Arivaca, Arizona
Tausende Menschen versuchen Nacht für Nacht die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu überwinden. Eine Reportage
Die Jagd beginnt, als das letzte Büchsenlicht stockfinsterer Wüstennacht weicht. Aus dem Funkgerät schallt ein Halali: »Ein Dutzend Illegale an Posten fünf gesichtet, flüchten nach Süden.« Joe Ziretta richtet sich kerzengerade in seinem Campingstuhl auf. Posten fünf ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Werden die Einwanderer nun versuchen, bei ihm, an Posten drei, durchzukommen ins Gelobte Land? Ziretta starrt in sein Nachtsichtgerät, das vor ihm auf einem Dreifuß steht. Für 1000 Dollar hat er es bei eBay im Internet gekauft. Dieselbe Qualität wie bei der US-Armee im Irak. Überhaupt ist Zoe Ziretta generalstabsmäßig auf die »Operation Grenzsicherung« vorbereitet. Neben dem Campingstuhl stehen zwei Gallonenbehältnisse voll Wasser. Taschenmesser und Taschenlampe liegen bereit, auch eine Videokamera, damit er Verhaftungen filmen kann. Seinen gewaltigen Bauch hält ein Pistolenhalfter zusammen, im Gürtel stecken Ersatzmagazine. Sein Auto parkt sichtgeschützt hinter einen Holzhaufen. Ohne zu wenden, kann er notfalls über den Staubweg entkommen.
Das Nachtsichtgerät weist nach Süden. Irgendwo hinter dem Horizont, vielleicht 50 Kilometer entfernt, liegt Mexiko. Jede Nacht überqueren schätzungsweise 2000 Menschen die offene Grenze, allein hier, im Sektor Tucson in Arizona, dem »Ground Zero« der gesetzwidrigen Immigration. Rund elf Millionen Menschen leben schon illegal in den Vereinigten Staaten. Jedes Jahr werden es eine halbe Million mehr. Oder eine Million. Genau weiß das niemand.
Vor Ziretta ist das Sichtfeld frei. Er schwenkt das Objektiv. Zu sehen ist eine staubige Weide, von einem Rancher mühsam bewässert. Dahinter die endlose Kakteenwüste der Altar-Senke. Im Nachtsichtgerät flimmert es grünlich wie in den Kriegsfilmen des Pentagon. Frappierend scharf bildet sich in einiger Entfernung ein windschiefer Weidezaun ab. So ähnlich sieht Amerikas Grenze aus. Meistens fahren die Menschenschmuggler den Grenzzaun um, laden auf der amerikanischen Seite ihre Fracht ab und setzen sie einfach Banditen, Klapperschlangen, Hitze und Grenzpolizei aus. Und nun auch noch den »Minutemen« .
»Wir tun, was unsere Regierung sich weigert zu tun.«
Seit dem 1. April stehen wieder ein paar hundert Freiwillige Posten in der Grenzregion. Vergangenes Jahr fanden sie sich zusammen, und ihre Botschaft verbreitete sich wie ein Präriefeuer über die Weiten des Kontinents: Stoppt den Menschenschmuggel! Werft die »Illegalen« raus! Macht die Grenze dicht! »Wir tun, was unsere Regierung sich weigert zu tun«, sagt Joe Ziretta. »Wir sichern unser Land und zeigen, dass es geht, wenn man nur will.« Jeden Migranten melden die Minutemen der Grenzpolizei. Selbstjustiz soll es nicht geben. Etwa 7 Kilometer Grenzgebiet, alle paar hundert Meter ein Posten, beobachten die Minutemen in dieser Nacht. Für die restlichen 2993 Kilometer fehlen Freiwillige. »Macht nichts«, sagt Ziretta, der Mann von Posten drei, »wir wollen ja nur eine Stinkbombe zünden, die man bis Washington riecht.« Ziretta ist 39 und Designer von Edelstahlküchen. Er lebt in Orange County, der konservativen Enklave im Großraum Los Angeles. Die republikanische Partei hält Ziretta für »zu lasch«. Darum trat er aus. Nun ist er einer der jungen Leute bei den Minutemen und muss immer laut reden, weil viele der Kameraden schlecht hören. Es ist ein martialisch verkleideter Rentner-Club, mancher im Camouflage-Look, der sich zur Abwehr einer Völkerwanderung aufgemacht hat. Als rassistische Bürgerwehr wird das Häuflein der Minutemen in der linksliberalen Presse gebrandmarkt. Wer sich für die Durchsetzung geltenden Einwanderungsrechts einsetze, meint dagegen Joe Ziretta, werde halt vom politischen Gegner zum Extremisten gestempelt. Seine Großeltern, sagt Ziretta, stammten aus Italien. »Einwanderung ist Amerikas Lebenselixier. Wie könnte ich dagegen sein?«, fragt er. Und nach einer Pause: »Solange sie legal ist.«
Plötzlich zerreißt Höllenlärm die Stille. Ein Hubschrauber fällt vom Himmel herab und rast im Tiefflug, vielleicht dreißig Meter hoch, über die Minutemen hinweg. Die Grenzpolizei hat offenbar die Meldung erhalten. Die Rotoren knattern wie Maschinengewehrsalven. Es beginnt eine Menschenjagd im Kakteenwald. Der Heli fliegt erst die Postenlinie der Minutemen ab, dreht dann Kreise. Scheinwerfer, unterm Cockpit angebracht, tauchen die Wüste in gleißendes Licht. »Das ist ja Krieg, richtiger Krieg«, ruft Joe Ziretta. Es ist, als habe er Angst vor der eigenen Meinung bekommen. »Das sind doch Menschen da drüben, vielleicht Frauen und Kinder.« Ja, Menschen sind es, die irgendwo zwischen den knorrigen Mesquitebüschen und Fasskakteen starr vor Angst kauern. Sie werden in kleinen Mulden oder hinter Felsen Schutz suchen. Aber sie werden keine Chance haben. Denn auf dem Staubweg hinter der Postenlinie rasen jetzt zwei Geländewagen der Grenzpolizei heran und bilden die Bodenunterstützung für die Luftaufklärung.
- Datum 15.10.2006 - 09:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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