Wenn man vor Adam Elsheimers kleinem Bild Die Flucht nach Ägypten steht, dann möchte man immer näher herangehen, mit den Augen hineingehen, wahlweise wenigstens ein Vergrößerungsglas benutzen, um herauszufinden, ob dieses weit verstreute Funkeln wirklich aus dem Sternenmeer eines dunklen Nachthimmels kommt oder ob man einem Wunder zweiter Klasse aufgesessen ist und sich die himmlischen Diamantsplitter nur einer optischen Täuschung, einer Kombination von spiegelndem Glas, Spotlights und temporärem Silberblick verdanken. HARTE TATEN IM WEICHEN LICHT - "Judith und Holofernes", entstanden 1601-103 BILD

Natürlich ist Elsheimers bestirnter Nachthimmel (der, wie man inzwischen gezählt hat, aus circa 1500 Lichtpunkten besteht) ein Wunder der ersten Klasse, ein Werk, in dem einige Superlative kulminieren: Es ist sein letztes (datiert auf 1609, ein Jahr vor seinem Tod) und das sowohl von den Kollegen wie der Nachwelt am meisten bewunderte, dazu ein für seine Verhältnisse ungewöhnlich großes Bild (31 mal 41 Zentimeter).

Ende vergangenen Jahres stellte die Münchner Alte Pinakothek, zu deren Sammlung das Werk gehört, es in den Mittelpunkt einer Ausstellung mit dem Titel Als die Malerei die Milchstraße entdeckte, und die Frage, ob Elsheimer sich bei seiner Arbeit schon des 1609 erfundenen Teleskops bedient hatte, stand im Zentrum einer aktuellen Neugierde, die der Verschwisterung von Kunst und Naturwissenschaft gilt. Jetzt ist in Frankfurt, Elsheimers Geburtsstadt, eine umfassende Ausstellung des Gesamtwerks zu sehen, 36 Bilder, dazu grafische Arbeiten.

Seine Landschaften sind in der Welt, aber nicht von der Welt

Die Flucht nach Ägypten, die, wie Gottfried Sello einmal schrieb, "erste wirkliche Mondnacht in der europäischen Malerei", wird, gerade nach München, in der Frankfurter Ausstellung in ihrem doppelten Wert sichtbar: als Höhepunkt im Werkzusammenhang und als die wunderbarste, folgenreichste Mondnacht, der wenig später die Niederländer con brio und im 19. Jahrhundert die Romantiker con sordino hinterhermalten.

Adam Elsheimer, 1578 in Frankfurt geboren, ging nach einer Lehre bei Philipp Uffenbach 1598 nach München, von dort nach Venedig und wahrscheinlich im Jahr 1600 nach Rom, wo er 1610 verarmt starb, 32 Jahre alt war er geworden, vor seinem Tod von einem Gläubiger noch kurzfristig ins Gefängnis gebracht. Als Rubens, den Freund aus gemeinsamen römischen Tagen im Jahr 1601, die Nachricht erreichte, nannte er den Brief den "Träger der grausamsten Nachrichten, nämlich des Todes unseres geliebten Adam, der mich auf das schmerzlichste traf. Nach einem solchen Verlust sollte sich unsere ganze Zunft in Trauer hüllen … Meiner Meinung nach gab es auf dem Gebiet der kleineren Figuren, der Landschaften und so vieler anderer Sujets niemals einen, der es ihm gleichgetan hätte … Ich bedaure, dass wir in unserem Lande keine einzige seiner Reliquien haben…" Was nicht ganz stimmte, denn er selbst besaß vier Arbeiten von Elsheimer.

Rubens, der Maler lebensgroßer Altarbilder, wandsprengender Mythologien und raumfüllender Zyklen, hatte selbst in der Stunde der Trauer eine sehr präzise Vorstellung von den antipodischen Qualitäten des toten Freundes. Mit den kleineren Figuren meinte er zunächst die kleinen Formate. 9 mal 7 Zentimeter groß sind zum Beispiel acht Kupfertafeln, die Heilige und Gestalten aus dem Neuen Testament zeigen und wahrscheinlich für den Einbau in einen Kunstschrank bestellt waren. Was in dieses Format, eine Zigarettenschachtelgröße, hineingefügt und -geschichtet (und nie -gepresst) wird, ist aber nicht weniger als das, was Dürer oder Altdorfer auf hohen Holztafeln ausbreiten: eine Figur in Lebensgröße, dazu ihre Attribute oder eine zweite Person, das alles vor einer minutiös geschilderten Landschaft.

Die Kostbarkeit dieser Tafeln erklärt sich aus den Widersprüchen, die Elsheimer mit seiner singulären Arbeit aufhebt. Im kleinen Format nämlich erscheinen Johannes der Täufer oder der Heilige Laurentius durchaus nicht als Miniaturen ihrer selbst, sondern wirken fast monumental, ein Eindruck, der sich aber nicht verselbstständigt, weil die durch ein warmes Licht partienweise illuminierten Farben und eine Landschaft, die von Bäumen, Bergen und Pflanzen im Vordergrund oft bis weit in den Hintergrund hineingezogen ist, die Szene als Ganzes in ihrer besonderen Stimmung zusammenfassen.

Immer ist Elsheimer eher ein Erzähler und Lyriker als ein Dramatiker, selbst wenn es um drastische Wunder (Die Taufe Christi) oder handgreifliche Grausamkeiten (Judith und Holofernes) geht. Auch das Licht seiner Bilder zielt nicht auf den scharfen Kontrast von hell und dunkel, der bei Caravaggio, der zur gleichen Zeit in Rom arbeitete, für Erregung und Erstarrung zugleich sorgt. Elsheimers Licht dringt in die Poren der Haut und legt sich zwischen die Falten der Gewänder, es ist durchpulst von Wärme, es rundet die Formen und bringt die Farben zum sanften Leuchten. Vor allem aber unterscheidet er sich in seinen Landschaften, für die er gerühmt wurde, von seinen Kollegen und Nachfolgern. Im Vergleich zu Annibale Carraccis idealisierten Naturszenerien und den niederländischen Weltlandschaften sind Elsheimers Ansichten der Natur durchaus realistisch, und die Menschen, die er zeigt, sind nie Staffage, so wie Landschaft nie nur Kulisse ist.