Gerechter Lohn Das Maß aller Dinge

Solange es für alle aufwärts ging, war das Wohlstandsgefälle für die Deutschen kein Problem. Doch nun fehlt ein gemeinsames Verständnis von Gerechtigkeit

Würden wir Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, sympathischer finden, wenn er dieses Jahr statt 11,9 Millionen Euro nur, sagen wir, neun Millionen bekäme? Oder drei? Wäre das dann gerecht? Angemessen?

Die Leipziger Maler Neo Rauch und Matthias Weischer, derzeit Lieblinge des Kunstmarkts, bekommen für ihre Bilder bis zu 400.000 beziehungsweise 300.000 Euro. Ihre Galeriekollegen freuen sich über ein Zehntel solcher Preise. Ist das gerecht?

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Worüber wir uns empören, ist nicht Ungleichheit per se. Unter bestimmten Umständen wird in einer Gesellschaft selbst wachsende Ungleichheit hingenommen, wie wir aus den Anfangsjahren der Bundesrepublik wissen. Um zu verstehen, was den Glutkern der Empörung der heutigen Gerechtigkeitsdebatten ausmacht, ist es hilfreich, sich an die Theorie der Gerechtigkeit des amerikanischen Denkers John Rawls zu halten. Sein berühmtes »Differenzprinzip« erklärt, unter welchen Bedingungen soziale Ungleichheit als legitim betrachtet wird – nämlich dann, wenn sie am Ende auch den am schlechtesten Gestellten nutzt. »Diejenigen, die mehr Vorteile haben«, schreibt Rawls, »müssen das vor denen, die die geringsten Vorteile haben, rechtfertigen können.«

Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst nennt das »Rechtfertigungsgleichheit«. Ebendiese Gleichheit aber wird verletzt, wenn sich heute jene, die mehr beanspruchen, nicht mehr vor denen rechtfertigen können (und wollen), die weniger haben.

Solange die Ordnung der Bundesrepublik durch den »Fahrstuhleffekt« der Wachstumsraten im Ganzen auf immer höhere Niveaus gehoben wurde, war Ungleichheit kein Problem. Sie wurde in den ritualisierten Kämpfen der Sozialpartner bearbeitet, in denen dafür gesorgt wurde, dass es auch »den am schlechtesten Gestellten« kontinuierlich besser ging und die Lebensverhältnisse sich anglichen.

Wem es am schlechtesten geht, ist nicht mehr einfach zu bestimmen

Das ist vorbei. Es ist heute immer schwerer, zu sagen, wer eigentlich die worst off sind, vor wem also eine bestimmte Art der Verteilung der gesellschaftlichen Güter gerechtfertigt werden muss. Sind es jene, für die in den Tarifauseinandersetzungen gekämpft und gestreikt wird? Sie sind ja nur eine Gruppe unter anderen. Und wie hoch der Tariflohn steigt und in welchem Verhältnis er zu einem Managergehalt steht, ist nur ein Kriterium dafür, wie gerecht die Gesellschaft organisiert ist.

Welche Gruppe als die »am schlechtesten gestellte« erscheint, hängt von dem Gut ab, um dessen Verteilung es jeweils geht. In erster Linie denkt man heute natürlich an die Langzeitarbeitslosen. Aber auch Hauptschüler ohne Chance auf eine Berufsausbildung, junge Leute in prekären Zeitvertragsjobs, ewige Praktikanten ohne Aussicht auf Festanstellung, alleinerziehende Mütter, kinderreiche Familien, am Arbeitsmarkt diskriminierte Migranten, Alte, Kranke und künftige Generationen können jeweils als der benachteiligte Part der gesellschaftlichen Verteilungskämpfe erscheinen.

