HochschuleDr. habil. Kinderlos

Erstmals belegt eine Studie, wie kinderfeindlich es an deutschen Universitäten zugeht von 

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F ast alle bekämen gerade Kinder, erzählt Martina Schlüter – Freundinnen, Bekannte, ehemalige Studienkolleginnen. Viele Lehrerinnen seien darunter, mit sicherem Beamtenjob und festen Arbeitszeiten. Die können es sich leisten. Sie selbst kann es sich nicht leisten, glaubt Schlüter, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Zwar lehrt auch sie, doch nicht an der Schule, sondern an der Universität. Ihre Assistentenstelle läuft in einem Jahr aus, dann muss die Habilitation fertig sein, dann will sie sich um eine Professur bewerben: "Können Sie sich vorstellen", fragt sie, "welche Chancen ich habe, wenn ich mit dickem Bauch vor eine Berufungskommission trete?"

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Auch in den Jahren davor fanden eigene Kinder keinen Platz in ihrem Leben. Denn Schlüter ist Erziehungswissenschaftlerin, in diesem Fach zieht sich der Weg vom Studium zum Lehrstuhl besonders in die Länge. Neben den üblichen akademischen Karrierestufen – Examen, Promotion, Habilitation – muss sie noch ein Referendariat, ein zweites Staatsexamen und Schulpraxis vorweisen, und zwar möglichst bis Mitte Dreißig. "Ein Kind hätte mich ein bis zwei Jahre gekostet", rechnet die 36-Jährige vor. Die waren nicht drin, für sie nicht wie für die meisten ihrer Zunft, wie eine Erhebung der Universität Dortmund belegt.

Manche verzichten auf Kinder, andere auf die Karriere

Die Untersuchung dokumentiert erstmals auf verlässlicher Grundlage die verbreitete Kinderlosigkeit junger Wissenschaftler(innen) . Im Gegensatz zu anderen Studien beruht sie nicht auf Stichproben oder Umfragen, sondern bezieht sämtliche Jungforscher an den Universitäten eines ganzen Bundeslandes ein. Die Ergebnisse sind dramatisch. Von den rund 22000 nordrhein-westfälischen Doktorandinnen, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Juniorprofessorinnen und Habilitanden sind demnach 73,1 Prozent ohne Nachwuchs, und zwar Frauen (78 Prozent) nahezu gleichermaßen wie Männer (70,7 Prozent). Bei den männlichen Forschern ist die Zahl der Kinderlosen in den vergangenen zehn Jahren sogar noch gestiegen.

Zwar können manche der in der Studie Erfassten noch auf Nachkommen hoffen. Doch auch in der Altersgruppe der 37- bis 42-Jährigen, also in der Spätphase weiblicher Fortpflanzungsfähigkeit, sind mehr als die Hälfte aller Frauen (58,2 Prozent) ohne Kinder; bei den Männern sind es kaum weniger (50 Prozent). Während die einen Wissenschaftler auf Kinder verzichten, entsagen andere der Wissenschaft. "Wir gehen davon aus", sagt Nicole Auferkorte-Michaelis, Mitarbeiterin der Dortmunder Studie, "dass die meisten Frauen, die sich für eine Familie entscheiden, die Universität verlassen." Darunter leidet nicht zuletzt die Forschung in Deutschland, die auf einen möglichst großen Pool an Talenten angewiesen ist.

"Unsere Gesellschaft hat das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerade in der Wissenschaft noch nicht verstanden", kritisiert der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Ernst-Ludwig Winnacker. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Obwohl die Frauen am Ende des Studiums mit den Männern zahlenmäßig gleichauf liegen, fällt ihr Anteil, je höher sie die akademische Karriereleiter erklimmen. Bei den C4-Professoren beträgt ihr Anteil nur noch 9,2 Prozent. Dieser Verlust hoch qualifizierter Frauen beunruhigt zunehmend auch die Forschungsorganisationen. Selbst die besten Universitäten, sagt Winnacker, hätten auf diesem Gebiet einen enormen Nachholbedarf.

