Philosophie ¡Basta, Eta!
Er ist Baske und fragt nach der Ethik der Demokratie. Fernando Savater hat sich damit die Terrororganisation Eta zum Feind gemacht. Dem jüngst verkündeten Waffenstillstand traut der Skeptiker nicht
Er ist es leid. Er will nicht als schnarrende Gebetsmühle enden. »Man macht sich immer mehr Menschen zum Feind, mit denen man lange befreundet war.« Doch was hilft’s? Solange es Not tut, wird er dranbleiben. »Wenn sonst niemand die notwendigen Einwände vorbringt, müssen wir es wohl machen.« – nützt ja nix.
Fernando Savater ist Spaniens bekanntester Philosoph, seit 30 Jahren schon. Aber in den vergangenen Jahren hat er sich weniger um die Verbreitung der eigenen Theorie gekümmert als um die politische Praxis. Die von ihm mitgegründete Bürgerinitiative ¡Basta ya! (Es reicht!) kämpft – nach wie vor – für das Ende der baskischen Terrororganisation Eta. Savater hat jeden »Dialog« mit den Terroristen abgelehnt und für parteiübergreifende Unnachgiebigkeit plädiert. Das hat ihn mit der Zeit bei vielen alten Weggefährten aus der Linken immer unbeliebter gemacht.
Savater stammt selbst aus San Sebastian, der mondänsten Stadt des Baskenlands. Dort hat er ein Haus ganz nah am Strand, mitten im Zentrum. Und nach wie vor pflegt er, wann immer es geht, entlang der halbkreisförmigen Bucht La Concha energischen Schrittes einen Spaziergang zu machen (»Je schneller ich gehe, desto besser denke ich«). Nur ist er dabei lange nicht allein gewesen. Savater brauchte Begleitschutz. Er hat genug Drohungen erhalten und genug Freunde durch Anschläge verloren. Jetzt hofft er, wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Durch den »permanenten Waffenstillstand«, den die Eta in der vergangenen Woche ausrief, scheint die Grundlage für einen Friedensprozess gegeben.
Wohnen mit Frankenstein, Dracula und Lara Croft
1993 hatte Savater seine Lehrtätigkeit an der Universidad del País Vasco, der Universität des Baskenlandes, aufgegeben. Die Situation war für den Antinationalisten unerträglich geworden. Seitdem unterrichtet er in Madrid, weitab vom Meer, und lebt die Hälfte der Woche in einem Appartementhaus des Stadtteils Castellana. Seine Wohnung ist ein erstaunliches Horrorkabinett. Bunte Gummi-, Plastik- und Blechfiguren sind quer über die Regale, Tische und Schränke verstreut: Frankenstein, Dracula, Lara Croft, Hobbits & Orks, Zombies, Superhelden, Zauberer und Ungeheuer. In der Zimmerpalme hängt eine Maske des Albtraum-Schlitzers Freddy Krueger. Savater ist ein glühender Bewunderer von Fantasyfilmen und Abenteuerliteratur. Die einzigen literarischen Werke, die in seiner vorläufigen Autobiografie Mira por dónde je ein eigenes kleines Kapitel beanspruchen dürfen, sind Der Herr der Ringe und Harry Potter. Auch das Motto, mit dem er in Mira por dónde seine Erinnerungen an die bisherige Arbeit von ¡Basta Ya! einleitet, entstammt einem Klassiker des Genres: »›Freies Volk‹, rief Mogli, ›seit wann darf Shir Khan über das Rudel herrschen? Warum akzeptieren wir die Herrschaft der Angst? Sind wir alle zu jämmerlichen Schakalen geworden, die vor diesem verachtungswürdigen Schlächter in den Staub sinken? Die Macht über das Rudel kommt dessen Mitgliedern selbst zu!‹«
Savater liebt das Spiel mit unorthodoxem Lehrstoff. Er zitiert lieber aus Stevensons Schatzinsel als aus Hegels Phänomenologie des Geistes. Philosophische Systeme gefallen ihm ohnehin nicht. Sie ersticken das freie, offene Denken. Die Freigeisterei steht Savater beinahe ins Gesicht geschrieben. Er ist fast chronisch gut gelaunt, und wann immer es geht, erlaubt er sich eine ironische Volte, einen Scherz, eine kleine Respektlosigkeit. Im Übrigen hat er mit Respektlosigkeit reichlich Erfahrung. In den Jahren vor Francos Tod 1975 wurde er mehrmals festgenommen, verbrachte kurze Zeit im Gefängnis und verlor seinen ersten Professorenposten in Madrid. Erst im Zuge der transición, Spaniens Übergang zur Demokratie, kehrte er wieder in den akademischen Betrieb zurück. Mittlerweile hat er an Madrids Universität Complutense einen maßgeschneiderten Lehrstuhl. Dort kann er Vorlesungen zu »Literatur und Philosophie« kombinieren mit Seminaren aus seiner eigentlichen Disziplin, der Ethik.
»Wir leben heute in einer zweigeteilten Welt«, sagt Savater. »Auf der einen Seite blüht der Fundamentalismus mit seinen gefährlichen Glaubensgewissheiten. Aber auf der anderen Seite ist den Menschen längst aller Glaube abhanden gekommen, und angeblich gibt es gar keine verbindlichen Werte mehr.« Savater ist Skeptiker: »Im Grunde gibt es auf dem Grund meines Geistes keinen Grund«, hat er einmal geschrieben. Zugleich hat ihm das Franco-Regime gezeigt, dass man Werte sehr wohl einklagen und verteidigen muss. »Aber wie stützt man diese Werte ab, wie begründet man ihre universelle Gültigkeit, ohne wieder religiöse oder andere transzendentale Gerüste zu bemühen?« Das ist die theoretische Frage, die ihn am meisten beschäftigt. Er bewundert Habermas’ außerordentliche Anstrengung auf diesem Feld, ohne dessen Argumentation zu folgen. Savater hängt keiner Schule an und denkt im Zweifelsfall pragmatisch: Eine ethische »Letztbegründung« mag noch ausstehen, doch die Werte, um die es geht, stehen trotzdem fest. Es sind die bekannten Bürger- und Freiheitsrechte des Menschen. Dass die auch 30 Jahre nach Ende der Franco-Diktatur im Baskenland systematisch gefährdet waren, ließ dem baskischen Bürger Savater keine Ruhe.
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren