Tel Aviv An den mit Wahlkampfplakaten zugehängten Straßenkreuzungen hatten diesmal keine Rededuelle stattgefunden. Auf den Heckscheiben der Autos prangten kaum Aufkleber. Viele Wahlveranstaltungen waren nur kärglich besucht. All dies war eher ungewöhnlich für ein Land, in dem Politik einst zur täglichen Mahlzeit gehörte wie das Pitabrot. Doch dieses Mal stand der Sieger bereits im Voraus fest; die Frage war bloß noch, wie hoch die neue Kadima-Partei gewinnen würde. Dennoch hat Dienstagnacht eine neue Ära in Israel begonnen. Kadima, das Produkt von Ariel Scharons Urknall, drängte sich zwischen die beiden großen historischen Blöcke – Likud und Arbeitspartei – und schaffte den ersten Platz, wenn auch mit weniger Vorsprung als erwartet. Parteichef Ehud Olmert wird es nicht leicht haben, eine stabile Koalition zu bilden. BILD

Ein deutlicherer Sieg hätte Olmert auch das Leben in seiner neuen Partei erleichtert. Kadima ist eine Partei ohne Vergangenheit. Ihre Mitglieder hatten sich vor allem um den im Sterben liegenden Ariel Scharon geschart. Doch welches Programm, welche Vision, welches Konzept für Israel wird die »Nationalmannschaft mit den besten Spielern«, wie Olmert sein Team nennt, zusammenhalten? Zwischen der Weltanschauung des ehemaligen Arbeitsparteimitglieds Schimon Peres und jener des Ex-Likudniks Zachi Hanegbi liegen Welten. Bald schon werden die ersten Risse auftreten. Dann wird sich zeigen, ob Kadima die Kraft hat, eine veritable Partei zu werden, die länger als eine Wahlperiode hält.

Olmerts natürlicher Koalitionspartner ist die Arbeitspartei, die ebenfalls zu den Gewinnern der Wahl gehört. Ihr Vorsitzender Amir Peretz schrieb sich den Kampf gegen die wachsende Armut auf die Fahnen. Und in der Tat bedrücken Arbeitslosigkeit, steigende Preise und niedrige Renten viele Israelis. Peretz bezeichnete die sozialen Probleme deshalb als »größte strategische Bedrohung« und hauchte damit seiner erstarrten Partei wieder Leben ein. »Wir haben eine sozialdemokratische Partei erschaffen«, jubelte Juli Tamir, die zu den führenden Köpfen gehört, noch am Wahlabend.

Peretz wird Olmerts Plan nicht im Weg stehen. Der alte und wohl neue Premier will in den nächsten vier Jahren die künftigen Grenzen Israels festlegen. Was das im Einzelnen für das Westjordanland und die dort lebenden Palästinenser auch heißen mag, es bedeutet auf jeden Fall die Aufgabe besetzter Gebiete und den Abbau von Siedlungen. So gesehen, war die Wahl tatsächlich ein Referendum über die Zukunft des Westjordanlands, wie es Likud-Chef Benjamin Netanjahu im Wahlkampf immer wieder prophezeite. Gepunktet hat er damit nicht. Abgeschlagen auf dem vierten Platz, gehört er zu den großen Verlierern.

Offen ist, ob in Olmerts künftiger Regierung Platz sein wird für Avigdor Liebermann, dessen Partei Israel Beitenu überraschend auf den dritten Platz kam. Liebermann, der aus Moldawien stammt und einst ein enger Vertrauter Netanjahus war, bevor er noch weiter nach rechts abdriftete, setzt sich heute für die Teilung des Landes ein – allerdings zu seinen Bedingungen. Im Gegenzug für die Rückgabe jüdischer Siedlungen an die Palästinenser will er arabische Israelis loswerden. Liebermann hat vor allem die Stimmen von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion gewinnen können. Viele von ihnen hätten Kadima gewählt, wenn Scharon noch an der Macht gewesen wäre.