Lehrplan fürs Leben

Null Toleranz und Sprachferien: Es braucht Härte und Hilfe, um die Probleme der Schulen zu lösen

In Berlin brennen keine Barrikaden wie kürzlich in den Pariser Vorstädten. Anders als in den USA sind Gewaltverbrechen an deutschen Schulen die absolute Ausnahme. Nach den Alarmrufen Berliner Hauptschulen nun Bürgerkriegsszenarien zu beschwören, wie es mancher tut, hilft nicht weiter. Es ist ja schlimm genug: Lehrer haben Angst, von ihren Schülern die minimalen Regeln des Zusammenlebens einzufordern; Jugendliche erwarten nichts mehr von ihrer Zukunft in diesem Land und kultivieren ihr eigenes Scheitern. Die Reaktionen der Politiker machen die Sache nicht besser. Sie verlangen Hilfen, die es bereits gibt (Sprachkurse vor der Einschulung), oder Härte, die es nicht geben sollte. Jugendliche abzuschieben, die neun Jahre lang in Deutschland zur Schule gegangen und womöglich hier geboren sind, ist eine ebenso große Kapitulation wie die Bitte Berliner Lehrer, ihre Schulen aufzulösen.

Die Integrationskonzepte seien gescheitert, heißt es nun. Welche Konzepte? Etwa die Verbohrtheit, mit der viele leugnen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist? Oder die Laisser-faire-Haltung, die hinnimmt, dass jeder zweite Schulabgänger aus einer Migrantenfamilie beim Lesen nicht über Grundschulniveau hinauskommt? Die Zahl der Ausländerkinder ist in manchen Klassen auf hundert Prozent gestiegen, sodass ein Unterricht kaum möglich ist. Warum hat dies niemand verhindert?

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Jetzt soll Schluss mit Multikulti sein. Wenn es wenigstens das gegeben hätte! Dann würden Lehrer in diesen Schulen unterrichten, die auch türkisch oder arabisch sprechen und Zugang zur Lebenswelt der Jugendlichen haben. Oder es würde einen islamischen Religionsunterricht geben, der anerkennt, dass ein Großteil unserer Schüler nichtchristlichen Glaubens ist.

Auch die Bildungspolitik folgte der Lebenslüge, dass sich ein Land, in das Millionen Fremde kommen, nicht ändern muss. Mittlerweile haben knapp 30 Prozent der Schüler einen so genannten Migrationshintergrund, in Großstädten sind es 40 Prozent. Doch selbst nach mehr als drei Jahrzehnten Einwanderung bereitet die Universität Lehrer auf diese Realität nicht vor, Schulpsychologen oder Sozialarbeiter werden erst dann eingesetzt, wenn es brennt. Was noch schwerer wiegt: Sämtliche Schwächen des deutschen Schulsystems – das niedrige Bildungsangebot unserer Kindergärten, die fehlende Ganztagsbetreuung, die schlechte Förderkultur, der extreme Einfluss der Herkunft auf die Leistungen – treffen Migrantenschüler besonders hart.

Die Hauptschule ist Teil dieses Problems. Sie gehört aufgelöst. In Großstädten besuchen den pädagogischen Schmuddelort nur noch rund zehn Prozent eines Jahrgangs, fast durchgängig Schüler mit Lernschwierigkeiten und Null-Bock-Mentalität. Vereint man Haupt- und Realschule, verschwinden diese Problemfälle zwar nicht. Aber sie bilden keine Mehrheit mehr. Die Leistungsstärkeren ziehen die Schwächeren mit. Die Kultur des Versagens könnte aufbrechen. Man muss kein Freund der Gesamtschule sein, um diese Einsicht zu akzeptieren. Auch in der CDU, etwa in Hamburg, wächst sie.

