Hochschule Dr. habil. KinderlosSeite 4/4

Lange Zeit war es den Forschungseinrichtungen wie Universitäten nicht erlaubt, Kinderbetreuungsplätze aus dem eigenen Etat zu finanzieren. Die Max-Planck-Gesellschaft hat dieses Verbot vor einiger Zeit aufgehoben. Das Institut für Zellbiologie und Gentechnik in Dresden hat daraufhin eine Stillgruppe eingerichtet. Schon wenige Wochen nach der Geburt können Wissenschaftlerinnen nun wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, während zwei Mitarbeiterinnen die Säuglinge betreuen. »Zum Stillen oder Kuscheln gehen die Mütter aus dem Labor rüber«, sagt Max-Planck-Direktor Tony Hyman. Die Stillgruppe habe einen »echten Babyboom« im Institut ausgelöst, so der aus England stammende Wissenschaftler.

Auch an den drei Berliner Universitäten wird die Kinderbetreuung immer öfter zum Thema. Dort werden besonders qualifizierte Wissenschaftlerinnen in einem Mentorenprogramm mit Bewerbungstraining oder Seminaren zum Forschungsmanagement betreut. Kinderfragen stehen offiziell zwar nicht im Curriculum, doch ergeben sie sich zwangsläufig, wenn Frauen über ihre berufliche Zukunft sprechen.

Vorreiterinnen wie Doreen Werner beginnen Schule zu machen. Die Biologin, die gerade an der Humboldt-Universität habilitiert, hat drei Kinder im Alter von sechs, neun und elf Jahren. Erkauft wurde die Doppelfunktion mit hartem persönlichem Verzicht. Bücher ohne Fachbezug liest sie grundsätzlich nicht mehr, das letzte Mal im Kino war sie vor Jahren auf einem Kindergeburtstag. Auf Forschungsreisen jedoch musste sie niemals verzichten – Werner hat ihre Kinder stets mitgenommen. In den USA nahm sie ihren Ehemann in Anspruch, der Elternzeit beantragte. In Oxford meldete sie ihre ältesten Kinder in der Schule an, die jüngsten im Universitätskindergarten. Egal, wann man die Betreuung brauchte, stets stand ein Bus am Hochschultor, nahm die Kinder in Empfang und brachte sie zu jeder gewünschten Zeit auch dorthin wieder zurück. Ihr Beispiel machte anderen Mut, erzählt Werner. Als sie im Berliner Mentoringprogramm anderen Wissenschaftlerinnen mit Kind von den positiven Auslandserfahrungen berichtete, nahmen diese sich vor, Ähnliches zu wagen.

Eine bessere Kinderbetreuung allein aber wird das Problem nicht lösen, meint Werner, Wissenschaftler brauchten auch eine sicherere berufliche Perspektive. Als sie kürzlich einen internationalen Kongress organisierte, hatten fast alle ausländischen Kollegen Dauerstellen, selbst wenn sie nicht Professoren waren. Nur die Deutschen bangten dem nächsten Vertragsende entgegen.

Das droht auch Werner bald wieder. Seit Monaten schaut sie sich um, aber die Stellen für Insektenexperten sind rar in Deutschland. Sie liebt ihre Forschung. »Doch wenn ich nicht bald etwas Neues finde, muss ich mir einen Beruf außerhalb der Uni suchen.«

Eine weitere Studie zum Thema Kinderbetreuung an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen finden sie hier.

