Selten hat das Buch eines politischen Wissenschaftlers bei Laien so viel Zuspruch, bei Fachkollegen so viel Widerspruch erfahren wie das 1996 erschienene Werk des Harvard-Professors Samuel Huntington mit seiner These vom Krieg der Kulturen . Und die Letzteren lassen nicht locker: In der jüngsten Ausgabe von International Politics (Dezember 2005) unternehmen es Jonathan Fox von der israelischen Bar-Ilan-Universität und Errol Henderson von der amerikanischen Penn State University erneut, den Professor wissenschaftlich zu widerlegen. Mit Erfolg.

Nicht mehr ideologischer oder territorialer Streit, so Huntington, gäbe künftig den Anlass zu Kriegen, vielmehr der Zusammenstoß unterschiedlicher »Zivilisationen«. Die Bruchlinien internationaler Ordnung verliefen zwischen Kulturgemeinschaften wie der afrikanischen, sinisch-asiatischen, islamischen, hinduistischen, slawisch-orthodoxen und westlichen; dort drohten die kommenden Konflikte. Als al-Qaida im September 2001 die westlichen Nervenzentren New York und Washington angriff, schien ihm dies Recht zu geben: der Islam gegen den Westen.

Die Wissenschaftler jedoch machten Jagd auf die süffige These. Sie untersuchten die Gewaltkonflikte vor, während und nach dem Kalten Krieg und fanden ganz anderes heraus: Diese Konflikte entflammten zumeist nicht zwischen unterschiedlichen, sondern innerhalb derselben Kulturgemeinschaften, und ihr Anlass war eher die Folge politischer Veränderung als zivilisatorischer Unvereinbarkeit. Huntingtons Replik war damals eine gönnerhafte Umkehr der Beweislast: Wer ihn widerlegen wolle, der dürfe nicht nur die Konflikte bis Anfang der neunziger Jahre berücksichtigen, sondern brauche eine längere Beobachtungszeit; seine Kritiker sollten es später doch noch einmal versuchen.

Das haben Henderson und Fox nun getan. Der eine hat Daten bis 1999 ausgewertet, der andere bis 2001. Dabei zeigt sich zweierlei: Wo es Konflikte zwischen Kulturgemeinschaften gegeben hat, haben diese entgegen der Vorhersagen Huntingtons nicht nur an Zahl abgenommen, sondern auch an Gewaltintensität. Die große Mehrzahl hat sich zudem innerhalb dieser Gruppierungen zugetragen. Also nicht Westen gegen Islam, sondern Muslime gegen Muslime im Nahen Osten, Ruanda gegen Burundi in Afrika, Katholiken gegen Protestanten in Nordirland.

Schiiten gegen Sunniten statt Christen gegen Muslime

Der Kampf der Kulturen findet nicht statt. Huntington hat zwar richtig geahnt, dass in der globalisierten Welt der Wunsch nach Identität überall zunimmt und damit auch die Bindungskraft der Religionen. Aber er hat diese Identität zu Unrecht in »Kulturgemeinschaften« angesiedelt, die es so gar nicht gibt. Kulturgemeinschaften, wie Huntington sie definiert, können schon deshalb nicht gegeneinander stehen, weil sie zu umfassend und pluralistisch sind und deshalb keine Identität stiften. Die Reibungen entstehen vielmehr zwischen eng verwandten Identitäten: Je näher man sich ist, desto mehr werden kleine Unterschiede zur explosiven Trennlinie. Wie einst territorialen Nachbarn, so ergeht es heute benachbarten Identitäten. Dann sind nicht die Christen der Feind der Muslime, sondern die Schiiten und die Sunniten.