Paris-Montparnasse am Samstag voriger Woche, im Café Select. Julie Coudry und Florian Lux sitzen sich gegenüber. Sie ist Französin, 27, Studentin und als Chefin der Studentengewerkschaft Confédération Étudiante eine der wichtigsten Anführer der Studentenproteste der vorigen Wochen. Die Proteste wenden sich gegen ein Gesetz, CPE genannt, das eine zweijährige Probezeit für Berufsanfänger unter 26 Jahren einführen möchte. Die deutsche Studentenschaft hat keinen Kopf. Darum haben wir Florian Lux, einen Studenten aus Heidelberg, zum Gespräch gebeten, der in keiner politischen Organisation Mitglied ist und damit für die Mehrheit der deutschen Studenten steht. Er ist 22 und ist zurzeit an der Elitehochschule Sciences Po in Paris eingeschrieben. Julie Coudrys Telefon klingelt zunächst ständig, eifrig notiert sie Stichworte in einen Block. Endlich schweigt ihr Telefon. Julie Courdy und Florian Lux im Pariser März BILD

DIE ZEIT: Frau Coudry, Sie waren bis vor ein paar Minuten im Amtssitz des Premierministers…

Julie Coudry: …vor dem Amtssitz, um genau zu sein. Ich habe dort einen Brief an Villepin abgegeben, in dem ich ihm erkläre, weshalb wir ihn nicht treffen wollen. Wir haben keine Lust auf ein Treffen, dessen Ergebnis schon feststeht, wie Villepin es verkündet hat: Er will das Gesetz auf keinen Fall zurücknehmen.

ZEIT: Woher rührt Ihre Wut?

Coudry: Der tiefer liegende Grund ist der: Wir sind die Generation, die keine Perspektiven mehr hat. Frankreich ist ein reiches Land, immer noch, aber der Reichtum ist nicht für die Zukunft angelegt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es eine Generation, die schlechter leben wird als die vorherige. Um das Sozialsystem von heute zu sichern, wurde unsere Generation verschuldet. Wir haben Angst.

Florian Lux: Genau so erlebe ich das in Deutschland. Uns Jungen schwimmen die Felle davon.

ZEIT: Blicken Sie neidisch auf die französische Jugend, die es schafft, zu revoltieren, Herr Lux?

Lux: Neidisch bin ich nicht. Ich bin zwar hier einmal oder zweimal bei einer Demo mitgelaufen. Aber eher, weil sie direkt vor meiner Tür entlangging. Da konnte ich nicht anders. Gestern war ich wieder an der Uni. Zum Studieren, nicht zum Blockieren. Aber die Bewegung interessiert mich.

ZEIT: Weil Sie sich als Teil einer Jugend verstehen, die ausgenutzt wird?

Lux: Nein, persönlich fühle ich mich nicht ausgenutzt. Es ist schon seltsam: Ich versuche, hier in Frankreich ein Praktikum zu bekommen, damit ich meine Sprachkenntnisse weiter verbessere, statt mit der Generation Praktikum zu demonstrieren. Ich sehe das Problem der vielen unbezahlten Praktika. Aber ich mache weiter selber welche. Die meisten meiner deutschen Mitstudenten versuchen, so aus der Sache rauszukommen: indem sie sich immer besser qualifizieren. Vielleicht gibt es dann ja doch noch den ersehnten Job, wenn man der Beste ist.

ZEIT: Und Sie denken genauso?

Lux: Nicht ganz zufällig studiere ich zurzeit an der Sciences Po. Ich denke, ich habe eine gute Wahl getroffen, um voranzukommen, treffe hier viele sehr interessante Leute. Zugegebenermaßen sind viele Überehrgeizige darunter.

Coudry: Ich habe gar nichts gegen diese Art der Elite. Das Problem der Science Po, an der du studierst, ist das Auswahlverfahren für die Franzosen. Die Leute, die angenommen werden, kommen alle aus derselben gesellschaftlichen Schicht. Dabei wäre es sehr wichtig, dass auch die Leute Entscheider werden, die die Gesellschaft von anderen Seiten kennen.

Lux: Ich studiere, gebe mein Bestes, gehe ins Ausland. Eigentlich läuft alles gut. Aber trotzdem mache ich mir Sorgen, was aus mir wird. Eigenartig.

ZEIT: Frau Coudry, fühlen Sie sich von Ihrem Land belogen?

Coudry: Die größte Lüge, die in Frankreich existiert, ist die ständige Rede von dem »Modell Frankreich«. Wir haben eine hohe Arbeitslosigkeit, rund neun Prozent, wir haben die prekäre Lage derer, die einen Job haben, wir haben leere Sozialkassen. Was soll an all dem modellhaft sein?

Lux: Ich tue mich schwer damit, den Begriff »Lüge« zu verwenden. Mir fällt auch gar keine ein, der ich als Deutscher aufgesessen wäre.

ZEIT: »Die Rente ist sicher«, dieser Satz von Norbert Blüm vielleicht?

Lux: Das ist doch keine Lüge. Das ist politische Rhetorik. Wer solche Sätze hört, weiß doch, dass sie rhetorisch sind.