Leserkommentare
  1. Sind Institutsleiter, Universitätsbürokraten und nicht zuletzt Minister(innen) so blind, daß sie das in diesem Artikel gut beschriebene Elend bisher nicht mitbekommen haben?
    Wissen die Chefs, denen ja die Möglichkeit der Befristung von Verträgen oft genug als Druckmittel zum Antreiben ihrer Mitarbeiter gelegen kommt, wirklich nicht, was sie ihnen damit antun?
    Fehlt den Ordinarien der Natur- und Geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die ja kaum jemals einen Finger rühren, um dem Partner eines Angestellten zu einer Stelle am gleichen Ort zu verhelfen, tatsächlich das physiologische und psychologische Verständnis dafür, daß eine über Jahre geführte Wochenendbeziehung sowohl aus biologischen wie auch aus seelischen Gründen für das Kinderkriegen eine schlechte Voraussetzung ist?
    Sind die zahllosen Nachfragen der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und AssistenzärztInnen nach einem Platz in den Universitätskindergärten bei den Verwaltungen einfach folgenlos verhallt?
    Und war Frau Bulmahn wirklich so einfältig, nicht zu wissen, was sie tat, als sie die Maximaldauer von 12 Jahren für einen befristeten Vertrag an einer deutschen Universität festlegte (und damit, nebenbei, es auch für die im Ausland tätigen ein gutes Stück unattraktiver machte, nach Deutschland zurückzukommen)?
    Na, man gut, das wir jetzt eine Studie haben. So bekommen dann also auch diese Autisten, Soziopathen und Dilettanten mit, was los ist.

  2. ...gut, da wir es nun aber wissenschaftlich bestätigt schwarz auf weiss haben, wissen wir woran wir sind (sofern nicht noch eine ominöse Gegenstudie das Gegenteil beweisen will...). Besonders traurig ist es doch, dass erst eine Studie belegen muss, dass man/frau es als Wissenschaftler nun auch nicht zwangsläufig so leicht hat, und mit dem Kinderkriegen schon gar nicht. Dass dieser Zustand den wissenschaftlichen Verantwortlichen nicht schon viel früher aufgestoßen ist, ist ein Witz. Nun das kommt aber wohl daher, dass diese Regelungen, mit 12-Jahresfrist an Unis, notorisch nur befristete Verträge für 2 bis 3 Jahre, Teilzeitstellen (natürlich auch nur befristet und über Drittmittel), nur von Menschen kreiert wurden, die selbst auf unbefristeten, sicheren Stellen sitzen.
    Hinzu kommt nun noch, dass der BAT, nach dem viele Wissenschaftler bezahlt wurden/werden, die auf befristeten Stellen sitzen und nicht verbeamtet sind, ausläuft und durch den TVöD ersetzt wird. Der stellt eine eindeutlige finanzielle Verschlechterung dar, wie es auch schon im Artikel "Was ist gerechter Lohn" anhand eines Strassenfegers belegt wurde. Für die gleiche Arbeit hat man/frau netto deutlich weniger. Hinzu kommt, dass nach TVöD das Gehalt nicht mehr automatisch mit dem Lebensalter steigt, sondern nur mit ununterbrochener Dauer des Arbeitverhältnisses. Mit befristeten Verträgen dreht man/frau sich wohl immer im Kreis und fängt immer wieder beim Anfängergehalt (max. noch eine Stufe darüber) an. Ich hoffe, dass es an dieser Stelle Wiederspruch gibt, und mich jemand eines Positiveren belehrt.

