LEBENSZEICHEN
Werbeträger
Harald Martenstein über aufdringlichen Kapitalismus
Ich war zum Einkaufen bei Kaisers. An der Kasse saß ein Mann. Auf dem Kragen seines Hemdes stand ein Text, zweimal, also auf beiden Seiten des Kragens: »Unwiderstehlich frisch«. Seine Krawatte trug ein Muster aus bauchigen Kaffeekannen. Die bauchige Kaffeekanne ist das Markenzeichen oder meinetwegen das Logo von Kaisers.
Früher, in der alten Filiale, trugen die Kassierpersonen ganz normale Klamotten, darüber einen dünnen weißen Kittel mit der Aufschrift oder meinetwegen dem Logo. Ich dachte: »Das mit dem Kragen ist too much. Das ist entwürdigend.« Wenn man Menschen als Werbeflächen verwendet, erinnert mich dies aufgrund meiner historischen Bildung an ein Phänomen namens Leibeigenschaft. Ich finde, der Arbeitgeber hat kein Recht auf Beschriftung des Körpers. Bei Fußballern ist es was anderes, die kriegen wenigstens 500000 Euro oder so ähnlich dafür. Ich dachte: »Fuck capitalism.«
An dem Tag war ich aus Paris zurückgekommen. Ich sollte eine Reportage über die Pariser Studenten- und Schülerunruhen schreiben. Bei der Schüler- und Studentendemo war fast der gesamte Demonstrationsweg links und rechts mit Werbeplakaten der Popmusikindustrie gepflastert, Werbung für neue CDs. Die Plakate waren extra wegen der Demonstration an den Laternenpfählen befestigt worden, weil bei der Demonstration die Zielgruppe am Start ist. Da dachte ich: »Renculez le capitalisme.« Wenigstens als Demons-trant möchte man in Ruhe gelassen werden.
Dabei bin ich gar nicht antikapitalistisch oder antiwerbistisch. Ich mag bloß nicht, wenn es übergriffig wird. Der Kapitalismus ist wie ein Typ, der einem beim Reden zu nahe auf die Pelle rückt, sodass man den Atem riecht. Und dann fasst einen dieser Typ auch noch an. Ich mag das nicht. Und jetzt müssen die Leute sogar Uniformen tragen, ähnlich wie man in anderen Systemen blaue Hemden tragen musste. Das ist auch wieder eine Grenzüberschreitung.
Dann kam im Fernsehen Was erlauben Strunz, eine Talkshow. Als Vertreter der 54er Fußballweltmeister-Generation war Horst Eckel anwesend, ein alter Herr, der Mario Basler extrem auffällig ähnlich sieht. Ich möchte niemandem etwas unterstellen. Beide kommen allerdings aus der gleichen Gegend. Horst Eckel sprach darüber, wie unkommerziell damals alles war und dass sie für den WM-Sieg einen Motorroller gekriegt haben. Auf seinem Kragen war ein Werbeaufdruck. Da dachte ich, dass sie als Nächstes bestimmt die historischen alten Filme nehmen und neue Werbeaufschriften hineinmontieren. Bei Guido Knopp werden auf den Fahnen statt der Hakenkreuze die Auerhähne von Hasseröder zu sehen sein. Nein, dies ist nicht mehr mein Land.
Neulich ist eine Tante von mir gestorben. Da fiel mir auf, dass der Friedhof eigentlich die letzte werbefreie Zone des Lebens ist. Als Übernächstes kommt die Werbung auf Friedhöfen.
PS: Vor ein paar Wochen habe ich im Rahmen einer Werbeaktion den ersten und den letzten Satz der Kolumne zum Verkauf angeboten. Die Werbeaktion ist beendet, die Einsendungen waren zahlreich, die Auflösung kommt nächste Woche.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
- Kommentare 4
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Martensteins Kolumne ist grandios - grundsätzlich.
Aber diesmal ist es augenfällig unappetitlich wenn der Artikel genau so für die e-Werbung umgebrochen wird, dass unter der Werbeeinblendung "und dabei bin ich gar nicht antikapitalistisch oder antiwerbistisch" steht. Das freut die Werbepartner. Den Leser ärgert's.
Kommt in dem Zusammenhang einfach schlecht.
Eine grandiose Geschichte.
Die Werbung passt zwar nicht, aber ist ein Beweis, der für die Geschichte spricht -- Bravo!
- Gleich vorweg - der Dank ist fuer eine fruehere Martenstein-Kolummne, die mir Dank Auslandswohnsitz en papier immer etwas spaeter zugegehen.
Aber dieser Dank wollte gesagt sein.
Porno!
Denn in der letzen Wochenendsueddeutschen war doch dieser Artikel von Christian Kracht ueber Afghanistan, etwa vom Faserland-Jungen, der auszog, das Fuerchten zu lernen und dann aber doch nur einen doppelseitigen Egotrip nach Kabul hingelegt hat.
Der Text war von zeitgenoessischer Belanglosigkeit - lediglich gen Ende kommentierte der Autor mit Porno, und dieses Wort im Kontext mit Afghanistan stach ins Auge und blieb mir doch verschlossen.
Dankbar war ich also, als ich unmittelbar danach den aufklaererischen Martensteinartikel ueber jugendliche Umgangssprache an die Hand bekam, wo der Martensteinspross klar sagt, was Sache ist.
Und weswgen man offenbar gewisse Dinge in Afghanistan Porno finden kann und dies lediglich eine hoechst positive Bewertung ist.
Zudem Schmunzeln bei der von Martenstein jr. indizierten Altersgrenze fuer den zitierten Sprachgebrauch.
Der Kracht ist doch auch schon Mitte dreissig, oder?
dd
Zwei Bemerkungen:
Das Kaiser's Personal ist symptomatisch dafür, dass Menschen bei immer schlechterer Bezahlung immer mehr zu Sklaven höchst fragwürdiger Unternehmensinteressen verkommen.Konzepte wie Corporate Identity und ähnlicher Schwachsinn, die aus Individuen Konzernmonster zu machen versuchen.
Der öffentliche Raum wird immer mehr durch die idiotischsten Werbebotschaften okkupiert, was einfach ekelerrregend zuviel ist. Der Mensch verkommt zu einem Konsumfetischisten, wenn er sich nicht reflektierend von diesen Botschaften distanziert und alles tut, um es zu vermeiden ihnen ausgesetzt zu sein.
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