 
Leser-Kommentare
    • iceman
    • 13.05.2007 um 20:13 Uhr

    om mani padme hum

    • iceman
    • 13.05.2007 um 20:14 Uhr

    om mani padme hum

  1. ...gut, da wir es nun aber wissenschaftlich bestätigt schwarz auf weiss haben, wissen wir woran wir sind (sofern nicht noch eine ominöse Gegenstudie das Gegenteil beweisen will...). Besonders traurig ist es doch, dass erst eine Studie belegen muss, dass man/frau es als Wissenschaftler nun auch nicht zwangsläufig so leicht hat, und mit dem Kinderkriegen schon gar nicht. Dass dieser Zustand den wissenschaftlichen Verantwortlichen nicht schon viel früher aufgestoßen ist, ist ein Witz. Nun das kommt aber wohl daher, dass diese Regelungen, mit 12-Jahresfrist an Unis, notorisch nur befristete Verträge für 2 bis 3 Jahre, Teilzeitstellen (natürlich auch nur befristet und über Drittmittel), nur von Menschen kreiert wurden, die selbst auf unbefristeten, sicheren Stellen sitzen.
    Hinzu kommt nun noch, dass der BAT, nach dem viele Wissenschaftler bezahlt wurden/werden, die auf befristeten Stellen sitzen und nicht verbeamtet sind, ausläuft und durch den TVöD ersetzt wird. Der stellt eine eindeutlige finanzielle Verschlechterung dar, wie es auch schon im Artikel "Was ist gerechter Lohn" anhand eines Strassenfegers belegt wurde. Für die gleiche Arbeit hat man/frau netto deutlich weniger. Hinzu kommt, dass nach TVöD das Gehalt nicht mehr automatisch mit dem Lebensalter steigt, sondern nur mit ununterbrochener Dauer des Arbeitverhältnisses. Mit befristeten Verträgen dreht man/frau sich wohl immer im Kreis und fängt immer wieder beim Anfängergehalt (max. noch eine Stufe darüber) an. Ich hoffe, dass es an dieser Stelle Wiederspruch gibt, und mich jemand eines Positiveren belehrt.

    Nun ist es auch so, dass die wenigen unbefristeten Stellen oft nur für Habilitierte zugänglich sind, was ist mit den anderen, die "nur" Dr. sind? Es kann und will nicht jeder habilitieren und selbst wenn, soviele Professoren/Dozenten wie Doktoranden würden wohl nicht gebraucht. Soll sich also der ganze Mittelbau alle paar Jahre wieder neu orientieren, umziehen, sich in ein neues Arbeitsfeld einarbeiten? Erschwert wird das noch durch die Zurückhaltung bei der Mittelbewilligung. Werden die befristeten Stellen nicht fast alle über Drittmittel finanziert und herrscht nicht überall Sparzwang? Arbeitsloszeiten sind leider keine Seltenheit. Und Hartz IV droht schon nach einem Jahr, und das ist so schnell um... Wahrhaft keine rosigen Aussichten, weder für den Wissenschaftler und schon gar nicht für evt. Nachwuchs. Vielleicht werde ich auch zu einem verpönten Wirtschaftsflüchtling und gehe ins Ausland. Mal sehen.

  2. Sind Institutsleiter, Universitätsbürokraten und nicht zuletzt Minister(innen) so blind, daß sie das in diesem Artikel gut beschriebene Elend bisher nicht mitbekommen haben?
    Wissen die Chefs, denen ja die Möglichkeit der Befristung von Verträgen oft genug als Druckmittel zum Antreiben ihrer Mitarbeiter gelegen kommt, wirklich nicht, was sie ihnen damit antun?
    Fehlt den Ordinarien der Natur- und Geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die ja kaum jemals einen Finger rühren, um dem Partner eines Angestellten zu einer Stelle am gleichen Ort zu verhelfen, tatsächlich das physiologische und psychologische Verständnis dafür, daß eine über Jahre geführte Wochenendbeziehung sowohl aus biologischen wie auch aus seelischen Gründen für das Kinderkriegen eine schlechte Voraussetzung ist?
    Sind die zahllosen Nachfragen der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und AssistenzärztInnen nach einem Platz in den Universitätskindergärten bei den Verwaltungen einfach folgenlos verhallt?
    Und war Frau Bulmahn wirklich so einfältig, nicht zu wissen, was sie tat, als sie die Maximaldauer von 12 Jahren für einen befristeten Vertrag an einer deutschen Universität festlegte (und damit, nebenbei, es auch für die im Ausland tätigen ein gutes Stück unattraktiver machte, nach Deutschland zurückzukommen)?
    Na, man gut, das wir jetzt eine Studie haben. So bekommen dann also auch diese Autisten, Soziopathen und Dilettanten mit, was los ist.