Nun soll ein »Integrationsgipfel« Vorschläge liefern, wie weitere Klassenkämpfe zu verhindern sind. Ideen gibt es genug. Bremen schickt Kinder mit Sprachproblemen zum Deutschlernen ins Ferienlager. Schulen setzen auf strikte Regeln, auf Erziehungsverträge mit den Eltern und eine Zusammenarbeit mit Unternehmen. Eine verpflichtende wie kostenlose Kindergartenbetreuung, Stipendien und Quoten für türkische Lehramtskandidaten versprechen ebenso Hilfe.

Leserkommentare
    • WeiKoe
    • 06.04.2006 um 9:19 Uhr

    Sie haben völlig Recht, warum gehen wir Lehrer nicht offensiver vor? Wir hätten doch allen Grund dazu. Stimmt. Und es gibt sie, engagierte Lehrer, die Probleme offen ansprechen und Veränderungen aktiv anstreben. Nur leider ziehen wir damit persönlich ganz oft so dermaßen die A****karte, dass man jegliche Lust verliert, sich noch für irgendetwas zu engagieren. Auch mir als verbeamteter Lehrerin schwebt vor, dass wir uns gemeinsam gegen diese Schikanen vor allem seitens der politisch Verantwortlichen auflehnen und auch z.B. mal für ein paar Tage die Arbeit niederlegen (was wir als Beamte nicht dürfen, so macht sich der Staat seine Diener gefügig). Oder, was natürlich sinnvoller und nachhaltiger wäre, alle gemeinsam gegen alle Schikanen von oben mit vereinten Kräften das jeweilige Schulprogramm oder auch Landesbildungsprogramm von der Basis her so verändern, dass wir bessere Möglichkeiten haben, die Kinder zu fordern und zu fördern sowie die Zusammenarbeit mit den Eltern zu verbessern. Dazu würde aber auch eine gesunde Portion Ungehorsam gegenüber der Obrigkeit gehören. Die defensive Haltung der - auch da gebe ich Ihnen Recht - wenigen Lehrer, die sich hier verewigt haben, ist zwar nicht zu entschuldigen, aber sie lässt sich erklären:
    Des öfteren habe ich, gemeinsam mit anderen Kollegen, versucht etwas zu verändern und wurde entweder ausgelacht oder aber gemobbt. Müllwerker mit einem kargen Gehalt sind sicher eher bereit, sich bei angekündigten Lohnkürzungen oder unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu solidarisieren und auf die Straße zu gehen als verbeamtete Lehrer, denen finanziell eigentlich nicht viel passieren kann. Und das ist ein großer Teil des Problems. Die Beamtenmentalität nicht weniger Kollegen und Kolleginnen steht Veränderungen im Wege. Sie stellen zwar nicht die Mehrheit, aber es fühlt sich so an, wenn man unter ihrer Lethargie und ihrem Desinteresse zu leiden hat. Sie sitzen wie ein Krebsgeschwür fett drin und lassen sich kaum raustherapieren (d.h. es hat noch keiner wirklich versucht, schließlich sind sie gefügige Staatsdiener ohne Streikrecht, denen man auch mal gehörig Mehrarbeit verordnen kann, ohne dass sie aufmucken dürfen). Die Bezüge sind (noch) sicher. Und wenn einem der Schulalltag nicht passt, schleimt man eben ein bisschen in gewissen Gremien und lässt sich "hochloben" ins Ministerium, um dort Entscheidungen zu fällen, mit denen man sich für all das Leid (*auf-die-Tränendrüse-drück*) rächen kann, was Schüler, Kollegen und Schulleiter einem als einfachem Lehrer je angetan haben! Lasst alle Lehrer dieser Republik einfach Angestellte und alle Schulen autonom sein, mit dem Recht ihr Personal selbst einzustellen und zu entlassen, dann werden sie auch mehr in die Pflicht genommen, ihren Job anständig zu tun und für die Rechte aller zu kämpfen, die Schule betrifft, insbesondere für die der Schüler.
    Ich erlebe zum einen sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, darunter zum Glück auch Schulleiter (was nicht so oft vorkommt), die gute Ideen haben und versuchen, sie in den Schulalltag einzubringen. Die sich auch mal auflehnen gegen von oben verordneten Schwachsinn. Aber natürlich kommt "von oben" dann meistens nicht gerade eine positive Antwort, und manchmal hat das Aufbegehren auch sehr schmerzhafte Konsequenzen. Und dann sind da noch die Resignierten, die ihren ganzen jugendlichen Schwung längst verloren haben, sowie - viel schlimmer noch - die ohnehin an der Sache völlig Desinteressierten, die von vornherein nur auf ein gesichertes Einkommen aus waren, allein deswegen auf Lehramt studiert haben, denen die Schüler total egal sind, die aber dummerweise das Referendariat bestanden haben (man kann sich denken wie, der Filz sitzt überall, auch in Seminarleitungen). Letztere sind dann auch die, die Stimmung gegen Kollegen machen oder ihnen ganz einfach ihre Arbeit aufbürden, indem sie sich zufällig genau für den Tag krank melden, wo konstruktive Lösungen gefunden werden sollen oder wichtige Fortbildungen anstehen. Die entsprechende Mitteilungen/Infos in ihren Postfächern ignorieren. Die urplötzlich vor wichtigen Konferenzen eine so furchtbare Krankheit ereilt, dass sie sofort nach Hause müssen.
    Ich bemühe mich bereits, mich nicht länger über diesen Trupp schwarzer Schafe aufzuregen, obwohl sie alles sabotieren, sondern einfach weiterzumachen und optimistisch in die Zukunft zu schauen. Das Potential zur Veränderung liegt weitestgehend auch bei den Schülern, denn sie haben oft sehr gute Ideen, manchmal bessere als wir Erwachsenen. Ich erlebe es jeden Tag wieder, und das gibt mir Hoffnung und die Kraft, diesen Job weiter auszuüben. Da Politiker leider aber weniger auf Kinder hören als auf ihre Eltern, die ja schließlich Steuern zahlen und gültige Kreuze auf Wahlzetteln machen dürfen, müssten sich auch viel mehr Eltern einbringen, um die Belange ihrer Kinder durchzuboxen. Zu viele von ihnen verwenden noch individuell zu viel Energie auf Lehrerschelte, anstatt sich mit den Lehrern zu verbünden und die KMK und die zuständigen Landesbehörden auf den Pott zu setzen und anständige Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer an Deutschlands Schulen einzufordern.