Leser-Kommentare
    • benboe
    • 02.04.2006 um 19:41 Uhr

    Mehr Markt ist in abstrakter Form mehr Gerechtigkeit, das ist wahr. Aber im gleichen Moment auch weniger. Vielleicht hilft eine Metapher um den Punkt besser zu erklären:
    Nehmen wir an, das Leben sei ein Spiel. Eines dieser neuen, virtuellen Onlinegames wo viele, viele Spieler zusammen spielen.

    Mehr Markt oder, wie im Artikel gefordert "gleiche Spielregeln für alle" ist unter der Sicht das das Leben ein Spiel (in Kontrollierter Weise) ist, eine verständliche Forderung. Sogar logisch - Alle bekommen die gleichen Möglichekeiten Sieger des Spiels zu werden, nur das eigene Engagement zählt. Wenn man verliert hat man selbst halt Pech gehabt, sich mehr anstrengen müssen.
    Ist das Gerecht`? Ja. Im Spiel. Leider ist das Leben kein Spiel. In einem Spiel gibt es klare Gewinner und Verlierer, im Leben in einer modernen Gesellschaft DARF es dies nicht geben - und es sollte sie nicht geben, den das wäre unmenschlich. Menschen müssen immer gefördert werden wenn Sie dies nicht selbst können, denn das sehen wir Menshcen als gerecht an (jedenfalls die meisten). Jemanden verhungern zu lassen weil er nicht in der Lage ist genug Geld für sein täglich Brot zu verdienen, kommt den meisten Menshcen als ungerecht vor. Menschen sind halt nicht logisch.
    Bleiben wir beim Spiel. Würde nun jemand dieses spiel starten und sagen wir einmal zu Anfang bereits über eine große Summe Geld verfügen die er sich nicht selbst erarbeitet hat, so wäre es ungerecht.
    Zwar hat er noch immer die gleichen Möglichkeiten wie alle anderen, aber dank des Geldes in diesem Fall ist er halt besser dran. Er hat einen "ungerechten" Vorteil.
    Auch in unserem Leben begegnen uns diese "Ungerechtigkeiten" - sie schlagen sich z.B. nieder in Nachhilfeunterricht den viele nicht bezahlen können, Markenklamotten, Privatschulen, besseren Wohngegenden,....
    All das sind, wenn man sachlich bleiben will, und von einer "Chancengerechtigkeit" spricht "Ungerechtigkeiten". Denn mit oder ohne diese Möglichkeiten kann der ausgang eines Lebens massiv beeinflusst werden.

    Wir sind alle Menschen und haben manchmal nicht sonderlich "logische" Ansichten von Gerechtigkeit. Das Leben ist ungerecht. Und die soziale Marktwirtschaft ist es auch, sie muss es sein.
    Ziel dieses Wirtschaftsystems war nie mehr Gerechtigkeit, auch wenn es oft so vermarktet wurde. Klarm den wenn Politiker von Gerechtigkeit sprechen, klingt das erstmal gut. Ziel war und ist die vorstellung das wir eine Gemeinschaft sind, mit Rechten und Pflichten für alle. Und dies Prizip hat viele Jahre / Jahrzehnte funktioniert. Denn im Kern muss die soziale Marktwirtschaft ungerecht sein.
    Sicherlich, die "Gewinner" eines freien Marktes werden eingeschränkt. Menschen die Ihren Lohn besser selbst verhandeln könnten (und damit mehr verdienen würden als z.B. per Tarifvertrag) sind schlechter getellt, denn die Regeln engen sie ein. Aber diese Regeln sind der Halt derjenigen die nicht in der Lage sind Ihren Lohn selbst zu verhandeln. Es ist ein Versuch allen Menschen ein "menschliches" Leben zu ermöglichen. Niemanden auf der Strecke zu lassen. Als Gemeinschaft zu fungieren.

    Gehen wir zu einem Spiel, Fussball z.B. Nehmen wir an wir bringen eine sehr gute Profimannschaft mit einem Hobbyverein zusammen. Viele von uns würden ein Spiel zwischen beiden als ungerecht empfinden, denn alle Vorteile sind auf Seiten der Profis. Bei einem Spassspiel würden nun sicherlich in vielen Fällen die Regeln so zu Gunsten der Hobbyspieler geändert das diese halt auch eine chance haben zu gewinnen.