  3. Die Frage von FreundHein, ob Ordinarien das "physiologische und psychologische" Verständnis dafuer fehle, daß "daß eine über Jahre geführte Wochenendbeziehung sowohl aus biologischen wie auch aus seelischen Gründen für das Kinderkriegen eine schlechte Voraussetzung ist", kann man wohl nur als Zeichen der Ignoranz ansehen. Zweifellos gibt es Ordinarien, auf die diese Beschreibung zutrifft - in meinen Augen trifft sie die Mehrheit der Kollegen zu Unrecht (eine Festellung, obwohl ich meine wisenschaftliche Laufbahn ausserhalb deutscher Universitaeten und überwiegend im Ausland verbracht habe): Das zentrale Problem mit dem - nicht nur deutsche - Institutsleiter konfrontiert sind, ist das Arbeitsrecht. Fällt es schon schwer, Ehepaare im gleichen Institut zu beschäftigen, so lassen sich Befristungen (und Einschränkungen bezüglich einer Wiederanstellung eines Wissenschaftlers im gleichen Bundesland nach Ablauf der Anstellungsbefristungen) beim besten Willen nicht umgehen. Verantwortlich ist hier ein - für den Wissenschaftbetrieb - unverantwortliches Arbeitsrecht. Ich habe während meiner Zeit alsd Lehrstuhlinhaber (und zuvor als Gruppenleiter) stets versucht, Mitrarbeitern in jeder denkbaren Weise zu helfen, und ich weiß, daß andere Kollegen die gleiche Einstellung haben.
    Selbst wenn man davon ausgeht, daß es innerhalb der Universitäten vieles zu ändern gäbe: Das zentrale Problem liegt außerhalb der Universitäten. Bevor hier nicht Drastisches geschieht (und es muss bald geschehen, wenn Deutschland nicht im Abseits landen will), wird sich auf den untergeordneten Niveaus auch beim besten Willen nicht viel ändern. Ob Buhlman oder nicht, es genügt nicht an Details zu basteln.

  4. nachdem mir die ironiefreie replik von "etiam" bei einer wette eine flasche ponsardin eingebracht hat: familienfoerderung ist bes. im postdocbereich ein standortfaktor erster guete. allerdings sollte man nicht alles an den unis festmachen. die probleme, die hier angesprochen werden, finden sich groesstenteils in webers "wissenschaft als beruf" - und sind im uebrigen ein gesamtgesellschaftliches problem: nachdem der gute adolf seinen arbeitsmarkt entlastet hat, indem er die rueckkehr deutscher frauen an den herd propagierte, war bei guten loehnen in der nachkriegszeit das muttermodell durchaus tragfaehig, was einen enormen retraditionalisierungsschub bewirkte, mit den niedrigsten frauenerwerbsquoten weltweit. mentalitaetsmaessig sind wir immer noch, wie die nzz vor jahren schrieb: kommunisten. aber warum soll die uni fuer unsere familien verantwortlich sein? das ist ein wissenschaftsbetrieb, bestenfalls. ich selbst habe im ausland bessere modelle kennengelernt, sogar in portugal, und der internationale wettbewerb wird einiges regeln (und nicht nur in der wissenschaft), weil wir auf weibliche intelligenz einfach nicht verzichten koennen. hier aber wie wild andere karrieremodelle zu importieren, ist augenwischerei: warum kehren so viele forscher aus den staaten zurueck? weil´s in deutschland in vielerlei hinsicht doch gemuetlicher zugeht als mit dem enormen publikations- und drittmitteleinwerbungsdruck in den states. die deutsche begeisterung fuer tt basiert nicht auf den selben praemissen, sondern letztlich auf altbackenen beamtenkarrieristischen traumvorstellungen, die die sinnvolle filterung durch den standortwechsel aushebeln moechten, vom hiwi zum c4, sozusagen. die angesprochene attraktivitaet der zu erwartenden gehaelter ist sicher je nach fachrichtung sehr verschieden, in den geisteswissenschaften eher guenstiger. dies duerfte die leidensfaehigkeit vieler kollegen hinreichend erklaeren. tatsaechlich sinken die stundenloehne in diesem bereich dramatisch, wie schon vor jahren von oekonomen in der universitas berechnet wurde. trotzdem bleibe ich bei meiner auffassung, das die entscheidung, kinder zu haben oder nicht zu haben, nichts damit zu tun haben kann, wie nett unsere wissenschaft ist: die politik wird sich um um die waehlende intelligenz als multiplikator kuemmern muessen, nicht umgekehrt.
    frau etiam sei mitgeteilt, dass ich sowohl kinder habe - 2 soehne - als auch mit phd und postdoc 8 jahre stipendien im in- und ausland hatte, und mittlerweile (mit 38 und auf einem anderen kontinent) ein universitaeres institut sowie eine ngo leite, obwohl ich waehrend meiner postdoczeit gemuetlich halbtags meinen aelteren sohn betreut habe, der auch ab und zu krank war. frau etiam, gehen sie doch mal nach lateinamerika und schauen sie, wie da unter widrigsten umstaenden karrieren gestaltet werden, da lernen sie ganz schnell bescheidenheit. aber auch: mehr von der eigenen politik zu fordern, aber am richtigen ort. universitaet taugt nicht zur versorgungsanstalt, sondern dient lediglich der wissensproduktion. in diesem sinn ist es bedenklich, wenn wir ueberfliegerinnen wie frau etiam verlieren und da muss politisch dringend etwas getan werden. auf individueller ebene bleibt nur die abstimmung mit den fuessen.

