Ich habe einen Traum Axel Milberg

Axel Milberg, 49, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er lebt mit seiner Frau Judith und vier Kindern in München. In seiner Rolle als wortkarger und misstrauischer Kieler "Tatort"-Kommissar Borowski ist er am Sonntag, 2. April, wieder in der ARD zu sehen. Milberg, in Kiel geboren und aufgewachsen, war 17 Jahre lang Mitglied im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Hier träumt er von seinem Elternhaus

Heute Nacht habe ich geträumt, ich sitze auf einem Wagen, der von einem Pferd gezogen wird; ein Bauer treibt die Pferde an, ich lasse die Beine baumeln, eine Frau sitzt neben mir und sagt: »Ich ziehe jetzt nach Südamerika«, und ich hoffe für einen Moment, dass sie mich fragt: »Kommst du mit?« Wenn ich mich richtig erinnere, sah sie aus wie Nicole Kidman. Man beachte den Namen: und Irgendwie landen wir beide dann in meinem Elternhaus in Kiel, wir stehen in einem Flur, den die Nachmittagssonne bescheint, ich führe meine Hand an den Mund und sage: »Dass ich das noch mal erleben kann, dass ich das noch mal sehen kann. Es ist ja noch alles da.« An diese Szene erinnerte ich mich, als ich um kurz vor sieben Uhr geweckt wurde.

Vor einem Jahr haben meine Geschwister und ich mein Elternhaus verkauft. Das Besondere an diesem Haus war, dass, solange ich denken kann, alles immer an derselben Stelle stand. Ich sah dort gewissermaßen die Welt, die ich als Kind schon gesehen hatte, es war zumindest immer dasselbe Material. Mein Traum wäre eigentlich gewesen, dieses Haus eines Tages mit meiner eigenen Familie zu bewohnen. Hätte es in München gestanden, hätte ich es nicht verkauft. Es hätte auch genug Zimmer gehabt, um uns alle sechs unterzubringen. Nun ist das Haus verkauft, aber in Gedanken besuche ich es immer wieder.

Anzeige

Es gibt keine Straße der Welt, die so ruhig daliegt wie der Forstweg in Kiel-Düsternbrook, in Dunkel getaucht, kaum Straßenlaternen. Man riecht die Nähe des Meeres, etwas Magisches liegt hier für mich in der Luft. Hoch oben gelegen, so ein bisschen wie das Haus in Psycho, mein Elternhaus. Ich höre das knarzende Geräusch der Tür, dann geht es die Treppen hoch, am Vorgarten vorbei, ich greife nach dem schweren Türgriff in Form einer Sonne, und ein bestimmter Geruch empfängt mich, der immer gleich gewesen ist und der auch noch dablieb, als alle Teppiche und Möbel und Bilder und Bücher schon aus dem Haus entfernt, verkauft, verschenkt, verschifft waren. Der Geruch blieb auch nach dem Tod meiner Eltern.

Im ersten Stock gibt es rechts das so genannte Barockzimmer, da hat immer ein riesiger Barockschrank gestanden, der diesem Zimmer den Namen gab. Als auch er weggeräumt worden war, sah ich zum ersten Mal, dass meine liebe Mutter in den letzten fünfzig Jahren, die der Schrank so dastand, immer um ihn herumtapeziert hatte. Das heißt, ich sah die neueste Tapete und dahinter die Tapete der achtziger Jahre, dahinter eine der siebziger, sechziger und fünfziger Jahre und ganz in der Mitte eine weiße Fläche. Und später fand ich oben auf dem Dachboden tatsächlich – es wurde ja nichts weggeworfen – auch die Tapetenrollen der verschiedenen Zeitalter.

Immer wenn ich in den vergangenen Jahren den Weg von meinem Elternhaus zu meiner Grundschule, der Reventlow-Schule, gegangen bin, dachte ich, wie schön das wäre, wenn mein Sohn dahin ginge. Aber das war nicht möglich. Es durfte auch gar nicht sein. Als ich in jungen Jahren Kiel verließ, war mir klar, ich musste mich neu erfinden. Ich kann nicht Schauspieler sein und in meinem Elternhaus wohnen. Ich hatte mich immer neu erfunden, nicht unbedingt gegen die Familie und die Herkunft, aber in einer parallelen Welt, in meiner Fantasie und in meinem Verhalten. Exzentrisch, launisch und etwas überheblich, war ich von Anfang an darauf aus, diese Kontinuität zu durchbrechen. Ich träumte die ersten zwanzig Jahre meines Lebens. Man kann eigentlich sagen, dass ich bis heute ein Träumer bin.

Ich wusste immer, was ich machen wollte, seit ich als kleiner Junge nach einer Musik tanzte, die es gar nicht gab, die war nur in mir. Schauspielern nannten es meine Eltern. Das Wort kannte ich gar nicht, ich wusste nicht, was das ist. Es war irgendetwas in der Ferne, das fand nicht am Kieler Stadttheater statt, es war mehr der amerikanische Film. Ich träumte mich weg aus dem Kieler Dauerregen und der familiären Spannung in ein Spiel, das einen Anfang, eine Dramaturgie und ein Ende hatte.

Mein Traum war immer, wegzugehen und Dinge zu erleben, die ich mir damals ja gar nicht vorstellen konnte. Dieser Traum des Berufs, der ist in Erfüllung gegangen und hat mich in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren mit so vielen interessanten Menschen zusammengebracht, die auch weitgehend ihre Träume gelebt haben.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service