An der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln ist die Lehrerschaft vor einer Atmosphäre der Gewalt in die Knie gegangen. Unter den Schülern sei ein "Machtkampf um Anerkennung" ausgebrochen, lautet die Diagnose der Lehrer, "der Intensivtäter wird zum Vorbild". Solche Sätze ließen die Alarmglocken schrillen. Der aufgeschreckten Öffentlichkeit wurden alsbald weitere Fälle vorgeführt, die das Schreckensbild unkontrollierbarer Gewalt vervollständigten. Die Lehrer von der Rütli-Schule hatten ja mit ihrer Flucht nach vorn auch eine Grundsatzkritik beabsichtigt: "Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen?" Die Verfasser des Schreibens machten gleich den ganzen Schultyp, an dem sie unterrichten, für die aussichtslose Lage der Jugendlichen mitverantwortlich: "Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend." "RUMS!! - DA GEHT DIE PFEIFE LOS - mit Getöse, schrecklich groß." Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel wird Opfer kindlicher Heimtücke BILD

Die Lehrer liegen absolut richtig, wenn sie die Probleme an der Rütli-Schule mit der sozialen Benachteiligung, der mangelnden Sozialintegration sowie der Perspektivlosigkeit der Schüler in Verbindung bringen, von denen 61 Prozent arabisch- oder türkischstämmig und 17 Prozent deutscher Herkunft sind. Sie bilden die Klientel einer "Restschule" und wissen ganz genau, dass sie allenthalben als "Ausschuss" betrachtet werden. Aber das kann nur die halbe Antwort auf die Frage sein, wie es an der Schule so weit hat kommen können. Mangelnde Integration und prekäre Soziallagen sind vielleicht notwendige, sicher aber keine hinreichenden Bedingungen. Anstatt den Neuköllner Fall zur Nagelprobe für die deutsche Integrationspolitik der letzten Jahre zu stilisieren, sollte man die dauerhafte Präsenz von Gewalt etwas genauer unter die Lupe nehmen. Gewaltereignisse folgen stets einer eignen Logik, die zu verkennen leicht zu Kurzschlüssen führt.

Die jungen Menschen, von denen hier die Rede ist, driften zwischen Resignation und ohnmächtiger Wut hin und her. Einerseits können sie schicksalergeben sagen: "Ich will Hartz IV werden", andererseits tragen sie trotzig einen Anspruch auf "Respekt" vor sich her. Gewalt erscheint ihnen als ein Weg, der fatalistischen Hinnahme des Unannehmbaren zu entrinnen. Die meist wenig zielgerichtete, die nächstliegenden Opfer treffende Gewaltausübung gibt ihnen die jederzeit erneuerbare Gewissheit, Dinge geschehen machen zu können. Sie erleben plötzlich eine ungekannte Selbstwirksamkeit. In der Rütli-Schule ist es einer Minderheit gewaltbereiter Schüler offenbar gelungen, den Schulalltag nachhaltig zu bestimmen. Mehr noch, sie haben eine untergründige, auf Gewalt und Gewaltdrohung gestützte Schulordnung etabliert, der sich die Lehrer und die anderen Schüler nicht zu entziehen vermögen. In einer solchen Konstellation verselbstständigt sich die Gewalt. Die Gewaltmotive verstärken sich selbst.

Wie eine Untersuchung des Verfassers über "Gewaltkarrieren" gezeigt hat, erleben jugendliche Täter die obsiegende Gewaltausübung oft als eine Offenbarung. Ihre Ohnmachtsgefühle, die meist in einem familiären Gewaltzusammenhang ihre Wurzeln haben und sich in anderen Lebenszusammenhängen wiederholen, verkehren sich ins Gegenteil. Sie erfahren den Triumph der physischen Überlegenheit und machen die berauschende Erfahrung der Verfügungsmacht über andere. Der Rollentausch vom Opfer zum Täter ist für sie eine epiphanische Erfahrung: Es teilt sich ihnen schlagartig die befreiende Möglichkeit eines neuen Selbstverständnisses mit. Solche Erlebnisse beschreiben sie rückblickend als biografische Wendepunkte. Ähnlich wie wir das aus Erweckungs- und Konversionserzählungen kennen, stellen die Jugendlichen ihre Biografien so dar, als gäbe es für sie ein Leben vor und ein Leben nach dem Geschehnis, in dem sich oft lang gehegte Gewaltfantasien realisieren. Solche Erfahrungen markieren bisweilen ein Coming-out als Täter, manchmal auch den Eintritt in eine neue Stufe der Gewaltsamkeit.

Eine Situation, in der die Schüler die Angst der Lehrer gewärtigen und Gewalt kaum mehr wirksam sanktioniert wird, bietet die Gelegenheitsstruktur für solche epiphanischen Erfahrungen und damit für weitere Gewalt. Kleine Gewaltvorfälle können unversehens zum Testfall werden, bis eine unberechenbare Gewaltbereitschaft den Schulalltag bestimmt und das Lehrpersonal sich außerstande sieht, sie zu kontrollieren. Bis dahin unauffällige Schüler können zur Gewalt angestachelt werden, andere müssen sich den Stärkeren beugen. Derartige Eskalationsdynamiken muss man im Auge haben, will man die Entstehung der Zustände an der Rütli-Schule begreifen, in der jeglicher zwischenmenschliche Austausch unter der Ägide drohender Gewalt zu stehen scheint. Eine solche Entwicklung und ihre Vorgeschichte müssen auch hausgemachte Ursachen haben, die sich weder auf biografische Dispositionen noch auf sozialstrukturelle Verwerfungen und Erfahrungen der Deprivation reduzieren lassen.