  5. ...und mir scheint, dass sich auch von diesem, sehr eindeutigem Artikel die Gemüter nicht sonderlich in Wallung versetzen lassen. Nur eine handvoll Kommentare, wo doch sonst zum Thema Kinderlosigkeit und Demographie kilometerlange Diskussionen laufen.
    Sind wir alle schon so frustriert und abgestumpft, oder hätte der Artikel auf Seite 1 gemusst?

    • etiam
    • 12.04.2006 um 12:03 Uhr

    ad 1) Die Zukunft vieler, die sich vom "hinsichtlich des Kinderwunsches vom bürgerlichen Ehemodell" freigemacht haben, können Sie diversen Statistiken und Studien entnehmen (Kinderzahlen des wissenschaftlichen Nachwuchses, Alleinerziehende in HarzIV, Pleite durch Unterhalt, Folgen von elterlicher Trennung auf deren Kinder usw.). Wenn die Zukunft denen gehört, die alleine mit zwei kranken Kindern die ganze Nacht nicht schlafen können und um vier Uhr morgens verständig Kant lesen, dann wird es dünn mit der Zukunft!
    ad 2) Wer fordert, dass wissenschaftliche Berufe nicht zum Broterwrb taugen, reserviert diese für Idioten, die außer finanziellem Rückhalt nichts zu bieten haben. Leistungsauswahl mit halbwegs planbarer Zukunft für die Besten hört sich da schon besser an. Als ich mich mit 30 nach der Habilitation die Uni verlassen habe, waren alle Arbeitsverträge, die mir in der Industrie angeboten wurden vom C4 Endgehalt ausreichend entfernt, um einen Verbleib an der Uni unattraktiv ja töricht zu machen. Wen meinen Sie kriegt die Uni noch, wenn das so weitergeht?
    Wer so etwas wie Sie schreibt, hat entweder keine Kinder , keine Ahnung wie das Geschäft an den Hochschulen läuft, beides, oder falls nichts von dem noch viel schlimmer, nichts als Verachtung für Sorgen und Nöte einer breiten Mehrheit des wissenschaftlichen Nachwuchses.
    Ich freue mich, dass nicht mal die Politik diese Auffassung teilt (auch wenn Sie augenscheinlich nicht in der Lage sind, das umzusetzen, was sie wollen)

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