Atomkraft Es gibt ein Leben nach Tschernobyl
Zuerst kehrten die Alten zurück, denen Heimat mehr bedeutete als Radioaktivität. Zwanzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe haben sich die Menschen der Region mit der Strahlung trotzig arrangiert
Auf den ersten Blick bietet die alte Frau ein Bild des Jammers. Ein schmutziggrauer Wollschal umrahmt ihr tief zerfurchtes Gesicht, ihre krumme, rot gefrorene Hand umklammert ein Säckchen Brennholz, das sie auf dem Buckel durch den tiefen Schnee schleppt. Doch als sie stehen bleibt und spricht, da blitzen ihre Augen freundlich, und ihr Gesicht strahlt eine Lebensfreude aus, die in seltsamem Kontrast steht zu dem Elend, in dem sie lebt. Sie heißt Hanna Michaelowna Radkiewitsch, und ihr Dorf heißt Ilincy – lauter verlassene, zerfallende Holzhäuser, in den Gärten wuchert junger Wald. Ilincy liegt in der Ukraine, in der verstrahlten Sperrzone um Tschernobyl, etwa zwanzig Kilometer vom zerstörten Reaktor entfernt.
Hanna Radkiewitsch führt uns zu ihrer Überlebensinsel. Sie liegt, mit Wellpappe abgedeckt, hinter einer langen, sorgfältig geschichteten mannshohen Mauer aus Brennholz. Ein paar Hühner kommen aufgescheucht aus der offenen Tür des verwitterten, blaugrauen Holzhauses gewackelt und laufen über den matschigen Hof zurück in ihren Stall. Mensch und Huhn leben hier in enger Symbiose; wer die Radioaktivität nicht scheut, braucht die Vogelgrippe nicht zu fürchten.
Seit 1947 wohnt Hanna Radkiewitsch in Ilincy. Das Dorf hatte mehr als 600 Einwohner, als es im Mai 1986 zwangsevakuiert wurde, kurz nach der Explosion des Reaktors. »Nur für drei Tage«, wurde ihnen gesagt. Aus den Tagen wurden Wochen. Aus den Wochen Monate, Jahre, Jahrzehnte.
So lange haben viele der Vertriebenen gar nicht erst gewartet. Zehntausende sind aus dem vom radioaktiven Fallout belasteten Dreiländereck von Weißrussland, Russland und der Ukraine ausgewandert, vor allem junge, gut ausgebildete Leute. Vielen Älteren schlug das Leben in ungewohnter Umgebung schwer aufs Gemüt – ohne Arbeit und Perspektive, die Einheimischen zeigten ihnen oft die kalte Schulter, etliche hatten selbst auf den vergebenen Wohnraum gehofft.
Landmenschen wie Hanna Radkiewitsch vegetieren ungern in Hochhäusern, sie kehrte auf Schleichwegen zurück in ihr Haus. Sperrzone und Radioaktivität waren Hunderten Rücksiedlern schnuppe, hier wollten sie leben, mit ihren Tieren. Längst duldet der Staat die Rücksiedler. Eine kleine Rente wird monatlich vorbeigebracht, ein fliegender Händler und eine Ärztin kommen regelmäßig nach Ilincy, drei Dutzend Menschen leben noch hier. Mit Macht holt sich die Natur zurück, was der Mensch einst schuf. Wege, Gärten, Felder werden von Pionierpflanzen wie Birken, Pappeln, Erlen und Gestrüpp überwuchert. Die ehemaligen Todes- und Sperrzonen um den Reaktor entwickelten sich zu Naturparadiesen. Nach dem Unfall hatte es schlimm ausgesehen. Ein Kiefernwald in Reaktornähe sah wie verbrannt aus, dieser »rote Wald« wurde von Panzern untergepflügt. Zahllose Tiere starben, Tot- und Missgeburten häuften sich, auch bei Pflanzen kam es zu Fehlbildungen. In Tümpeln, Teichen, Gräben schwammen verkrüppelte Frösche.