    So und nicht anders sehe ich das System der sozialen Marktwirtschaft wie es in diesem Lande viele Jahrzehnte angewendet wurde. Sicherlich, Probleme gab es überall, aber alles in allem sahen glaube ich, viele dies so. In den letzten Jahren aber vlerlagerte sich das System und mehr und mehr Leute gleuben (oder wissen) das sie in dierekter Konkkurenz nicht besthen können. Und das schaft Angst, angst vor Reformen, Angst vor Veränderung.

    Soziale Marktwirtschaft ist nicht gerecht und nicht perfekt. Aber meiner Meinung nach ist es bis dato die beste Form der Wirtschaft, auch wenn Eliten auf manches verzichten müssen.

    Langer Artikel, ich weiß. Aber so sehe ich, als "junger, unpolitischer Mensch" diese Debatte.

    • uff
    • 05.04.2006 um 17:16 Uhr

    Ab und zu mal das Wort "auch" sowie das "ergänzen" und ich bin nicht gezwungen, restlos auf Teilhabegerechtigkeit umzustellen.

    • WIHE
    • 04.04.2006 um 17:44 Uhr

    Sehr geehrter Herrn (Frau) Moderator(in),

    wo ist denn

    Helmmut Schmidts jüngste Rede vor dem Bundestag geblieben?

    Das finde ich gar nicht schön, dass ich meine Beiträge nicht wiederfinde.

    Einen schönen Gruß

    WIHE

    [Der gesuchte Text befindet sich inzwischen auf der Centerpage Deutschland. Sie können auf der Hompage entweder die Navigationsleiste rechts nutzen ("Deutschland") oder etwas weiter unten auf der linken Seite die Rubrik Deutschland anklicken (den Balken oder den Hinweis "mehr"), MfG, Die Redaktion]

  1. Kontext der "Gerechtigkeits"-Debatte ist die Legitimation der sozialen Marktwirtschaft. Geführt wird die Debatte, weil der Übergang von der Verteilungsgerechtigkeit zur Teilhabegerechtigkeit vollzogen werden soll. Grund ist nicht das mangelnde Funktionieren der Verteilungsgerechtigkeit, sondern der Unwille zu ihrer Durchführung.
    Teilhabegerechtigkeit überdeckt die Verteilungsgerechtigkeit; sie läßt die Frage nach der Verteilung in den Hintergrund treten und verlagert auf "Chancen". Damit ist die Verweisung auf Eigenverantwortlichkeit für Erfolg und Mißerfolg gegeben. Jeder kann (prinzipiell und fast) alles erreichen - ob er es erreicht, hat er sich dann selbst zuzuschreiben. Dadurch wird ein System legitimiert, dessen integraler Bestandteil auch das schlechtere Abschneiden bei der Zuweisung von Gütern ist.
    Ziel ist: Es soll weniger verteilt werden. Verbrämung dafür - nicht funktionale Erfordernis im Sinne besserer Verhältnisse - ist die Verschiebung des "Gerechtigkeits"-Begriffs.
    Vorschlag eines Terminus für diesen Vorgang: "Gerechtigkeitsverschiebung".

  2. Auch wenn diese Losung schon auf der März-Ausgabe der Brandeins stand, so ist dies doch die bittere Wahrheit.

    Der Zynismus, dass die Kunst, sein Geld in Sicherheit zu bringen, sich fit für die Zukunft zu machen, aus allem noch das letzte herauszuholen, der Weisheit letzter Schluss sein soll, wird immer unerträglicher.

    Die Verständigung über eine gerechtere Verteilung der Früchte des Fortschritts wird immer dringlicher. Sonst erleben wir vielleicht schon bald eine "Kulturrevolution" ungeahnten Ausmasses.