An der Situationsbeschreibung der Lehrer muss insbesondere die Feststellung aufhorchen lassen, dass an ihrer Schule der "Intensivtäter" zum "Vorbild" geworden sei. Auch das verweist auf ein typisches Merkmal einer eigendynamischen Gewaltentwicklung. Die bereits erwähnte Untersuchung machte die Beobachtung, dass bei Wiederholungstätern und ihren Cliquen eine normative Aufwertung der Gewalt stattfindet. Wenn ansonsten ohnmächtige Jugendliche das euphorisierende "Machtgefühl" der Gewaltausübung kennen gelernt haben, kann die Erfahrung der Gewalt selbst zum Agens des weiteren Handelns werden: zum intrinsischen Gewaltmotiv. Dies wiederum lässt das Selbstbild und die normativen Ideale der jugendlichen Täter nicht unberührt.

Sie erheben die Gewaltsamkeit zu einem positiven Wert. Sie halten es für erstrebenswert, für andere eine leibhaftige Bedrohung zu sein und ihnen angstvolle Respektbekundungen abzuzwingen. Man kann hier von Gewaltmythologien sprechen. Die Jugendlichen glorifizieren die Wirkungen der Gewalt, von der sie erwarten, dass sie ihnen einen wundersamen Bedeutungsgewinn verschafft und ihnen eine ungeahnte Größe verleiht. Fatal ist, wenn solche Allüren von Anerkennung durch die Gleichaltrigen gedeckt sind. Genau dies scheint an der Neuköllner Rütli-Schule der Fall zu sein. Auch darin ist eine Folge des gewaltförmigen Sekundärregimes an der Schule zu sehen und nicht – oder nur teilweise – das Produkt von Wertorientierungen, die die Schüler von zu Hause oder von der Straße mitgebracht haben. Erfolgreiche Gewalt schafft sich ihre normative Aufladung.

Wenn man sich den beschriebenen Entwicklungspfad von Gewaltereignissen vergegenwärtigt, wird schlagartig klar, wie fragwürdig es ist, von einem eskalierenden Fall gleich auf ein totales Scheitern des interethnischen Zusammenlebens in Deutschland zu schließen. Neukölln avancierte in den vergangenen Jahren ohnehin zum Musterbeispiel für misslungene Integration, für die Herausbildung von muslimischen Parallelgesellschaften sowie für Ghettos, die von so genannten Sozialhilfedynastien dominiert werden. Die Vorfälle an der Rütli-Schule bieten indes wenig Anlass, die bereits mehrfach totgesagte und offenbar wieder auferstandene Idee einer multikulturellen Gesellschaft erneut zu verabschieden. Wenig hilfreich ist auch die Forderung, die verantwortlichen Parteien mögen endlich das Scheitern der staatlichen Integrationspolitik auf ganzer Linie eingestehen. Denn die Integration von Migranten ist nicht nur eine Obliegenheit des Staates, sondern vielmehr noch eine gesellschaftliche Aufgabe, die von staatstragenden Institutionen bis in die informellen Sphären des alltäglichen Zusammenlebens hinabreicht. Vor dieser Aufgabe versagen meist jene besonders kläglich, die die Berichte von der Rütli-Schule zum Anlass nehmen, die deutsche Integrationsrealität im Ganzen auf Kosten von Migranten zu skandalisieren.

Auf der lokalen Ebene und in benachteiligten Stadtteilen, also am zentralen Ort der sozialen Integration, steht es allerdings mit den interethnischen Beziehungen nicht zum Besten, wie eine neuere Untersuchung am Frankfurter Institut für Sozialforschung zeigt. Weite Teile der deutschen Bewohner dieser Stadtteile kritisieren den mangelnden Integrationswillen ihrer meist bereits vor Jahrzehnten zugewanderten Nachbarn. Gleichzeitig aber diffamieren sie gerade die Aufsteiger unter ihnen – etwa türkischstämmige Geschäftsinhaber, Immobilienbesitzer und politisch aktive Migrantenvertreter – als halbseidene Kriminelle, übernahmewillige Eindringlinge oder findige Schmarotzer. Ausgerechnet Migranten, die bereits Integrationserfolge erringen konnten, werden zur Zielscheibe negativer Klassifizierungen. Ihre materielle Teilhabe und politische Partizipation kommt bei der autochthonen Bevölkerung – und keineswegs nur bei den unteren sozialen Schichten – meist nicht gut an. Solange wir solche Sachverhalte zu konstatieren haben, liegen kaum Gründe vor, die Probleme der Integration einseitig den Migranten anzulasten, wie die neuerdings wiederkehrenden, abschiebewütigen und strafwilligen Reflexe es tun.

Ferdinand Sutterlüty ist Wissenschaftlicher Assistent an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Im Jahr 2002 erschien von ihm: "Gewaltkarrieren. Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Missachtung" (Campus Verlag)