Doch inzwischen ist der größte Teil der Radioaktivität wieder aus dem Lebensraum verschwunden – etwa das Jod, das von den strahlenden Weiden auf die Kühe und deren Milch überging. Dieses radioaktive Jod ist instabil und zerfällt pro Woche fast zur Hälfte, Halbwertszeit acht Tage. Nach wenigen Monaten war der Strahlenspuk fast vollständig verschwunden. Leider nur aus der Umwelt. In den Schilddrüsen Tausender Menschen, besonders von Kindern, hat das Jod verheerende Spuren hinterlassen: Krebs. Schilddrüsen sammeln Jod begierig auf, weil sie es für ihre Hormonproduktion unbedingt brauchen – die fatalen Folgen zeigten sich erst Jahre später. Vielen Menschen stehen Krebserkrankungen noch bevor.
Aus den fließenden Gewässern ist die Radioaktivität weitgehend verschwunden, nur in den Sedimenten finden sich noch strahlende Überreste. Auf der zugefrorenen Pripjat, dem Fluss, der das Kühlwasser für den Unglücksreaktor lieferte, sitzen wieder die Eisfischer und angeln. Verdrängen sie alles, oder sind die Männer einfach realistisch?
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Hans Schuh gehört die Anerkennung, dass er die Feststellungen des Tschernobyl-Forums nicht als reine interessengebundene Propaganda der Atom-Lobby abtut, wie es z. B. der einflussreichste Atom-Gegner der SPD, Hermann Scheer in einem ZEIT-Artikel beschreibt, der dem Forum jegliche Objektivität abspricht, in dem er von 70000 Todesopfern und einschließlich verzweifelter Selbstmorde und noch zu erwartende Zehntausende weiterer Spätopfer berichtet. (http://www.zeit.de/2004/3...)
Und selbst der Chefredakteur der ZEIT, Di Lorenzo, hält die Angaben des Forums für nicht glaubwürdig (http://zeus.zeit.de/comme...
sondern sieht nicht bewiesene Vermutungen für vertrauenswürdiger an und unterstellt bei Lesern, die das Forum als seriös ansehen, mangelnde Kritikfähigkeit.
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Tschernobyl ist nicht nur für die Atomkraftgegner, sondern auch für viele Normalbürger das Symbol für die Ablehnung der Atomkraft, das deshalb auch entsprechend in der Politik exzessiv eingesetzt wird,, so dass eine rationale Debatte darüber kaum möglich ist.
Während Scheer ohne Nachweis von 70000 Toten ausgeht, bezeichnet das Tschernobyl Forum die Anzahl der direkt zurechenbaren Toten auf nicht mehr 56. Die Schilddrüsenerkrankungen sind zu 99 % geheilt.
Für 4000 Menschen aus einer Gesamtheit von 200000 besteht infolge höherer Strahlenbelastung eine nicht abschätzbare gesteigerte Erkrankungsgefahr. Wie das Forum fordert, sollte man den 196000 Menschen endlich bescheinigen, dass sie nicht besonders gefährdet sind. Denn deren Ungewissheit über ihren Zustand ist enorm : Die Hauptursache für viele Selbstmorde liegt in dem Stress, den man ihnen in ihrer Ungewissheit bereitet.
Tschernobyl ist das Symbol für die Gefährlichkeit der Atomkraft. An einer realen Einschätzung ist offenbar kaum niemand interessiert. Der Atom-Kraft-Bewegung inkl. vieler Politiker ging ein symbolträchtiges Argument verloren, das derzeit fast die gesamte Diskussion und das öffentliche Bewusstsein in Deutschland dominiert.
Und viele Bewohner um Tschernobyl möchten auf eine monatlichen Unterstützung von 100 Dollars nicht verzichten.
Andere sind da bereits viel pragmatischer. Während in Deutschland Tschernobyl weiterhin als Symbol für den Atom-Ausstieg angeführt wird, veranstaltet ein schweizer Reisebüro derzeit bereits organisierete Tourismus-Reisen bis zum Reaktor, ohne Strahlenbelastung, die sorgsam überprüft wird.
Können "Schilddrüsen-Erkrankungen" überhaupt "heilen"? Soviel ich weiss bis heute NICHT, nach Operationen zur Entnahme der Schilddrüse infolge von Krebs uss lebenslang hormonell substituiert werden. Die Substitution muss regelmäßig kontrolliert werden. Eine weitere Einnahmequelle für Pharmaindustrie, Medizintechnik und Ärzten bzw. Apotheken. Und ein Schritt in die Abhängigkeit für die Patienten. So erhält sich ein Risiko-System selbst.
