Glosse Horror und Folkolore

Morettis Film über Berlusconi

Es ist nur ein Film. Aber in Padua hat Silvio Berlusconis Partei Forza Italia ein ganzes Kino gemietet. In geschlossener Gesellschaft stellte man sich dem Feind: Il Caimano, dem neuen Film von Nanni Moretti. Die Kommentare der Herren ganz oben stärkten dem Fußvolk den Rücken: »Ich schaue mir so was nicht an« (Berlusconi). »Diese Art Kino gefällt mir nicht« (Außenminister Fini). »Den Italienern ist dieser Film sowieso scheißegal« (Wirtschaftsminister Tremonti).

Sono solo canzonette hieß Anfang der achtziger Jahre ein Sommerhit von Edoardo Bennato, »es sind nur Schlager, was hat das mit Politik zu tun?« Schon damals war es für Italiens Künstler schwierig, sich der Einflussnahme durch die Parteien zu entziehen. Jetzt beteuert auch der Regisseur Moretti: »Es ist nur ein Film.« Doch diese Tatsache geht unter im allgemeinen Geschrei, von rechts wie von links.

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Es ist nur ein Film. »Es geht um einen gewissen Herrn Baumgarten, der in Deutschland drei Fernsehsender besitzt«, sagte Moretti in einer Sendung der staatlichen Rai, wo man ihm einen Maulkorb umhängen wollte. Im Wahlkampf darf man außerhalb politischer Sendungen nicht über Politik sprechen. Das Gesetz nennt sich Par Condicio, gleiche Bedingungen für alle. Eine Farce.

Natürlich ist Il Caimano Silvio Berlusconi. Trotzdem ist Morettis Film kein Film über Berlusconi. Jedenfalls nicht nur. Ein erfolgloser Produzent will einen Film über den Aufstieg des Silvio B. machen, findet aber weder Geldgeber noch einen Hauptdarsteller. Am Ende gibt Moretti selbst den Kaiman, der in einer dramatischen Schlussszene die Justiz in Trümmern hinter sich lässt.

Das ist alles weder neu noch originell und nicht mal besonders engagiert. Auch Moretti ist an Berlusconi gescheitert. Er kriegt ihn nicht zu fassen und drängt ihn in den Hintergrund, weil er mit ihm nichts anfangen kann. Stattdessen erzählt er eine Liebesgeschichte, autobiografisch wie immer. Aber was hat Berlusconi damit zu tun? Der Regisseur scheint so orientierungslos zu sein wie sein Film. »In einem Land zwischen Folklore und Horror«, sagt ein Protagonist. Solche Sätze können in Italien Hysterie auslösen. Sätze aus einem Film.

Als das Datum für die Premiere feststand – zwei Wochen vor den Parlamentswahlen –, zettelten die Verbündeten von Berlusconis Herausforderer Romano Prodi eine Opportunitätsdebatte an: Kann der Film uns Wählerstimmen bringen, oder riskieren wir einen Bumerang-Effekt? Schließlich hatte Moretti einst führende Oppositionspolitiker angegriffen: »Mit Leuten wie euch gewinnen wir nie die Wahlen.« Er ist einer der Mitbegründer der Girotondo-Bewegung, des außerparlamentarischen Protests gegen Berlusconi. So einer kann allen gefährlich werden.

Berlusconi aber beißt zurück. Auf der Homepage von Forza Italia ist jetzt ein Alligator zu sehen. Auf einer Wahlveranstaltung in Neapel hat Berlusconi seinen jubelnden Anhängern zugerufen: »Seht mich an. Ich bin der Kaiman.« Die Rolle gefällt ihm. Nicht nur im Film.

 
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