Kino Korrekte Kettenraucher

George Clooneys spannender Agitationsfilm »Good Night, and Good Luck«

George Clooneys ist der nachgeborene Bruder von Fred Zinnemanns Seinerzeit setzte sich der einsame Sheriff Gary Cooper in einer vor Angst erstarrten Wildwestgemeinde gegen ein bewaffnetes Gesindel durch, das (so empfanden es die Filmkritiker) den Kommunistenjäger Joseph McCarthy und seine Freunde im US-Senat symbolisierte. Am Ende bekam Cooper die schöne Grace Kelly. Der amerikanische TV-Moderator Edward Murrow, historischer Held in Clooneys Schwarzweißfilm, kämpfte gegen den echten Senator McCarthy (der in Dokumentarfilmausschnitten lebendig wird). Alles, was Murrow blieb, ist ewiger Ruhm und ein früher Tod (1965). Keine Kelly. Doch nun die zweite Heroisierung in einem elegant gefilmten Journalisten-Epos, das genauso gut als Hörspiel funktionieren könnte. Die Kamera schaut der Redaktionsgruppe um Murrows Sendung permanent auf die Lippen. Lauter Kettenraucher. Seit Jahrzehnten wurde nicht mehr so viel geraucht in Hollywoods Produktionen: auch dies ein Protestakt gegen fanatische Missionare Amerikas, die sich mangels kommunistischer auf die Raucher nebenan stürzen. Murrow (David Strathairn in finsterer Großartigkeit) inhaliert für die Meinungsfreiheit.

Lauter nervöse Männer laufen mit aufgekrempelten Ärmeln durchs Bild

Anzeige

Der Journalist hatte sich im Zweiten Weltkrieg als Rundfunkkorrespondent in London ausgezeichnet. Seine an Hemingways kurzen Sätzen geschulte Diktion, sein ganz und gar properes Leben ließen ihn nach 1945 zur politisch-moralischen Autorität im jungen Fernsehmedium Amerikas werden. Er war ein Linksliberaler; das Land hingegen drohte geistig in der paranoiden Hetzjagd McCarthys und seiner Handlanger (unter ihnen der junge Robert Kennedy) zu erstarren. Der Vater der Atombombe, Robert Oppenheimer, zerbrach – wie sein Bruder und viele andere – unter den selten bewiesenen Anschuldigungen im US-Senat. Bert Brecht floh das Land seines Exils nach einem feigen Auftritt vor McCarthys Untersuchungsausschuss.

Zwei Dinge zeigt Clooney: Erstens, TV-Produktionen im vordigitalen Zeitalter lebten noch vom Pioniergeist des Rundfunk- und Printjournalismus, der gerade ein neues Medium entdeckt hatte. Lauter nervöse Männer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln laufen bedeutungsvoll durch die Szenen. »Relax«, möchte man ihnen zurufen, es wird schon gut ausgehen, das Fernsehzeitalter. Es ging aber nicht gut aus.

Hoffentlich ist das Werk mehr als ein Rauchzeichen aus Hollywood

Und zweitens behauptet Clooney, dass in den guten alten Zeiten des amerikanischen Urfernsehens noch publizistische Rahmenrichtlinien vorherrschten, die direkt aus der verfassungsgebenden Versammlung von Philadelphia zu stammen schienen. Jeder glaubte an die Freiheit des Wortes und der Meinung, selbst William S. Paley, der Besitzer von CBS und Arbeitgeber Murrows. Und diese Freiheit war gefährdet durch Senator McCarthy. Dass er ausgerechnet an der Zivilcourage Murrows scheitern sollte, ist freilich Legende; der Journalist ging zum Angriff über, als der Politiker schon wankte und der Widerstand unter seinen Senatskollegen gegen den Fanatiker in den eigenen Reihen von Woche zu Woche wuchs.

Es ist kein aufwändiger Film (acht Millionen Dollar Produktionskosten), wie gemacht für die Studentenkinos von New York. Dass er ohne Sex auskommt, mehr noch, dass ausgerechnet George Clooney, der imaginäre Playboy of the Western World, geradezu sinnenfrei (bis auf ein Gläschen Bourbon am Abend) seine Nebenrolle mit perfekter Sachlichkeit abliefert, deutet zwar keine Trendwende an, stört aber auch nicht besonders. Selbst ein Suizid findet sein tränenloses Plätzchen im garantiert ironiefreien Drehbuch.

Leser-Kommentare
  1. 1. ah ha

    clooney hat in interviews oft darauf hingewiesen, dass sein film keinen direkten bezug auf die bush regierung und die aktuelle politische situation hat. sicher, er behandelt eine tatsache die aktuell ist, aber clooney hat das projekt schon lange geplant; immer seinen vater im hinterkopf, der selbst fernsehjournalist war. das dennoch immer wieder von kritikern dieser film ausgesaugt wird auf der suche nach realpolitischen bezügen ist in meinen augen ein großes ärgernis; es macht den film ärmer.
    good night... ist mit sicherheit kein agitationsfilm, denn agitationsfilme argumentieren mit dem vorschlaghammer. michael moore macht agitationsfilme. good night... dagegen ist zurückhaltend inszeniert, bedächtig und sympathisch. und der zigarettenrauch ist ein ästhetisches moment, kein moralisches.
    clooney als imaginären playboy der westlichen welt (!) zu bezeichnen heißt clooneys filme in den letzten jahren unter den tisch zu kehren, in denen er eben nicht dieses plumpe image ausspielte. seine erste regiearbeit hatte schon klasse, ebenso wie seine filme mit soderbergh und den coen brüdern. solche wünschte ich mir auch manchmal in der...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service