Keine Sorge. Dieses Buch wird keinen Entrüstungssturm auslösen, wie es Norman Finkelsteins Polemik gegen Die Holocaust-Industrie vor ein paar Jahren tat. Denn allzu bekannt sind inzwischen die Fakten und historischen Hintergründe des Nahost-Konflikts, als dass noch irgendjemand auf die Idee käme, die von Finkelstein allerdings höchst polemisch vorgetragenen Argumente ernsthaft infrage zu stellen. Die Bücher beispielsweise von Noam Chomsky, Michael Warschawski und Ziaudin Sardar/Merryl Wyn Davies haben auch hierzulande hinreichend publik gemacht, dass Israel und sein Hauptverbündeter USA maßgeblich dazu beitragen, dass eine einvernehmliche Zwei-Staaten-Lösung – die Koexistenz eines jüdischen Staates in den Grenzen von 1967 und eines palästinensischen Staates – permanent sabotiert wird.

Wie der deutsche Titel des Buches signalisiert, geht es dem Autor um die Anklage eines politisch instrumentalisierten Antisemitismus. Dieser werde in den USA und in Israel immer dann als Verdacht in die Debatte geworfen, wenn sich Kritik an der israelischen Politik regt, etwa am Bau der Mauer im Westjordanland oder an der militanten Landnahme jüdischer Siedler auf palästinensischem Gebiet: Diese Kritik, so Finkelsteins gut dokumentierte Behauptung, werde stets und sofort als antisemitische Haltung stigmatisiert und auf diese Weise mundtot gemacht. Der Autor legt Wert auf die Feststellung, dass, wenn der Vorwurf eines »neuen Antisemitismus« ins Spiel kommt, es zu unterscheiden gelte zwischen reinen Fantasieprodukten, berechtigter Kritik an Israel und tatsächlichen antisemitischen Einstellungen, deren Existenz Finkelstein gar nicht bestreitet. Nichts als Chuzpe – Beyond Chutzpah lautet der Titel des Originals – sei es indes, wenn alles in einen Topf geworfen werde. Der deutsche Leser wird mit einem Wort des palästinensischen Schriftstellers Edward Said daran erinnert, dass es aus begreiflichen historischen und moralischen Gründen gerade hierzulande besonders schwierig sei, den Antisemitismus-Verdacht abzuwehren und die Berechtigung des palästinensischen Kampfs gegen die israelische Besatzungs- und Repressionspolitik unvoreingenommen wahrzunehmen – seien die Palästinenser doch Opfer von Opfern.

Auch die Menschenrechtsbilanz Israels fällt Finkelstein zufolge schlechter aus, als es gern suggeriert wird, prominent etwa von Alan M. Dershowitz, einem führenden Anwalt des amerikanischen Zionismus, dessen jüngste Apologie Israels auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Finkelsteins Urteil über die permanenten Übergriffe Israels, nicht zuletzt seiner Armee, in den besetzten Gebieten, aber auch in seinen Gefängnissen, deckt sich mit dem, was Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international oder Human Rights Watch seit langem beklagen: dass Israel gezielt Grenzen ignoriert, von denen man glaubte, dass ein »westlich« orientiertes Land sie auch im Konfliktfall zu respektieren sich genötigt fühlt. Finkelsteins Kritik trifft Israel wie Amerika gleichermaßen und weist die Schönfärbereien eines Dershowitz energisch in die Schranken.

Also, kein Skandal. Bedauern mag der Leser freilich, dass Finkelstein kein Wort über jene Seite verliert, die er ausschließlich als Opfer israelischer Aggression sieht. Denn auch wenn man seine Befunde für seriös hält, bleibt die nicht zu leugnende Tatsache, dass Teile der arabisch-islamischen Welt nach wie vor Israels Existenzrecht bestreiten und eine »exterministische« Lösung nicht für ausgeschlossen halten. Wie groß immer das historische Unrecht sein mag, das der palästinensischen Bevölkerung zugefügt wurde und wird – dieses Unrecht kann nicht durch ein anderes Unrecht getilgt werden.