An der Universität Tolbiac im Süden von Paris sitzt der Schock tief. Anfang Februar begannen hier die ersten Pariser Studentenstreiks, die friedlich waren. Doch seit einer Woche geht die Angst um. Bislang kannten die Studenten einen Hauptgegner: die harte Bürgerkriegspolizei CRS. Niemand von ihnen rechnete damit, dass sie noch brutalere Feinde haben könnten: Schlägertrupps aus den Banlieues.

Die Altersgenossen der Studenten, die sich neuerdings in die Demos mischen, fallen nicht nur wegen ihrer Kapuzenshirts und dicken Schals auf, sondern dadurch, dass sie zwischen den Reihen hin- und herlaufen. Sobald sich ein Student von seiner Gruppe entfernt, um zu telefonieren oder ein Foto zu machen, wird er zum Freiwild: ein Tritt in den Rücken, ein Faustschlag auf den Kopf, dann verschwindet der Angreifer wieder in den Rudeln anderer Schläger, die neben der Demo herlaufen. Obwohl bisher meist nur wenige hundert Rowdies auftraten, verwandeln sie seit einer Woche die Protestmärsche in einen Spießrutenlauf.

Als die Studenten vergangenen Donnerstag auf der Place d’Italie zum ersten Mal angegriffen wurden, reagierten sie instinktiv wie eine militärische Phalanx und rückten hinter ihren Spruchbändern eng zusammen. Doch am Ende brach Panik aus. Es war auf der Esplanade des Invalides, direkt unter den Fenstern des Außenministeriums, als die Randalierer parkende Autos demolierten, hinter flüchtenden Demonstranten herjagten und Polizeitruppen mit Steinen bewarfen. Zwischendurch versammelten sie sich in kleinen Gruppen, um ihre Beute zu begutachten: Rucksäcke, Kameras, Handys und Portemonnaies.

Seitdem herrscht bei den Streikposten von Tolbiac große Ratlosigkeit. »Warum begreifen die nicht, dass unser Kampf gegen den CPE auch ihnen helfen soll«, fragt ein Student. Dass der Contrat première embauche (CPE), mit dem Betriebe ihre Berufsanfänger leichter heuern, aber auch feuern können, vor allem für die Vorstadtjugend gedacht war, kommt ihm nicht in den Sinn. Die Tolbiac-Studenten fragen: »Warum gehen wir nicht in die Vorstädte und erklären denen unseren Kampf, damit die sich uns anschließen?« – »Glaubst Du wirklich, dass die sich in unseren politischen Botschaften wiedererkennen?« – »Die machen mir mehr Angst als die CRS.« Einig sind sich die Studenten nur darin, dass sie sich bei der Großdemonstration diese Woche schützen werden – durch einen eigenen Ordnerdienst, der mit Tränengas und Schlagstöcken eingreift, wenn es knallt. Denn die Zurückhaltung der Polizei sehen sie nicht als willkommene Strategie der Deeskalierung, sondern als Abschreckung: Wenn die Demonstranten sich vor Schlägertrupps fürchten müssen, so könnte das Polizei-Kalkül lauten, bleiben viele von ihnen beim nächsten Mal zu Hause.

»Geht auf die Straße, sonst sitzt ihr morgen darauf.« Von der Parole auf vielen Demoplakaten hätten sich eigentlich auch die Vorstadtjugendlichen angesprochen fühlen müssen. Doch es scheint ihnen nur um dreierlei zu gehen: möglichst risikolose Schlägereien, Diebesbeute und eine Erwähnung in den Abendnachrichten.

Als Mitte Februar die großen Demonstrationen und Streiks gegen den neuen »Erstbeschäftigungsvertrag« losgingen, hatten die Sicherheitsbehörden nur eine Sorge: dass die Immigrantenkinder aus den Vorstädten zu ihren streikenden Altersgenossen in den Zentren hinzustoßen könnten, um gemeinsam gegen die ungeliebte Regierung Front zu machen. Anfangs standen die großen Pariser Kopfbahnhöfe unter verschärfter Aufsicht. Doch seitdem die Randalierer in kleinen Gruppen mit der Metro kommen, sind sie kaum mehr aufzuhalten. Selbst die linke Tageszeitung Libération, die seit Jahrzehnten die Protestmilieus kennt, ist ratlos: »Man weiß nicht, was die neuen Randalierer motiviert. Sicher ist nur, dass sie keinerlei politische Forderungen haben.«

Die Jugend aus den Banlieues hat gerade erst gelernt, dass man nur über sie spricht, wenn sie Autos anzündet. Seitdem die massive Polizeipräsenz wieder für Ruhe gesorgt hat, ist auch die öffentliche Aufmerksamkeit gesunken. Zu keinem Zeitpunkt hatten die Vorstadtkrawalle eine ähnliche Solidaritätsbewegung ausgelöst, wie sie jetzt die protestierenden Schüler und Studenten erleben. Sie finden Unterstützung durch Eltern, Lehrer, Gewerkschaften und Opposition, die gemeinsam zur Machtprobe mit der Regierung aufrufen. Die einen reden von précarité und Unsicherheit, die anderen leben längst darin. Eine gemeinsame Streikfront ist illusorisch, weil es keine Solidarität der Deklassierten gibt.

Unter den Randalierern herrscht die Losung vom »Rückspiel«. Ein Slogan auf den Protestplakaten der Bürgerkinder hieß: »Wenn die Jugend friert, klappert das Land mit den Zähnen.« Vom Schüttelfrost der Banlieues wollten sie bislang nichts wissen.