  1. Es gibt mehrere Lösungswesge. So z.B. ein zweigliedriges Schulsystem. Bitte halten wir an dem, mit dem wir gute Erfahrungen haben doch fest. Ich kenne nicht alles Schulsysteme in Deutschland, eigentlich nur das bayerische. Hier kann ich sagen, die Gymnasien machen eine gute Arbeit und sollen das auch bitte weiterhin machen dürfen.

  2. Bemerkenswert finde ich bei all den spärlichen Lehrerkommentaren in den diversen Online-Medien eine ausgeprägte Defensivhaltung und frage mich, warum das so ist.

    Die Zeit war doch noch nie so günstig für Ihren Berufsstand, sich zu solidarisieren, als Praktiker konstruktive Lösungsvorschläge für Ihre Zukunft zu entwickeln und diese den Medien selbstbewusst in den Block zu diktieren. In ein paar Wochen zieht die Medien-Karawane weiter und nimmt ein anderes Thema in den Fokus.

    Wer, wenn nicht die praktizierenden Lehrer selbst, können substantielle und nachhaltige Gestaltungsbeiträge für unsere Bildungslandschaft leisten – und die Umsetzung auch einfordern? Sie (die Lehrer) werden gebraucht, heute und morgen mehr denn je. Was will die übergeordnete Behördeninstanz denn machen, wenn sich viele vereinen? Wollen sie wirklich das Feld jetzt den drögen Technokraten und Wissenschaftlern überlassen, die nun eifrig ihre Artikel lancieren werden? So eine günstige Gelegenheit kommt für die Lehrer so schnell nicht wieder – und sie ist zum Wohle aller Beteiligten/Betroffenen.

