Jugendgewalt Tritt ins Gesicht

Warum Gewaltvideos auf dem Handy so beliebt sind.

Auf dem Handy-Display erscheint ein Schulgebäude, das leicht wackelige Bild zeigt die gläserne Schultür. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren bewegt sich hinter der Tür auf die Kamera zu. Plötzlich erscheint eine zweite Person im Bild, es ist ein Jugendlicher. Sichtlich aufgeregt versteckt er sich links neben der Tür, er lauert auf das Mädchen. »Versteck dich, gleich kommt sie!«, erklingt die Stimme des Filmenden. Das Handy wackelt, die Jungen kichern. Dann geht die Tür auf, und das Mädchen tritt heraus. In den Armen hält sie einen Stapel Hefter und lose Blätter. Noch ehe sie realisiert, was los ist, tritt der Junge aus seinem Versteck und schlägt ihr mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht. Sie taumelt, lässt ihre Schulsachen fallen und krümmt sich vor Schmerzen. Die Jungen brechen in lautes Gelächter aus. Dann ist der Film zu Ende.

Gleiches Handy, neue Szene: Ein Betrunkener torkelt auf einem U-Bahnhof, er steht breitbeinig mit gekrümmtem Rücken und schwingt vor und zurück, die Handy-Kamera filmt ihn so eine Weile. Gekicher ist zu hören, der Filmende gibt einem weiteren Jungen die Anweisung, noch abzuwarten. Man kann sie nicht sehen, nur hören. »Warte, warte, warte, ich hab ihn noch nicht richtig drauf, warte… So, jetzt los!« Der Befehl ertönt, und im selben Moment sieht man, wie ein Jugendlicher dem Betrunkenen mit Anlauf ins Gesicht tritt. Der Mann schreit kurz auf, fällt zu Boden und hält sich vor Schmerzen das Gesicht. Die Täter lachen laut und filmen den Mann noch eine Weile, wie er da liegt, hilflos, mit blutendem Gesicht.

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Seitdem es Kamera-Handys mit hoher Speicherkapazität gibt, mit denen nicht nur Fotos gemacht, sondern ganze Filme gedreht werden können, gibt es solche Gewaltvideos. Die Handys sind einfacher zu bedienen als ein Taschenrechner, und die Filme vermitteln den ultimativen Kick, denn sie sind authentisch.

Vor Jahren, in der handylosen Zeit, verbreiteten Schlägertypen ihren gefährlichen Ruf, indem sie Drohungen über Freunde und Bekannte ausrichten ließen. Heute sammeln sie die Beweise ihrer gewalttätigen Ausbrüche wie Trophäen auf dem Speicherchip ihres Handys. Zuerst wurden nur zufällig beobachtete Schlägereien gefilmt. Häufig sah man, wie eine Person eingriff, um die Auseinandersetzung zu beenden. Das ließ allmählich nach, weil man die Schlägerei bis zum Ende aufnehmen wollte. Mittlerweile wird die Gewalt eigens für die Filme inszeniert. Daneben finden Videos aus dem Internet Platz auf den winzigen Handys: Terroristen, wie sie gerade eine Geisel köpfen, Folterszenen, Vergewaltigungen und Tierquälereien.

Fast jeder Jugendliche besitzt ein Handy, und wer sich keins leisten kann, der nimmt es einem Schwächeren weg. Je teurer das Handy, desto mehr Anerkennung verspricht es. Solche, die man bei Vertragsabschluss umsonst bekommt, haben kein Prestige. Diese Raubüberfälle, unter Jugendlichen »abziehen« genannt, sind besonders beliebte Filmmotive: Mehrere Jungen verprügeln einen Einzelnen, nehmen ihm alles weg, was irgendeinen Wert hat, und demütigen ihn, während die Handykamera alles aufnimmt. Später werden die Filme stolz in der Clique herumgezeigt.

»Eigentlich holt man sich keine Filme vom Internet«, sagt der 14-jährige Sadak von der Rütli-Schule. »Die sind langweilig, weil die jeder haben kann. Man macht sich seine Filme lieber selber.« Der Besitz eines selbst gedrehten Gewaltvideos garantiert Anerkennung in der Gruppe und ist der Einstieg ins Video-Tauschgeschäft.

Da es in den letzten Wochen besonders viele Handy-Kontrollen an Berliner Schulen gab, hat Sadak sich vorsorglich ein zweites Mobiltelefon besorgt, ein billiges Alibi-Handy, ganz ohne Kamera. Er habe gehört, dass der Besitz von Gewaltvideos strafbar sei, daher hat er sein Film-Handy zu Hause unter seiner Matratze versteckt, berichtet er grinsend. »Eigentlich gibt es nicht so viel Gewalt bei uns in der Schule. Drei- bis viermal die Woche gibt es Schlägereien. Jeder bekommt mal was ab, jeder!«, sagt Sadak und findet überhaupt nichts Außergewöhnliches daran.

Und doch bilden die Schläger nur eine Minderheit. Die Mehrheit besteht aus Zuschauern, die sich am Leid eines anderen erfreuen, die sehen wollen, wie jemand Angst hat, wie jemand weint oder um Gnade fleht, wenn er gequält wird. Diesen Jugendlichen das Handy zu verbieten ist einfach. Ungleich schwerer ist es, ihnen Empathie beizubringen – Gefühle wie Scham oder Mitleid, die sie längst verlernt oder nie empfunden haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich bin selbst Schülerin.Zum Glück gibt es dieses Problem bei uns an der Schule nicht!!!Trotzdem weiß ich wie es ist,denn ich war selbst früher Opfer von Mobbing bis hin zu Gewalt!Am schliemsten ist es,dass die Opfer sich meistens nicht trauen,sich zu währen.Und ein großteil der Zuschauer ist nur zu feige etwas zu unternemmen.ES STIMMT NICHT,DASS ALLEN DIESE GEWALT GEFÄLLT!Unser Problem ist nur,dass jeder coll sein will und deswegen die Klappe hält.Oder weil er Angst hat an die Stelle des Opfers zu kommen!AN ALLE: TRAUT EUCH!WÄHRT EUCH!DIESE GEWALTTÄTIGEN SIND NUR FEIGLINGE DIE SICH NICHT ANDERS MITTEILEN KÖNNEN!Mal ehrlich,wer von euch,der etwas Selbstvertrauen hat,teilt sich durch Gewalt mit?!?GEWALT IST SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO UNCOOL1

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  • Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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  • Schlagworte Film | Jugendgewalt | Schlägerei | Jugendliche
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