Hochwasser Fluten bitte anderswo

Nach jedem Deichbruch ertönt der Ruf nach besserem Schutz. Die Erfahrung der vergangenen Jahre aber zeigt: Die hehren Pläne gehen im Strudel der Interessen unter

Als die Elbe im Dresdner Stadtteil Gohlis über den Deich schwappt, stehen Fernsehreporter knöcheltief in der schlammig-kakaobraunen Brühe und melden aufgeregt »Land unter«. Immer mehr Wasser fließt aus den tschechischen Mittelgebirgen nach, der erste große Frühlingsregen hat dort die Schneeschmelze beschleunigt. In Pirna und Meißen gurgelt der Strom durch die Innenstadt, flussnahe Häuser werden evakuiert. Katastrophentouristen begaffen, wie Gartenlokale versinken. Auch in Bayern haben Tauwettertage mit Regen in den Alpen am Unterlauf der Donau in den vergangenen Tagen und Wochen wieder Erinnerungen an die dramatische Flut vom August 2002 wachgerufen.

Als Sachsen damals in den Wassermassen der Elbe und ihrer Nebenflüsse versank, kamen 21 Menschen ums Leben. Die Fluten beschädigten oder zerstörten 25652 Wohngebäude, 236 Schulen und sieben Krankenhäuser. 50000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen (Siehe dazu auch Alles muss raus ). 180 Brücken, 750 Kilometer Straßen und 540 Kilometer Schienen wurden weggestrudelt – allein in Sachsen. So etwas, hieß es damals, sollte sich nicht wiederholen.

Anzeige

Und dennoch war es nur eine Frage der Zeit, bis das Wasser wieder durch die Straßen von Dresden-Gohlis strömen würde. Schon 2005 hatte die Schneeschmelze dort den Deich ramponiert; er wurde notdürftig zusammengeflickt. Ein höherer Flutwall, der den Stadtteil schützen könnte, existiert nur auf dem Papier – so wie an vielen Orten. »Dreieinhalb Jahre nach der großen Flut ist vieles vergessen«, bilanziert der Hydrologe Uwe Grünewald von der TU Cottbus. Ein Verdrängungsprozess hat eingesetzt, der erstaunlicherweise nicht nur Politiker, sondern auch Anwohner erfasst. In einer Studie zu den Überschwemmungen in Bayern 1999 hat das dortige Landesamt für Umwelt festgestellt, dass selbst bei den Direktbetroffenen die Erinnerung daran nach sechs Jahren deutlich verblasst war. »Deswegen müssen wir bei der Umsetzung von Projekten schnell sein. Mit jedem Tag Abstand vom Hochwasser wird es schwerer, sie durchzusetzen«, sagt Albert Göttle, der Präsident des Landesamts.

Die Bilanz der Hochwasserschutzpolitik fällt zwiespältig aus. Einerseits haben die Flutkatastrophen von 2002 und 1999 durchaus ein Umdenken gebracht; vielerorts wurden neue Deiche geplant, Risikogebiete ausgewiesen, Meldewege gestrafft und zum Teil zentrale Instanzen geschaffen. Der Bund hat ein neues Hochwasserschutzgesetz erlassen und Geld zur Verfügung gestellt. Bayern kann jährlich 150 Millionen Euro für den Hochwasserschutz ausgeben, Sachsen immerhin 60 Millionen. Doch an vielen Orten hakt es mit der Umsetzung. Manche Schutzmaßnahmen stecken seit Jahren fest, die Projekte verheddern sich im Dickicht aus Kompetenzstreit und lokalen Interessen.

Nicht dass gar nichts passiert wäre. Sachsen beispielsweise litt 2002 nicht nur unter der Flut, sondern auch unter einem Informations-Chaos. »Hier hat es vorübergehend schwer gescheppert«, erinnert sich Uwe Grünewald. Inzwischen hat das Land Konsequenzen gezogen: Jetzt sind alle Kompetenzen in einer Hochwasserzentrale gebündelt. In Dresden hat man die meterhohen Geschiebe-Barrieren aus dem Flussbett gebaggert, die damals den Abfluss des Wassers behindert hatten. Zugebaute Entlastungsrinnen wurden wieder freigelegt. Selbst das Projekt einer Talsperre an der Müglitz, seit der Wende immer wieder verschleppt und beinahe gekippt, ist mittlerweile fertig.

Auch die Vorhersage mache große Fortschritte, sagt Markus Disse von der Bundeswehr-Universität München. Den Hydrologen stehen heute mehr Messdaten denn je zur Verfügung, sie können den Weg des abfließenden Wassers sehr genau berechnen. Das gibt Zeit, den Wasserstand in Talsperren abzusenken, um Reserven zu schaffen, bedrohte Deiche zu verstärken oder wenigstens Hab und Gut in Sicherheit zu bringen.

Service