    Nun ist es auch so, dass die wenigen unbefristeten Stellen oft nur für Habilitierte zugänglich sind, was ist mit den anderen, die "nur" Dr. sind? Es kann und will nicht jeder habilitieren und selbst wenn, soviele Professoren/Dozenten wie Doktoranden würden wohl nicht gebraucht. Soll sich also der ganze Mittelbau alle paar Jahre wieder neu orientieren, umziehen, sich in ein neues Arbeitsfeld einarbeiten? Erschwert wird das noch durch die Zurückhaltung bei der Mittelbewilligung. Werden die befristeten Stellen nicht fast alle über Drittmittel finanziert und herrscht nicht überall Sparzwang? Arbeitsloszeiten sind leider keine Seltenheit. Und Hartz IV droht schon nach einem Jahr, und das ist so schnell um... Wahrhaft keine rosigen Aussichten, weder für den Wissenschaftler und schon gar nicht für evt. Nachwuchs. Vielleicht werde ich auch zu einem verpönten Wirtschaftsflüchtling und gehe ins Ausland. Mal sehen.

    • etiam
    • 10. April 2006 9:57 Uhr

    Da jammert die versammelte politische Kaste über die Kinderlosigkeit in der Republik, deren wenn nicht wesentlichster so doch gewichtiger Grund in der fehlenden Planungssicherheit der Erwerbsbiographie potentieller Eltern liegt, und unterhält in eigener Verantwortlichkeit Beschäftigungsverhältnisse, die an familienfeindlicher Perversität kaum zu überbieten sind.
    Denn während selbst der wackelige Job in der "freien Wirtschaft" zumindest die Option auf eine Weiterbeschäftigung auf der selben Stelle beinhaltet, schliessen 12/15 Jahresfrist, fehlender akademischer Mittelbau als Beschäftigungsperspektive, Hausberufungsverbot etc. in der Regel eine kinderfreundliche Planungssicherheit (örtlich wie finanziell) in der neuralgischen Phase der Fortpflanzungsfähigkeit und frühen Elternschaft definitiv aus.
    Nichts gegen hohe Kompetitivität - aber gerade die in diesem Geschäft hochkompetitive USA macht uns vor, dass man auch mit Anfang 30 eine faculty position mit tenured track vergeben kann, ohne dass der frühverpflichtete Lehrkörper ganzjährig auf Segeltörn geht.
    Der Versuch von Frau Buhlman hier etwas zu ändern war zum einen unprofessionell (siehe Verfassungsurteil) und damit unglaublich verwirrungsstiftend und zum anderen in seiner praktischen Anwendung de facto kontraproduktiv (tenure track als Ausnahme bei Abschaffung sinnvoller Weiterbeschäftigungsalternativen z.B. aus eigenen Drittmitteln). Gute Absichten (wurden zumindest geäußert) nicht umsetzen zu können, ist das schlimmste Urteil, das man über einen Politiker fällen kann : Pfui Teufel, Frau Bulmahn

  3. Ich kann dem nur aus vollen Herzen zustimmen!

    Von einer Professorenkarriere hatte ich ja auch mal geträumt. Doch bekam ich Ende des Studiums mit 26 erstens für die Promotion nicht mal die Almosen einer halben BAT2a zugedacht. Zweitens sah ich an den Lebensläufen der 40jährigen am Institut, daß sehr gut sein nicht reicht, um Professor zu werden. Aber sich in dem Alter eine Reihe von beruflichen und privaten Türen schliessen. Und drittens erkannte ich, daß ich für eine Familiengründung Geld brauchte, daß ich an der Uni wenn überhaupt jemals, dann viel zu spät bekäme. Sehr wohl aber in der Wirtschaft.

    So ging ich, und bin heute mit Familie und ausreichend Geld dafür ausgesprochen froh, daß ich aus der Uni raus bin, anstatt mich da festzuhungern.

    Meiner Frau zum Abschied führte die Uni noch vor, was der Mutterschutz an der Uni auf den befristeten Stellen wert ist: Nichts, wovon man leben könnte.

    Mein persönliches Fazit: Wer eine Familie will und/oder den Lohn für harte Arbeit wirklich erhalten will, sollte abwägen, was er nach dem Diplom noch an der Uni möchte.

