Erinnert sich noch jemand an Rocco Buttiglione? An den italienischen Kandidaten für die EU-Kommission, der seine abfällige Meinung über Homosexuelle ein wenig zu eifrig zum Besten gab? Damals hat Europa, es war noch vor den Verfassungs-Ablehnungen, gut funktioniert: Der vielstimmige Protest gegen diesen Mann aus der Mitte-rechts-Regierung zwang Silvio Berlusconi, seinen Kandidaten zurückzuziehen. Das Manöver garnierte der Regierungschef mit lautstarken Klagen über antiitalienische Ressentiments – die es freilich nicht gibt. Silvio Berlusconi BILD

Um Berlusconi zu verstehen, genügt ein ziemlich einfacher Decoder: Fast immer ist genau das Gegenteil von dem, was er behauptet, richtig. So auch in diesem Fall. Das Problem zwischen Europa und Italien besteht nämlich darin, dass die Europäer blind vor Liebe zu Italien sind. Kein zweites europäisches Land hat ein so gutes Image wie Italien, und das zu Recht. Der Tourist erwartet Sonne, Meer, gutes Essen, viel Kunst, prächtige Landschaften, landesübliche Freundlichkeiten und ein wenig Dolce Vita. Aber bitte keine Politik. Deshalb gehört es zum guten Ton, die italienische Politik überhaupt nicht oder als Teil der Folklore zu betrachten. Schon vor Jahren hat Umberto Eco gestöhnt: »Welche Schande, wir haben keine Feinde!« In Wirklichkeit ist es schlimmer: Alle lieben Bella Italia. Anders ist nicht zu erklären, warum Italien zuletzt mit dem Skandälchen um Buttiglione in Europas Schlagzeilen kam. Während Berlusconi noch auf die Italienfeinde schimpfte, präsentierte er einen neuen Kandidaten, seinen Außenminister, Franco Frattini. Er wurde Vizepräsident der Kommission und erhielt das Ressort Justiz, Freiheit und Sicherheit.

Italien und Justiz? War da was? Gab es da nicht einige dunkle Geschichten zwischen der Justiz und Frattinis Chef? Das Parlament ging zur Tagesordnung über. Europäer lieben Italien. Niemand wollte sich noch einmal Ressentiments andichten lassen. Niemand hielt es für nötig, in die Archive zu schauen: Frattini gilt als Urheber des »Lex Berlusconi«, das den Premier von allen Interessenkonflikten freispricht, und der größten politischen Säuberungswelle unter der Beamtenschaft, die es seit dem Faschismus gegeben hat. Weder in Brüssel noch in der internationalen Presse wurden Bedenken laut.

Anderthalb Jahre ist das her, und von diesem geschmeidigen Herrn hat man seitdem nicht viel gehört. Auf seiner Web-Seite erfahren wir, welche Reden er in aller Welt gehalten hat, meist zum Thema Terrorismus. Dabei hätte er seit seinem Amtsantritt, bei dem er sich zur Überparteilichkeit verpflichtet hat, einiges mehr zu tun. Es gibt nämlich ein Land, das einen Kommissar für Justiz und Freiheit rund um die Uhr beschäftigen müsste. Ein Land, das fleißig einen demokratischen Grundsatz nach dem andern dekonstruiert: Italien. So schamlos offen, dass selbst konservative Leute wie Galli della Loggia verzweifeln, ihr Land »gehöre offensichtlich nicht mehr zum Westen«.

Zugegeben, Italien hat es nicht leicht, aus vielen historischen Gründen konnte hier nur eine »schwache Demokratie« (Alexander Stille) entstehen. Der Faschismus gilt nicht als Verbrechen, bestenfalls als Unfall. Familiäre, klerikale und mafiose Strukturen sind stärker verwurzelt als demokratische. Der Kalte Krieg prägte in Deutschland die Köpfe, Italien aber war eins seiner Schlachtfelder. Kein anderes Land Europas ist von so vielen Korruptions- und Betrugsskandalen, Revolten, Mafia- und Geheimdienstverbrechen erschüttert worden.

Deshalb hat man sich angewöhnt, den Italienern in Sachen Demokratie großzügig Kredit einzuräumen. Man freut sich, völlig zu Recht, am Charme beim lockeren Umgang mit Regeln – und setzt den Touristenblick auf, mit übertriebener Nachsicht und subtiler Arroganz. Zwar wird es auch außerhalb Italiens als bizarr empfunden, wenn der reichste Mann des Landes (11 Milliarden Dollar laut Forbes) gleichzeitig Regierungschef ist und die privaten wie die öffentlich-rechtlichen Medien zu 90 Prozent kontrolliert und in 14 Prozesse verwickelt ist oder war und das Parlament dazu nutzt, allein auf ihn zugeschnittene Gesetze durchzubringen.

Doch ein bisschen Ganoventum, keine Italienliebe ohne Klischee, gesteht der Europäer dem Italiener gerne zu – und merkt nicht, wie er damit die Mehrheit dieses Volkes beleidigt. Angefangen beim konservativen Staatspräsidenten Ciampi, der einen tapferen und letztlich hilflosen Kampf gegen die Dekonstruktion der Demokratie führt, über die große Mehrheit der Richter und Staatsanwälte, der Intellektuellen, über den Unternehmerverband bis hin zu den schwer arbeitenden kleinen Leuten, die sich betrogen sehen wie nie. Ironischerweise kommt die schärfste Kritik am »Cavaliere« nicht von der Linken, sondern von den großen alten Herren des liberal-konservativen Bürgertums.