    Entwickeln Sie doch ein weitsichtiges und zukunftsträchtiges Qualitäts-Management für Ihre Zunft und tragen das konstruktiv an die Öffentlichkeit. Damit betreiben Sie ein echtes „up-grading“ und können vielleicht auch souveräner über die erwähnte Unterschichtenliteratur hinwegsehen.

    • WeiKoe
    • 05.04.2006 um 11:21 Uhr

    Ich kenne Menschen ausländischer Herkunft, die es hier in Deutschland zu etwas gebracht haben, sogar zu Zeiten, in denen das Angebot an Deutschkursen so gut wie nicht-existent war. Das haben sie sich dadurch erarbeitet, dass sie Deutsch gelernt und sich seit jeher an die Spielregeln gehalten haben, die ein friedlichen Zusammenleben ermöglichen. Diese Spielregeln finden sich im Grundgesetz wieder.
    Auch Nichtdeutsche erhalten hier die Gelegenheit, etwas aus sich zu machen und der Gemeinschaft zu dienen - dazu gehören unter anderem soziale Leistungen, die die Steuerzahler des Landes bezahlen. Die Deutschförderung an Kindergärten und Schulen müsste verbessert werden, okay, aber das wäre ein kleineres Problem, wenn sich JEDE Einwandererfamilie frühzeitig darum kümmern würden, dass ihr Nachwuchs a) seine Muttersprache gut lernt, möglichst auch lesen und schreiben und b) schnell Deutsch lernt, indem man bewusst den Kontakt zu deutschsprachigen Familien sucht. Niemand muss doch dafür seine Identität aufgeben!
    Die Lehrer hätten wieder mehr Zeit, sich dem eigentlichen Unterricht zu widmen, wenn ALLE Eltern ihre Kinder so erzögen, dass sie sich in der Schule benehmen und ihre Lehrer respektieren, ob es sich dabei nun um ein Männlein oder ein Weiblein handelt. Menschen, die sich dauerhaft in einem Land aufhalten wollen, haben sich an die dort gängigen Regeln und Gesetze halten, nur darum geht es.
    Wenn ich in arabischsprachige Länder fahre, dann muss ich gewisse Kleidungsvorschriften beachten. Ich kann auch nicht einfach hingehen und verlangen, dass die Menschen dort nach unserem bundesdeutschen Grundgesetz leben, auch wenn mir ihr Gesellschaftsmodell vielleicht noch so wenig behagt. Ich habe die dort herrschenden Regeln des Zusammenlebens zu akzeptieren. Und wenn ich im Ausland beruflich etwas erreichen möchte, muss ich die Landessprache lernen. Warum ist das so schwer zu verstehen? Ebenso haben alle Menschen, die sich hier aufhalten möchten a) Deutsch zu lernen - und zwar die ganze Familie, Mama eingeschlossen, denn sie erzieht in traditionellen Familien die Kinder und muss sich mit der Schule auseinandersetzen und b) hinzunehmen, dass wir ein Grundgesetz haben, das die Basis unseres Zusammenlebens bildet, eine gute Grundlage, wie ich finde (da haben wir doch schon ganz andere Sachen erlebt!).
    Ich bin hier geboren, aufgewachsen, kenne mein Land; mir ist bewusst, was vielleicht an Änderungen nötig ist. Und ich lasse mir nicht von Zuwanderern sagen, wie ich hier zu leben habe, schon gar nicht von solchen, für die das Wort Demokratie offensichtlich ein Fremdwort ist. So lange jemand die Bereitschaft zeigt, auf friedliche Art und Weise zum Gemeinwohl beitragen, ist es mir egal, ob er 5x am Tag betet, freitags immer Fisch isst, sich dienstags oder donnerstags nie die Haare schneiden lässt, nur in ungeraden Wochen ins Kino geht, kein Kind in die Welt setzt oder zehn Gören oder Hansaplastrosa für die schönste Farbe der Welt hält. Vielleicht finde ich das eine oder andere ja auch ganz lustig und übernehme es für den Hausgebrauch. So lange er meine Lebensweise toleriert und mich nicht deswegen diskriminiert, soll er doch tun und lassen, was er will.
    Wenn sich aber jemand nicht an die Regeln hält, nicht bereit ist, seine Kinder zu sozialisieren und insbesondere den männlichen Nachwuchs dazu anhält, deutsche Frauen pauschal als Hure zu beschimpfen, dann ist Schluss. Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die des anderen anfängt. Freiheit bedeutet Verantwortung. Das gilt auch für die Meinungsfreiheit - weder bewusst inszenierte Verletzung religiöser Gefühle durch Mohammed-Karikaturen in westlichen Medien noch die Beschimpfung deutscher Frauen durch türkische Männer noch die Verunglimpfung welcher Bevölkerungsgruppe auch immer ist hinzunehmen. Der Redaktionschef der Jyllands Posten hätte gut daran getan, den Verantwortlichen verbal ordentlich eins auf die Mütze zu geben, und Menschen egal welcher Nationalität, die Teile der Bevölkerung so übel beleidigen, gehören verklagt und zu gemeinnütziger Arbeit verknackt.
    Ich fühle meine Freiheit und die demokratischen Rechte meiner Mitbürger (egal ob deutscher oder ausländischer Herkunft) jedenfalls durch diejenigen bedroht, die meine im Grundgesetz verbürgte Würde als Mensch anzutasten versuchen und deren verzogenen, mit sexistischen Sprüchen und Gesten um sich schmeißenden Nachwuchs ich teilweise unterrichten muss, ohne wirklich irgendein Instrument in der Hand zu haben, gegen ihr unerhörtes Verhalten wirksam und nachhaltig vorzugehen. Gespräch mit den Eltern? Schriftliche Missbilligung? Kann man vergessen!

