran ist ein kompliziertes Buch, es nützt gar nichts, dies zu leugnen. Man wird an vielen Stellen Gebete entdecken, die wunderbar zeitlos sind, und Verse, so innig, dicht und schön wie Sternenfunkeln. Dann treten unvermutet Dschinnen und zauberische »Knotenanbläserinnen« auf, wie sie den altarabischen Kosmos bevölkern. Gott selbst zeigt sich mal milde und ruft zu Milde auf, dann wieder kündet er gut alttestamentarisch vom Verderben; doch selbst von den größten Katastrophen wird in Suren mit Titeln wie Die Kuh oder, noch kleinteiliger, Die Spinne erzählt. BILD Ob in Marokko oder Malaysia: Der Gott, dessen Lob vom Minarett ausgerufen wird, ist derselbe wie der des Alten und Neuen Testaments

Von fraglichem Wert also die gut gemeinte Empfehlung, es solle am besten doch jeder mal zwecks Völkerverständigung in den Koran hineinlesen: Nichts ist besser geeignet, die Völker auseinander zu treiben als ein Blick in ihre jeweiligen Heiligen oder sonstwie überlebensgroßen, jahrhundertealten und eben schwer erschließbaren Bücher. In einem Punkt jedoch äußert sich der Koran ganz unmissverständlich an gleich mehreren Stellen – wenn er nämlich den Umgang mit der Apostasie, dem Glaubensabfall, kommentiert: Dafür kann und darf es keine weltliche Strafe geben. Der Abfall vom Glauben ist ein Vergehen allein zwischen Mensch und Gott, und strafbar nur vor dem Jüngsten Gericht.

Man hat sich in Westeuropa leider angewöhnt, alles, was zur islamischen Vorstellungswelt gehört, mit größtem Argwohn zu betrachten. Und so wurde in den letzten Tagen bisweilen so getan, als sei bereits der Umstand, dass der Glaubensabfall eine Sünde darstellt, eine typisch islamische Ungeheuerlichkeit. Doch der Gott des Korans ist derselbe Gott wie der des Alten und Neuen Testaments, weswegen er ebenso gut mit dem deutschen Wort »Gott« wie mit dem arabischen Wort »Allah« genannt werden kann. Und dieser abrahamitische Gott ist nun einmal ein »eifersüchtiger« Gott, fordert die Anhängerschaft und bestraft den Abtrünnigen.

Moralisch untragbar ist erst die Idee, dass dieser Abtrünnige von einem menschlichen Richter bestraft werden solle. An dieser Stelle kommt die Scharia ins Spiel. Von allen Teilen der islamischen Tradition hat sie sich den schlechtesten Namen erworben und gilt gleichsam als die Summe alles Grausamen, das die Gemeinschaft der Muslime ersonnen und in einem dicken Buch notiert hat. Bloß gibt es dieses Buch namens Scharia nicht, und Gott sei Dank umfasst die Scharia viel mehr als blutige Strafen. Scharia ist vielmehr ein Oberbegriff für die religiösen und sozialen Verhaltensregeln, die Gott dem Menschen auferlegt hat, setzt sich zusammen aus Koran, Überlieferung und Rechtsurteilen, differiert je nach Glaubensrichtung, Rechtsschule und Interpretation. Auf das Christentum übertragen, wäre die Scharia die Gesamtmenge aus den Zehn Geboten und den Enzykliken, den orthodoxen, katholischen und protestantischen Liturgien und Katechismen plus den regionalen Sitten, wie man beispielsweise einen Weihnachtsbaum zu schmücken hat.

Es waren die geistigen und politischen Erben Mohammeds, die die Forderung, Apostasie sei mit dem Tod zu bestrafen, in diesen Scharia genannten Komplex einbrachten. Man könnte sagen, die historische Tradition übertrat hier das koranische Gebot, die Gewissensfreiheit des Einzelnen (übrigens: für Mann und Frau gleichermaßen) zu achten, und schuf ein Gesetz der Intoleranz. Denn die frühen islamischen Gemeinschaften versuchten die wachsende, aber eben auch wackelige Schar ihrer Verbündeten an sich zu binden, sie waren mittelbar auf Staatsgründung aus und forderten Loyalität, wenn notwendig mittels drakonischer Strafen.

Das hört sich doch geradezu tröstlich an: Die Regel, dass der Abfall vom Glauben mit dem Tode bestraft werden solle, gehört demnach nicht zur Sphäre der Religion, sondern zu der der Politik? Und der Islam an sich, der reine Islam, wie er vom Koran gemeint war, sähe es anders als seine irdischen Interpreten? Es stellt eine gewisse Versuchung dar, die Grenze so zu ziehen und zu betonen. Denn wie wir alle wissen, aber vielleicht im Alltag unterschiedlich deutlich wahrnehmen, bewegen sich Muslime im Westen seit einigen Jahren in einer Kultur des Verdachts. Egal, wie religiös sie im Einzelnen sein mögen, wissen sie, dass jeder von ihnen mitgemeint ist, wenn eine vollverschleierte Frau auf einem Titelblatt gezeigt wird oder wenn in den Abendnachrichten vom Islam die Rede ist; und sie ahnen, dass wieder eine tatsächliche oder drohende Gewalttat dahinter steht.