Auf den ersten Blick bietet die alte Frau ein Bild des Jammers. Ein schmutziggrauer Wollschal umrahmt ihr tief zerfurchtes Gesicht, ihre krumme, rot gefrorene Hand umklammert ein Säckchen Brennholz, das sie auf dem Buckel durch den tiefen Schnee schleppt. Doch als sie stehen bleibt und spricht, da blitzen ihre Augen freundlich, und ihr Gesicht strahlt eine Lebensfreude aus, die in seltsamem Kontrast steht zu dem Elend, in dem sie lebt. Sie heißt Hanna Michaelowna Radkiewitsch, und ihr Dorf heißt Ilincy – lauter verlassene, zerfallende Holzhäuser, in den Gärten wuchert junger Wald. Ilincy liegt in der Ukraine, in der verstrahlten Sperrzone um Tschernobyl, etwa zwanzig Kilometer vom zerstörten Reaktor entfernt. Der Kontrollraum des zerstörten Kraftwerkblocks 4 - Diese und weitere Fotografien von Robert Polidori sind noch bis 26. Juni 2006 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. BILD

Hanna Radkiewitsch führt uns zu ihrer Überlebensinsel. Sie liegt, mit Wellpappe abgedeckt, hinter einer langen, sorgfältig geschichteten mannshohen Mauer aus Brennholz. Ein paar Hühner kommen aufgescheucht aus der offenen Tür des verwitterten, blaugrauen Holzhauses gewackelt und laufen über den matschigen Hof zurück in ihren Stall. Mensch und Huhn leben hier in enger Symbiose; wer die Radioaktivität nicht scheut, braucht die Vogelgrippe nicht zu fürchten.

Seit 1947 wohnt Hanna Radkiewitsch in Ilincy. Das Dorf hatte mehr als 600 Einwohner, als es im Mai 1986 zwangsevakuiert wurde, kurz nach der Explosion des Reaktors. »Nur für drei Tage«, wurde ihnen gesagt. Aus den Tagen wurden Wochen. Aus den Wochen Monate, Jahre, Jahrzehnte.

So lange haben viele der Vertriebenen gar nicht erst gewartet. Zehntausende sind aus dem vom radioaktiven Fallout belasteten Dreiländereck von Weißrussland, Russland und der Ukraine ausgewandert, vor allem junge, gut ausgebildete Leute. Vielen Älteren schlug das Leben in ungewohnter Umgebung schwer aufs Gemüt – ohne Arbeit und Perspektive, die Einheimischen zeigten ihnen oft die kalte Schulter, etliche hatten selbst auf den vergebenen Wohnraum gehofft. BILD

Landmenschen wie Hanna Radkiewitsch vegetieren ungern in Hochhäusern, sie kehrte auf Schleichwegen zurück in ihr Haus. Sperrzone und Radioaktivität waren Hunderten Rücksiedlern schnuppe, hier wollten sie leben, mit ihren Tieren. Längst duldet der Staat die Rücksiedler. Eine kleine Rente wird monatlich vorbeigebracht, ein fliegender Händler und eine Ärztin kommen regelmäßig nach Ilincy, drei Dutzend Menschen leben noch hier. Mit Macht holt sich die Natur zurück, was der Mensch einst schuf. Wege, Gärten, Felder werden von Pionierpflanzen wie Birken, Pappeln, Erlen und Gestrüpp überwuchert. Die ehemaligen Todes- und Sperrzonen um den Reaktor entwickelten sich zu Naturparadiesen. Nach dem Unfall hatte es schlimm ausgesehen. Ein Kiefernwald in Reaktornähe sah wie verbrannt aus, dieser »rote Wald« wurde von Panzern untergepflügt. Zahllose Tiere starben, Tot- und Missgeburten häuften sich, auch bei Pflanzen kam es zu Fehlbildungen. In Tümpeln, Teichen, Gräben schwammen verkrüppelte Frösche.

Doch inzwischen ist der größte Teil der Radioaktivität wieder aus dem Lebensraum verschwunden – etwa das Jod, das von den strahlenden Weiden auf die Kühe und deren Milch überging. Dieses radioaktive Jod ist instabil und zerfällt pro Woche fast zur Hälfte, Halbwertszeit acht Tage. Nach wenigen Monaten war der Strahlenspuk fast vollständig verschwunden. Leider nur aus der Umwelt. In den Schilddrüsen Tausender Menschen, besonders von Kindern, hat das Jod verheerende Spuren hinterlassen: Krebs. Schilddrüsen sammeln Jod begierig auf, weil sie es für ihre Hormonproduktion unbedingt brauchen – die fatalen Folgen zeigten sich erst Jahre später. Vielen Menschen stehen Krebserkrankungen noch bevor.

Aus den fließenden Gewässern ist die Radioaktivität weitgehend verschwunden, nur in den Sedimenten finden sich noch strahlende Überreste. Auf der zugefrorenen Pripjat, dem Fluss, der das Kühlwasser für den Unglücksreaktor lieferte, sitzen wieder die Eisfischer und angeln. Verdrängen sie alles, oder sind die Männer einfach realistisch?