    • QUOTE
    • 06.04.2006 um 12:35 Uhr
    5. Geld

    "Eine solche Integrationspolitik ist kleinteilig, langwierig, teuer – und ohne Alternative. Am Geld sollte sie nicht scheitern."

    Wird sie aber...weil die Politik es für gebotener hält, das Geld für den Versuch auszugeben, "Akademiker" zum Kinderkriegen zu ködern, statt für Kinder, die bereits DA sind, etwas zu ändern...

    ...auf daß die deutsche fondsfinanzierte Containerflotte wachse und die deutschen Innenstädte brennen...

    • WeiKoe
    • 06.04.2006 um 11:57 Uhr

    Nein, da kann ich Sie beruhigen. Ich habe es nicht nötig, irgendwo abzuschreiben. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass ich mir diese Art von Unterricht ausgedacht habe, im Gegenteil, die ist mehrere hundert Jahre alt, wurde früher z.B. in Dorfschulen mit Kindern mehrerer Altersstufen erfolgreich praktiziert. Und ich danke dem Urheber dieser Idee (der ganz sicher lange vor den ersten schriftlich fixierten "Erfindern" der Pädagogik lebte ...) für seine Anregung.
    Ich habe mir jedenfalls gesagt, wenn's damals in den Dorfschulen gut geklappt hat und helle Köpfe daraus hervorgegangen sind, wieso sollte das dann nicht in unserer Zeit auch laufen? Also probiere ich aus und reflektiere dann, wie's gelaufen ist!
    Meine Erfahrungen mit dieser Art von Unterricht sind überwiegend positiv, aber das muss nicht heißen, dass es immer klappt, es kommt z.B. auch auf die Tagesform aller Beteiligten an. Richtig gut funktionieren kann es aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, z.B. wenn mehrere Kollegen mitziehen. Es nützt wenig, wenn ein Lehrer sich als Berater versteht, alle anderen aber die Schüler 45 Minuten lang wahllos mit Fachwissen zutexten, ständig Schülerpanik bewältigen müssen (Herr X/Frau Y, was soll ich jetzt machen?) und erwarten, dass die Kids das dann alles noch behalten, geschweige denn verstehen.
    Da habe ich doch Glück, viele meiner Kollegen sind bereit und fähig zu Teamwork.

