SIEBECKSushi auf Eis

Wolfram Siebeck im hohen Norden: In der kalten Jahreszeit bereist er Island und erlebt kulinarische Abenteuer zwischen Traum und Wirklichkeit von Siebeck

Man kann mir vieles nachsagen, nicht aber, dass ich wie jenes dänische Fräulein ein Gespür für Schnee hätte. Der nach vorn gebeugte Wanderer, der sich da keuchend über die vereisten Moore Islands schleppt, Eisklumpen im Bart und wahrscheinlich vier erfrorene Zehen in den Lackschuhen, dieser Trottel, der sich den Winter aussucht, um das Land der Eisschollen und -bären zu besuchen, das kann nicht ich sein. Hier am Rande des Polarkreises treiben sich jetzt nur Trolle herum, die Ureinwohner aus Eddas Zeiten, und kein hustender Mitteleuropäer mit einem Gespür für Lavendel.

Die bedauernswerte Gestalt ist inzwischen auf dem Permafrost zusammengebrochen und wird von Eskimos auf einen Hundeschlitten gebunden. Sie ziehen ihn zu ihrem Iglu, wo ein Troll im trüben Licht einer Talgfunzel eine Scheibe Walspeck für den ZEIT- Journalisten abschneidet. Jemand flößt mir Lebertran ein.

Anzeige

Mir? Wieso mir?

Ist es tatsächlich Lebertran, den mir der Rezeptionist im Hotel Holt als Willkommen anbietet, oder doch vielleicht Schnaps? Ich war in dem Schneepflug, der uns vom Flughafen nach Reykjavík brachte, wohl eingeschlafen.

Der Mann beobachtet die Wirkung seines Tranks und lächelt zufrieden, als ich mich vom Fußboden aufrappele. Könnte er ein Anhänger der Ásatrú sein, ein Mitglied der »Vereinigung Mittelalterlicher Nordischer Heiden«? Island muss ein gesundes Klima besitzen, dass so etwas bis heute überleben konnte. Bei uns haben es nicht einmal die Parteigenossen der Tausendjährigen Nazis geschafft. Was uns fehlt, sind ganz eindeutig die heißen Quellen Islands.

In diesem Moment stürmt ein blonder Wikinger in die Halle und schlägt mir auf die Schulter: »Ich habe für Sie einen Tisch reserviert, Sir!« Dabei bin ich nicht sicher, ob er mich mit »Sir« oder mit »Sør« angeredet hat. Vor Jahren habe ich mir einmal eine Jacke in einem Geschäft gekauft, das hieß Sør und machte einen sehr nordischen Eindruck. Ich wage nicht zu fragen, ob er ein mittelalterlicher nordischer Heide sei. Vielleicht beleidige ich ihn damit, weil er ein katholischer Hersteller von nordischen Klingeltönen ist oder der Ministerpräsident. Es stellt sich jedoch heraus, dass er Arthur Björgvin Bollason heißt und alles über Elfen und Trolle weiß.

Er nennt mir das Restaurant, in dem ich einen freien Tisch und eine original isländische Fischküche vorfinden würde. An der Tür drückt er mir die Zügel eines Huskys in die Hand. 3000 Kilometer weiter südlich wäre es ein Regenschirm gewesen. Der Hund – sein Name ist Baldur – bekommt eine kurze Anweisung in einer nordisch-heidnischen Sprache und führt uns, ohne viele Worte zu machen, zu der Zieladresse, wobei er geschickt den heißen Quellen ausweicht, die alle paar Meter aus dem Boden schießen, manche mit einem solchen Druck, dass ein Regenschirm dem Husky vorzuziehen wäre.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Helmut Kohl | Island | Restaurant | Wikinger | Australien | Sushi
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

      Vom Rand des Laufstegs

      Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

      • Nachgesalzen

        Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

        • Hinter der Hecke

          Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

          • Heiter bis glücklich

            Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

            Service