Afrika: Wassermusik aus der Wüste
Die Musik im westafrikanischen Mali zieht Begeisterte aus aller Welt an den Niger
Hier also haben sie’s gemacht. Hinter diesen schreiend gelben Gardinen, die die afrikanische Mittagshitze draußen halten sollen, befand sich ihr Lager. Und diese Wände waren Zeuge. Zeuge bei der Entstehung einer Musik, die Kritiker nach ihrer Veröffentlichung im fernen Europa so hymnisch besungen haben, dass jetzt schon wieder neue Kritiker vor Ort unterwegs sind. Neugierig ist man in den dritten Stock des Hotels Mandé hinaufgestiegen, zum dem Dach der Stadt, um, ja was vorzufinden? Eine Art Saal, leer, praktisch, gefliest, eine Lokalität mit dem Charme eines verlassenen Großraumbüros. Warum es dennoch dieser Ort sein musste und kein anderer, verrät der Blick nach draußen. Dort liegt in gleißender Helligkeit: der Fluss.
Am Fluss führt kein Weg vorbei in dieser Geschichte. Er verbindet alles, wovon erzählt werden muss: die Mythen, die Motive, die Waren, die Menschen. Ohne den großen Fluss wäre Mali eine Wüste, die sich im Herzen Westafrikas erstreckte, gäbe es keine Hauptstadt namens Bamako, die aus einer Furt entstanden ist, keinen Handel entlang seines Laufs und nicht einmal Musik, die hier noch großenteils auf traditionellen, aus Tierhäuten und Kürbissen konstruierten Instrumenten gespielt wird. Der Fluss schafft Zusammengehörigkeit über weite Distanzen hinweg, er pumpt Wasser durch die Savanne bis hoch in den Norden, an den äußersten Rand der Savanne, wo er in der Sahara versickern würde, krümmte er sich nicht plötzlich doch zurück gen Süden, wo er neue Savannengebiete durchfließt, um sich, nachdem er wieder die Tropen erreicht hat, in den Atlantik zu ergießen. Der Fluss fließt aber auch durch die Fantasien der Fremden.
Mali: Wer hierher kommt, hat Bilder im Kopf, verheißungsvolle, mitunter trügerische. »Sie durchquerten ein dunkles, dicht bewachsenes Waldstück, wo es auf allen Seiten plötzlich eng wurde, kamen um eine Biegung und hielten den Atem an – vor ihnen erstreckte sich der Niger, ozeanisch, von grauen Nebeln verhangen. Bäume standen im Wasser wie Frauen, die ihre Röcke lüpfen, und das Ufer war voller Menschen«, schreibt T. C. Boyle in Wassermusik, seinem Roman über einen schottischen Entdeckungsreisenden, der 1796 als erster Europäer den Strom erblickte, und seinen Trip bald darauf mit dem Leben bezahlte. Zwei Jahrhunderte später sitzt man bequem auf der Terrasse des Hotels Mandé, das ganz unromantisch aus Stahlbeton erbaut ist, schlürft Ingwerbowle, lässt die Schifflein vorüberziehen, während die Hausband eine afrikanisch dekorierte Version von I Just Called to Say I Love You spielt.
Mit dem Panorama vor Augen fällt es leichter, sich vorzustellen, wie sie im dritten Stock des Mandé zusammensaßen: Ali Farka Touré, der Gitarrist, und Toumani Diabaté an der Kora, der 21-saitigen afrikanischen Harfe, wie die Klangkaskaden Toumanis sich um Alis archaische Riffs legten, Ali Toumani anfeuerte und Toumani Ali, wie sie zwei unterschiedliche Traditionen der lokalen Musik miteinander versöhnten, während sich drunten der Niger graubraun in seinem Bett wälzte. Nicht zu vergessen Nick Gold, der mit seinem mobilen Tonstudio alles aufnahm. Gold war es, der die beiden ermunterte, ein ganzes Album einzuspielen, der weitere Musiker zu Sessions ins Mandé einlud. Und schließlich die entscheidende Idee hatte.
Um »Mali Renaissance« kreist das Gespräch auf der Terrasse, die Trilogie, mit der Golds Plattenfirma World Circuit Musik vom großen Fluss in Europa bekannt machen, günstigstenfalls eine zweite Kubawelle lostreten möchte. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Das Duett Ali-Toumani, im letzten Jahr unter dem Titel In the Heart of the Moon erschienen, wurde in der Sparte Best Traditional World Music Album für einen Grammy nominiert. Demnächst soll es eine Soloplatte von Ali Farka Touré geben – sein Vermächtnis. Dass die – offenbar fertig abgemischten – Aufnahmen die letzten sein würden, man ahnte es lange vor dem 7. März, als die Meldung kam, er sei an Knochenkrebs gestorben. Ali, der Bluespatriarch aus dem malischen Norden, war zuletzt müde. Nur ungern verließ er noch Niafunké bei Timbuktu, seinen Heimatort, wo er das Geld aus seinen Schallplattenaufnahmen dazu verwendete, Nigerwasser auf staubige Felder zu leiten. Der neue malische Weltmusikstar ist Toumani Diabaté, 20 Jahre jünger, Spross einer Griot-Familie aus Bamako. »Toumani?«, hält da die Hausband für einen Moment in ihrem Säuseln inne. »Wir kennen ihn. Unser Koraspieler ist sein Schüler.«
Sogar die Jäger mit ihren Frisuren wie Antennen haben ihre eigene Musik
Toumani nicht zu kennen, lehrt bald die Erfahrung, ist in Bamako ein Ding der Unmöglichkeit. »Toumani Diabaté? Vraiment? Aaah, grüßt ihn von mir!« Oder: »Toumani? Ein guter Freund von mir. Sein Haus findet ihr gleich nach der Abzweigung links.« In der kleinen Seitenstraße des Stadtteils Badialan liegt aber nur eines der fünf Häuser Toumanis, denn trotz seiner Jugend und des dünnen Oberlippenbärtchens ist er ein gewichtiger Mann, ein »Patron«, der seine verzweigten Aktivitäten auf verschiedene Orte verteilt hat. In Badialan betreibt er eine Koraschule, die gleichzeitig als Treffpunkt für Afrikabegeisterte aus aller Welt dient: Engländer, Franzosen, dicke Amerikaner in gebatikten Schlafanzügen, die vom Studium der einseitigen N’Goni-Laute bei Stämmen der Savanne schwärmen. Ein Saxofonist aus Deutschland hat es sogar zum Mitglied in Toumanis Band gebracht. Geprobt wird in einem Raum im Erdgeschoss.
Zu Ehren des ausländischen Besuchs haben sich alle Mitglieder des Symmetric Orchestra eingefunden, über 20 an der Zahl, mitunter mehr: der Gitarrist Fanta Mady Kouyaté, die Sänger Moussa Niang und Mangala Camara, diverse N’Goni-Spieler, haufenweise Trommler, ein Bass, ein Tänzer, ein Tastenmann, der deutsche Saxofonist – die gesamte Allstar-Band, mit der Toumani Boulevard de l’Indépendance aufgenommen hat, das Mittelstück der Mali-Trilogie, zur Abwechslung keine Meditationsmusik, sondern eine dampfende Schüssel Mali-Pop mit Bläsereinlagen und energisch gespielter Kora.








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