Am Ende zog sich der Software-Konzern SAP auf eine klassische Programmierertugend zurück: Neustart. Wenn’s nicht läuft, dreht man dem System den Strom ab und startet wieder. Immer hilft das nicht; aber in jedem Fall verschafft es Zeit. SAP von innen. Ein Bürogebäude des Software-Konzerns in Walldorf BILD

Viele im Konzern brauchten diese Zeit. Wie könnte es werden mit einem Betriebsrat, den drei Mitarbeiter so dringend wollten, dass sie dafür vor das Arbeitsgericht zogen ? Immerhin 91 Prozent der SAPler hatten das Gremium auf einer Betriebsversammlung Anfang März abgelehnt. Neun Prozent waren dafür.

An diesem Donnerstag nun, wenn überall im Land die Betriebsräte gewählt werden, findet an den SAP-Standorten Walldorf und St.Leon-Rot bei Heidelberg eine zweite Versammlung statt. 9000 Mitarbeiter arbeiten dort – und sie sollen nun doch einen gemeinsamen Wahlvorstand bestimmen. Abgestimmt wird wohl im Juni.

Zur SAP-Zentrale fährt man mit dem Bus. Er kreuzt Straßen, die nach Robert Bosch, Rudolf Diesel oder Carl Benz benannt sind, dann biegt er in die Dietmar-Hopp-Allee ab. Hopp gründete das Unternehmen 1972 mit vier Partnern und machte es zum drittgrößten Software-Anbieter der Welt, zum Marktführer bei Unternehmensprogrammen. In dieser Software steckt das gesamte Know-how, das man braucht, um eine Firma zu lenken, vom Auftragseingang bis zur Rechnungslegung.

Im vergangenen Jahr gab Hopp die letzte Funktion im Aufsichtsrat ab. Doch sein Wort gilt noch immer etwas. So warnte er die Mitarbeiter vor einem fremdgesteuerten Betriebsrat, der die »übliche schwerfällige Bürokratie« einschleppen werde. Und er drohte: »Kein Unternehmen kann sein Hauptquartier so schnell verlagern wie eine Software-Firma.« Einige Beobachter unterstellen Hopp, er habe als Sprachrohr des Vorstands gehandelt. Belegen kann es niemand.

Aus Hopps Worten spricht auf jeden Fall die Angst, Gewerkschaftsbürokratie könne eine Unternehmenskultur zerstören, die in dem Vertrauen darauf bestand, Mitarbeiter und Konzern schlössen einen Vertrag zu beiderseitigem Nutzen, der keine Seite benachteilige. Diese Sorge teilt Hopp mit vielen SAPlern.

Die Allee säumen Büroblöcke in Blau und Grau, verbunden mit Brücken und unterirdischen Gängen, unterteilt in unzählige Flure und Zimmer, in denen Schreibtische und Computer stehen und sonst wenig. Wer sich hier zurechtfinden will, muss verwirrende Buchstaben- und Nummernkombinationen durchschauen. Es ist, als laufe man durchs Innere eines Rechners voll menschlicher Bits, die sich zu Bytes sammeln, ständig neu organisieren und ungeheuer produktiv sind. SAP steht gut da, kam 2005 auf einen Nettogewinn von 1,5 Milliarden Euro. Gerade werden in Walldorf Büros für mehr als 3000 neue Mitarbeiter gebaut. Dennoch ist SAP der einzige im Dax notierte Konzern ohne Betriebsrat.

Mitten in diesem Erfolgsmodell wird nun eine Schlacht geschlagen, die die Atmosphäre zwischen Führung und Mitarbeitern, aber auch innerhalb der Belegschaft nachhaltig gestört hat. Misstrauen zieht ein, Angst vor den Blicken der Andersdenkenden. Selbst Angestellte, denen das Unternehmen erlaubt, mit einem Journalisten zu sprechen, sind scheu, die anderen erst recht.