50 Klassiker der modernen Musik: Teenage-Angst
Brian Wilson von den Beach Boys hat zwar die Sechziger mit dem Pop der Beach Boys belebt. Doch als Mensch war er von Leid geprägt. Neunte Folge der ZEIT-Reihe
Als kanonisch zu betrachten gelernt haben wir das Spätwerk des Brian Wilson, also Pet Sounds, das im Ranking der besten Pop-Platten aller Zeiten einen ewigen Spitzenplatz einnimmt, oder Smile, das so anspruchsvoll war, dass sein Schöpfer darüber in geistige Umnachtung fiel und erst unlängst, bleich und fürs Leben gezeichnet, wieder daraus auftauchte. Doch fing das Drama dieses begabten Kindes nicht schon viel früher an, bei den Sonnenscheinhymnen der jungen Beach Boys? Zuckrig hingefistelten, fünfstimmigen Idyllen von nicht zu überhörender Abgründigkeit?
Wer den Laserstrahl des CD-Spielers noch einmal herablenkt auf eine jener Songkopplungen aus den frühen Sechzigern, die EMI in den letzten Jahren jeweils im Doppelpack wiederveröffentlicht hat (eine Beach-Boys-LP allein dauerte damals keine 30 Minuten), muss ein Herz aus Stein haben, um im bonbonfarbenen Formatpop der Wilson-Brüder nicht bereits die zitternden Nervenenden zu entdecken, die überspannten Ansprüche, die gesamte Teenage-Angst. Bekanntlich schuf Brian seine Kompositionen, ähnlich wie später Michael Jackson, unter der Knute eines despotischen Vaters. Die Beach Boys – ein zwangsvergnügter Familienbetrieb mit Brian Wilson in der Rolle des Hitlieferanten. Von hier aus nimmt die Pathogenese des Surf-Sounds ihren Lauf.
Nehmen wir Fun, Fun, Fun, den auch als Single veröffentlichten Hit aus dem Jahr 1964: Vordergründig hält der Song, was sein Titel verspricht, er ist eine Hymne auf die Mobilität mit ihren frisch gekürten Wahrzeichen, der Straße, dem Hamburger-Stand und dem gepolsterten Rücksitz. Alles will raus ins offene Leben, doch der Spaß dauert nur so lange, »’til her daddy takes the T-Bird away«. Oder Surfer Girl: Das Stück preist in schlichten Akkorden die Vorzüge kalifornischer Blondinen, wirkt aber in seinem untergründigen Drängen wie ein romantischer Gesang von unerfüllbarer Liebe. Nicht zu vergessen In My Room, jenes wohl gespenstischste Stück der frühen Jahre: Auch hier schiebt sich der Schatten eines übermächtigen Vaters über die Szene, in der ein Einsamer wacht, um ganz allein die Bürde des Familienunternehmens zu schultern.
Brian Wilsons Tragödie bestand darin, dass der musikalischen Emanzipation keine soziale folgte. Während andere Pop-Pioniere sich zu Jungsverbänden zusammentaten, die sich gegenseitig Bälle und Frauen zuspielten, blieb er der Idiot der Familie, dicklich, unsportlich, aber von einer lebenslangen Sehnsucht angetrieben. Deshalb gibt es auch später so wenig Beat und so viel Choral in dieser Musik. Sein Opus magnum, Smile, blieb fast dreißig Jahre lang seine Unvollendete und entfernte ihn vollends von der heiteren Zeitgenossenschaft des Pop. Als Komponist mag Brian Wilson den wilden Sechzigern einige Preziosen beschert haben, als Klassiker und Mensch steht er in der Tradition leidender Genies aus dem 19. Jahrhundert.
The Beach Boys: Surfer Girl/Shut Down Vol. 2
(EMI)








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