    FR

  4. ...und mir scheint, dass sich auch von diesem, sehr eindeutigem Artikel die Gemüter nicht sonderlich in Wallung versetzen lassen. Nur eine handvoll Kommentare, wo doch sonst zum Thema Kinderlosigkeit und Demographie kilometerlange Diskussionen laufen.
    Sind wir alle schon so frustriert und abgestumpft, oder hätte der Artikel auf Seite 1 gemusst?

  5. ... die Schlussfolgerungen in Bezug auf die Befristung sind noch nicht ueberzeugend.

    1) Es muesste verglichen werden ob die Kinderanzahl im akademischen Bereich im Ausland (wo es viel mehr unbefristete Stellen gibt) nicht genau so gering ist. Wer 60-80 Stunden pro Woche arbeitet hat vielleicht ungeachtet der Stellenlaufzeit weniger Interesse an Kindern?

    2) Der Vergleich innerhalb eines Landes muesste mit Akademikern gefuehrt werden die auch lange Arbeitszeiten aber unbefristete Stellen haben (z.B. Klinikaerzte).

    3) Das relativ hohe Alter des wissenschaftlichen Nachwuchses auf befristeten Stellen haengt auch damit zusammen, dass hier spaeter mit dem Studium begonnen wird, naemlich im Durchschnitt mit 22 Jahren statt wie im Ausland mit 18 Jahren...

    Es stimmt allerdings das die Berufperspektiven in der Wissenschaft den Nachwuchs reihenweise in die Industrie oder ins Ausland treiben. Ich selber arbeite, wie fast alle meine deutschen Kollegen, auch im Ausland (UK). Hier ist es moeglich in jungen Jahren eine Perspektive zu haben und auch unter 30 eine tenure-track-Stelle zu finden...

    • SRCD
    • 11. April 2006 22:45 Uhr

    Die, die es sich egal wie leisten konnten, sind doch schon längst ausgewandert (z.B. siehe oben) Die anderen, die aufmucken könnten, sitzen im Land und lassen sie über sich ergehen, die deutsche Engstirnigkeit. Gut und brav ziehen sie sich weiter an ihr hoch, sind Teil einer grauen Wand geworden.
    Denn eine Mauer ist uns ja nicht genug.

  6. 8. \N

    die zukunft gehoert einer neuen, furchtlosen generation, die sich hinsichtlich des kinderwunsches fruehzeitig vom buergerlichen ehemodell freigemacht hat, aus "unvernunft", selbstvertrauen oder im vertrauen auf familiaere unterstuetzung.
    dies betrifft nicht nur die erste beziehung mit kind, sondern auch nach einer trennung die moeglichkeit, in relativer frische karrieremaessig durchzustarten und/oder noch eine spaetere erfuellte, evtl. nochmals mit kindern gesegnete partnerschaft einzugehen. hier gilt es realitaeten zu schaffen und die politik dadurch zu fordern, statt sich immer nur anzupassen, wie es leider bei uns ueblich ist.
    das franzoesische modell schafft sicher keine extrem hoeheren geburtenraten, aber es realisiert alle seiten.
    wer im wissenschaftlichen bereich einen brotberuf sucht, um seine familie zu ernaehren, der ist leider so unterbelichtet, dass er sich ganz zu recht und zum wohl aller beteiligten nicht fortpflanzen will.
    dazu muss man entweder ueber enorme ressourcen oder geteiten masochismus verfuegen, was auch schoen sein kann. ferner: die besten referate hielten in meiner studienzeit alleinerziehende muetter mit engstem zeitbudget - und es waren offensichtlich auch diejenigen, die ihre knapp bemessene studienzeit am intensivsten genossen.
    abschliessend: alle handelsueblichen wecker lassen sich muehelos auf 03.00 oder 04.00 morgens einstellen. kant-lektuere und kinderlachen schiessen sich nicht aus. wer kantlektuere gegen kinderlachen meint aufrechnen zu muessen, der soll bitte nicht lehrer oder dozent meiner kinder sein.

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