Können "Schilddrüsen-Erkrankungen" überhaupt "heilen"? Soviel ich weiss bis heute NICHT, nach Operationen zur Entnahme der Schilddrüse infolge von Krebs uss lebenslang hormonell substituiert werden. Die Substitution muss regelmäßig kontrolliert werden. Eine weitere Einnahmequelle für Pharmaindustrie, Medizintechnik und Ärzten bzw. Apotheken. Und ein Schritt in die Abhängigkeit für die Patienten. So erhält sich ein Risiko-System selbst.
Der Artikel von Hans Schuh kann nicht unwidersprochen bleiben. Natürlich gibt es ein Leben nach Tschernobyl. Aber was für ein Leben? Zwischen 1986 und 2002 ist die Rate von Hirntumoren bei Kindern zwischen 1 und 3 Jahren um das 6fache angestiegen (Mykhalyuk 2002) Dies Tatsache kann sicher nicht mit einem veränderten "Lebensstil" (Angst, Unsicherheit, Entwurzelung) erklärt werden. Unterschlagen wird weiterhin, daß der fall-out ca. 3 Millionen Kinder betroffen hat. Der starke Zunahme von Schilddrüsenkrebs betrifft inzwischen besonders Jugendliche und Erwachsene (Lengfelder 2002). Natürlich sind diese Karzinome operabel. Aber sie erfordern lebenslange Kontrolluntersuchungen und metastasieren besonders schnell, was die Überlebenschancen gegen Null bringt. Insofern sind die Zeilen von Schuh meines Erachtens eine medizinisch verbrämte Verhöhnung der Opfer.
Dr. med. Ch. Dembowski, Kinderarzt, 27356 Rotenburg
Neue Studien von IPPNW, Greenpeace, den Grünen und der Russischen Akademie der Wissenschaften strafen die Zahlen des laut Hans Schuh angeblich so "glaubwürdigem" Tschernobyl-Forum Lügen.
Hier einige Fakten zu dem Bericht. Beispielsweise wurde seitens der an der Studie beteiligten Internationalen Atomenergiebehörde verlautbart, dass auch künftig höchstens 4.000 zusätzliche Krebs- und Leukämietote unter den am meisten belasteten Menschengruppen zu befürchten seien. Dem zugrunde liegenden Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO ist aber tatsächlich eine Zahl von rund 8.930 künftigen Toten zu entnehmen. Überprüft man schließlich noch die im WHO-Bericht zu dieser Frage angegebene Literaturquelle, so ergeben sich aus dieser Quelle sogar 10.000 bis 25.000 zusätzliche Krebs- und Leukämietote.
Ein anderes Beispiel: In dem vorliegenden Bericht des Tschernobylforums werden nur 200.000 Liquidatoren
berücksichtigt, die in den schlimmen Jahren 1986 und 1987 im Einsatz waren. Es bleibt offen, aus welchen Gründen nicht alle 350.000 Liquidatoren einbezogen wurden, die nach
Angaben der IAEA vom August 2005 in diesen beiden Jahren im Einsatz waren. Würde man diese aktuellen Angaben der IAEA verwenden, würde sich die Zahl der allein bei den
Liquidatoren der Jahre 1986 und 1987 zu erwartenden zusätzlichen Krebs- und Leukämietoten um 1.650 erhöhen.
Es gibt viele weitere schwerwiegende Mängel dieser sogenannten Studie, die hier aufzulisten der Platz fehlt. Nur eines noch: Bei dem vorgelegten WHO-Bericht handelt es sich lediglich um eine Literaturstudie. Die Autoren trafen sich viermal in Genf, um über den Bericht zu beraten. In vielen Fragen stützt sich der Report lediglich auf Daten aus den Jahren von 1990 bis 1998. Neuere Studien blieben völlig unberücksichtigt.
Angelika Wilmen
Können "Schilddrüsen-Erkrankungen" überhaupt "heilen"? Soviel ich weiss bis heute NICHT, nach Operationen zur Entnahme der Schilddrüse infolge von Krebs uss lebenslang hormonell substituiert werden. Die Substitution muss regelmäßig kontrolliert werden. Eine weitere Einnahmequelle für Pharmaindustrie, Medizintechnik und Ärzten bzw. Apotheken. Und ein Schritt in die Abhängigkeit für die Patienten. So erhält sich ein Risiko-System selbst.
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