Bei Ulla lief nach der Geburt ihres ersten Kindes nichts so, wie man es sich für eine frisch gebackene Familie vorstellt. Schon in der ersten Woche waren die Schmerzen beim Stillen bald unerträglich, besonders nachts. Sie verkrampfte sich völlig, wenn Paulchen ansaugte – und mit den ersten Zügen nicht nur Milch, sondern vor allem Blut schluckte. Ihre Brüste waren schmerzhaft gerötet und geschwollen. Schließlich bekam sie bis zu 40 Grad Fieber mit Schüttelfrost. Und nichts half, weder die Stillhütchen aus Plastik, noch der Salbeitee oder die Antibiotikatherapie. Die Hebamme war ratlos, und die Frauenärztin verordnete ein Abstillmedikament. Das Stillen war für beide zum Albtraum geworden und hätte Paulchen fast das Leben gekostet: Nach vier Wochen Still-Tortur musste der Kleine wegen Unterernährung in die Klinik. 

Seine Mutter aber hat jetzt das Gefühl, versagt zu haben, sie fühlt sich schuldig, weil sie nicht in der Lage ist, ihrem Kind das zu geben, was es braucht. Damit ist sie nicht allein, wie Frank Furedi, Soziologe an der britischen Kent-Universität, kürzlich in einer Studie mit 500 Erstgebärenden gezeigt hat. Jede dritte Frau gab an, sich als schlechte Mutter und Versagerin zu fühlen, wenn sie das Stillen nicht hinbekam. Einige litten deswegen sogar unter Depressionen.

Schon frühere Studien haben aufgedeckt, was Nicht-Stillende umtreibt: Angst, Frustration, Schuld. Denn während das Stillen noch bis in die siebziger Jahre hinein als altmodisch galt, als unnötige Belastung für die Mutter, und Muttermilch als schadstoffbelastet, hat sich der Zeitgeist inzwischen radikal gewandelt. Heute lautet das Dogma: »Breast is best« – Muttermilch als Supercocktail gegen Übergewicht, Diabetes, Allergien des Kindes und Brustkrebs der Mutter. Und damit nicht genug; auch das Seelenheil des Kindes liegt angeblich in der Muttermilch. Der Säugling, so weiß man aufgrund wissenschaftlicher Forschung, lernt beim Stillen auch, was Nestwärme bedeutet. Die enge Bindung zur Mutter ist ein Grundpfeiler für spätere psychische Stabilität. Angeblich soll das Stillen sogar die Intelligenz fördern. Das ist wissenschaftlich zwar noch gar nicht bewiesen – Studien lieferten widersprüchliche Ergebnisse –, trotzdem wird es gern geglaubt.

Allenthalben wurden bereits in den achtziger Jahren Stillgruppen gegründet, 1993 rief die WHO gar die Initiative der stillfreundlichen Krankenhäuser (BFHI) ins Leben. Und Milchpulverhersteller durften von nun an keine Gratisproben mehr in den Krankenhäusern verteilen. »So haben wir es geschafft, das Stillen in Deutschland endlich wieder zu kultivieren«, jubelt Renate Bergmann, Berliner Geburtsmedizinerin und Mitglied der Nationalen Stillkommission (NSK).

Erstaunlicherweise aber hat die ganze Propaganda nicht zu einem Still-Boom geführt. Die Rate liegt hierzulande zwar kurz nach der Geburt noch bei 90 Prozent. Nach vier Monaten aber haben zwei Drittel der Mütter ganz oder teilweise abgestillt. Nur magere zehn Prozent stillen sechs Monate ausschließlich. Denn sehr vielen jungen Müttern ergeht es nicht anders als Ulla. Wunde Brustwarzen, Pilzbefall mit stechenden Schmerzen, Milchstau, Brustentzündung und Abszessbildung sind zum Großteil für die niedrige Stillrate verantwortlich, haben die Autoren der 1998/99 durchgeführten Studie »Stillen und Säuglingsernährung« (SuSe) herausgefunden. Andere Gründe für das baldige Abstillen sind: Alleinerziehung und Rückkehr in den Job.

Doch aus welchen Gründen auch immer Frauen zur Kunstmilch greifen, bevor die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen sechs Monate abgelaufen sind – sie setzen sich einem massiven gesellschaftlichen Druck aus. Freundinnen, Verwandte, Hebammen, Kinderkrankenschwestern, aber besonders andere stillende Mütter machen laut Furedi Druck auf die »Rabenmütter«, die ihrem Kind das Beste vorenthalten.