DIE ZEIT: Herr Struck, nach den Landtagswahlen hat die Große Koalition zu ihrer Zweidrittelmehrheit im Bundestag auch noch eine komfortable Mehrheit im Bundesrat. Hatte je eine Regierung so viel Macht in der Bundesrepublik? Verteidigungsminister Peter Struck BILD

Peter Struck: Nein, zweifellos nicht, auch nicht die Große Koalition 1966 bis 1969. Deshalb haben wir jetzt auch eine besondere Verantwortung, die wichtigen Fragen für die Nation zu klären. Bis zum Herbst wollen wir die Gesundheits- und die Föderalismusreform verabschiedet haben und die Frage von Mindest- oder Kombilöhnen fertig beraten. Außerdem müssen wir den Haushalt 2007 verabschieden. Ich bin überzeugt, dass wir im Jahre 2009 nicht nur am Arbeitsmarkt gemessen werden, sondern auch daran, ob es uns gelungen ist, die Gesundheits- und Altersversorgung zukunftsfest zu machen.

ZEIT: Beim wichtigsten Thema, der Arbeitslosigkeit, tun Sie vergleichsweise wenig.

Struck: Nein, das stimmt nicht. Franz Müntefering konzentriert sich insbesondere auf die Problemgruppen am Arbeitsmarkt, auf die unter 25-Jährigen und die über 50-Jährigen. Es gibt ein Sonderprogramm »50 plus« im Zusammenhang mit der Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre, und bei den Jungen soll die Bundesagentur für Arbeit zusätzliche Maßnahmen vorlegen. Natürlich hoffen wir auch darauf, dass die wirtschaftliche Entwicklung beim Abbau der Arbeitslosigkeit hilft.

ZEIT: Die Kluft zwischen denen, die Arbeit haben, und denen, die keine oder unsichere Jobs haben, wächst. Vor allem die Jungen haben das Gefühl, dass sie kaum Chancen haben, in den Markt der Arbeitsplatzbesitzer hineinzukommen. Der Kündigungsschutz schützt eher die, die Arbeit haben.

Struck: Die Union hat im Koalitionsvertrag eine 24-monatige Probezeit für solche Fälle erstritten. Deshalb verstehe ich nicht, dass Teile der Union den Vertrag jetzt infrage stellen. Es ist aber nicht nur eine Frage des Kündigungsschutzes, sondern auch der Berufs- und Schulabschlüsse. Es gibt allein unter den gemeldeten Arbeitslosen 300000 junge Menschen ohne Hauptschulabschluss. Wir müssen auch mehr für Bildung tun.

ZEIT : Die jungen Leute, die überdurchschnittlich oft in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, sind dieselben, die mehr Kinder bekommen sollen. Unter den Vorgängerregierungen gab es viele familienpolitische Maßnahmen, aber immer weniger Kinder. Nimmt die Große Koalition sich etwas Größeres vor?

Struck: Das ist meine Vorstellung. Ich habe in der Fraktion eine Arbeitsgruppe beauftragt, sich mit der Neuordnung der gesamten Familienförderung zu beschäftigen. Wenn man 100 Milliarden Euro pro Jahr ausgibt, muss es doch möglich sein, dass ein größerer Teil davon für Betreuung ausgegeben wird. Ich möchte, dass jeder Kindergarten- und längerfristig auch jeder Krippenplatz in Deutschland komplett gebührenfrei ist. Es geht aber nicht nur darum, dass der Staat Geld ausgibt, um die Menschen zum Kinderkriegen zu animieren. Ich als Vater von drei Kindern und Opa von fünf Enkeln sage: Kinder sind auch eine Bereicherung des eigenen Lebens.

ZEIT: Haben bei Ihrer Entscheidung für Kinder Familienleistungen eine Rolle gespielt?

Struck: Nein. Obwohl ich Student war und meine Frau Erzieherin, als das erste Kind kam – da haben wir nicht in Saus und Braus gelebt.

ZEIT: Wollen Sie in Ihre Pläne auch das Ehegattensplitting einbeziehen?

Struck: Bei einer Neuordnung der Familienleistungen muss man in die Prüfung alles mit einbeziehen, auch das Ehegattensplitting.