  3. Da Gerechtigkeit von jedem anders interpretiert wird, ist es schon schwer diese zu definieren. Wohl unmöglich ist es dann noch, diese zu erreichen.

    Das Geld, dass ein Künstler für sein Bild erhält ist immer gerecht - da dieser den Preis nicht bestimmt, sondern der, der es kauft. Ebenso kann man sich nicht über Michael Schumacher beschweren, da er sein Gehalt nicht bestimmen kann. Eher schon über die Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen, die gegenseitig in den Aufsichtsräten sitzen und sich das Geld gegenseitig geben.

    Wenn jemand das Geld nimmt, was ihm für eine Leistung oder ein Werk geboten wird, kann sich niemand über Ungerechtigkeit beschweren, da es jemanden gibt, dem die Leistung oder das Werk soviel wert sind.

    Schwieriger ist es, wenn derjenige, dem das Geld oder die Leistung gegeben wird, direkt oder indierekt mitbestimmt, wieviel es ist und von wem es genommen wird.
    Dies trifft einerseits auf die Vorstände zu, aber auch auf Abgeordnete in Parlamenten. Ebenso aber auch, was häufig nicht beachtet wird, auf die Bürger, die staatliche Leistungen empfangen - sei es das Gehalt als Angestellter oder Beamter oder die Sozialleistungen. Die Empfänger sind Wähler, die die Partei abstrafen würden, die ihnen weniger gibt. Ebenso bestimmen die Bürger, wieviel ihnen als Steuer abgenommen wird. Daher ist es natürlich populär, denen die viel haben, viel abzunehmen - da trifft es eben weniger, die auch nur eine Stimme haben.

    Daher: Wenn jemand seine Werke und Leistungen ohne Beeinflussung verkauft, kann es einem keiner vorwerfen. Wenn er aufgrund seines Erfolges auch noch hohe Steuern zahlen muss, wohl noch weniger....

    Wie soll gerecht also definiert werden?

    • Anonym
    • 03.04.2006 um 17:21 Uhr

    Schöne Worte aber nichts anderes als der bisher gesellschaftlich akzeptierte Sozialkonsens.

    Das Problem entzündet sich an den Veränderungen. In den letzten 30 Jahren sind diese staatlich verordneten Rücksichtnahmen massiv gewachsen, bei gleichzeitigen wachsender Absetzbewegungen derjenigen, die dazu Möglichkeiten haben und hatten sich zu entziehen.
    Heute zerreißt die Gesellschaft genau in der Mitte, weil das Zerren von oben und unten das Zentrum ermüdet und zerschlissen hat.
    Die nationale Krise ist die Zerstörung oder Gefährdung der massenmäßigen Mitte, dort sind relativ zu ihrem Beitrag auch die größten Verlierer sowie die größte duldsamkeit zu finden. Aber es heißt auch: "Hüte dich vor dem Zorn eines geduldigen Mannes"

    B Grabe

    • benboe
    • 02.04.2006 um 18:47 Uhr

    Denn das ist es was heute zu kurz kommt.
    Die ganze Debatte über die "neue Gerechtigkeit" stinkt vom Kopfe her, den die einzigen die sich über silche Themen Gedanken machen sind eh die Gewinner eine neuen Gerechtigkeit.
    Das "normale Volk" aka der Facharbeiter, der Bäcker, der Handwerker, der Busfahrer nimmt an der Debatte nicht teil - denn diese Leute sind viel zu sehr damit beschäftigt Ihr Leben, sofern es nicht schon von Arbeitsberatern, Politikern oder sonstwelchen Intelektuellen als sinnlos abgeschrieben, am laufen zu halten.
    Refeudalisierung soll aufgehalten werden? schauen Sie sich doch mal die Vermögensverteilung in Deutschland an - eigentlich können sich die Ackermänner doch schon Baron, König und Kaiser nennen, die Verhältnisse haben wir schon

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