  3. Streik ist nicht das, was ich meinte. Sondern ein konstruktiver Beitrag für die Entwicklung von tragfähigen Bausteinen eines zukunftsträchtigen Bildungssystems, ein dynamisches Konzept, entwickelt und vorgetragen von kompetenten Praktikern und der interessierten breiten Öffentlichkeit als pragmatische Diskussionsgrundlage angeboten.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies auf breite Resonanz in der Gesellschaft stössen wird. Sie könnten damit auch den Boden bereiten und Richtungen vorgeben für die sich abzeichnende Debatte zum Thema Bildung innerhalb der Föderalismusreform.

    Wie war das mit dem Mut und der Veränderung, mit der Gelassenheit und dem Hinnehmen, mit der Weisheit und der Unterscheidungsfähigkeit?

    Wenn ich Sie wäre, würde ich im Kollegenkreis und im Web auf die Suche nach mutigen Lehrkräften gehen und eine Phalanx bilden. Ich würde ergänzend mit Kollegen in der EU, USA und auch im Mittleren Osten virtuelle Kontakte knüpfen und ein praxisorientiertes benchmarking betreiben. Vielleicht bekommen Sie viele Impulse, für das Konzept verwertbare Bausteine - vielleicht auch nicht. Dann aber haben Kontakte in die Welt geknüpft, was ja auch kein schlechtes Ergebnis ist.

    • WeiKoe
    • 06.04.2006 um 9:40 Uhr

    Leistungsstärkere können Leistungsschwächere durchaus mitziehen und motivieren, darüber sollte jeder Lehrer Bescheid wissen. Die Starken lernen z.B. dadurch, dass sie einem Mitschüler den Lehrstoff noch einmal erklären, sie erfahren positive Verstärkung dadurch, dass sie Experten sind und anderen helfen können. Die Schwächeren wiederum haben den Vorteil, nicht immer die Lehrerin vor sich zu haben, die ja Noten gibt, sondern Gleichaltrige, die viel eher von der der gleichen Ebene aus helfen wie sie selbst. Es erfordert allerdings das Geschick der jeweiligen Lehrkraft, den Unterricht so zu organisieren, dass es klappen kann, d.h. die Arbeitsform muss stimmen und Binnendifferenzierung muss so erfolgen, dass alle Schüler etwas davon haben. Dieser Unterricht hat Vorteile, zum einen, dass man sich als Lehrer zurücknehmen kann und mehr Zeit hat, die Schüler bei ihrer Arbeit zu beobachten und gegebenenfalls gezielt und behutsam einzuschreiten statt jedesmal panikartig, sobald ein Schüler nach ihm "schreit". Zum anderen erlaubt diese Arbeitsweise den Schülern, selbstständig zu werden. Und drittens fördert sie die soziale Kompetenz, zumal in einer Stunde vielleicht ein schwacher Matheschüler Starthilfe erhält, sein "Mathelehrer" dafür aber vielleicht von seinem "Matheschüler" Schützenhilfe in einem anderen Fach benötigt. Die Schüler erfahren auf diese Weise, dass jeder irgendetwas gut kann.
    Von Waldorfschulen halte ich persönlich nicht viel. Ich habe selbst an einer unterrichtet und die Erfahrung gemacht, dass die leistungswilligen Kinder dort nicht zum Zuge kommen, weil kleine Störer und Randalierer mit psychischen Problemen und/oder problematischen Eltern dort mehr Aufmerksamkeit bekommen und ihnen (und/oder den Eltern) keine klaren Grenzen gesetzt werden. Zu viel Kuschelpädagogik für meinen Geschmack, und auch zu viel Rudolf-Steiner-Hörigkeit.

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