Hochwasser Fluten bitte anderswoSeite 3/3
In Münchsmünster, östlich von Ingolstadt, ist einer von sieben bayerischen Poldern geplant: 380 Hektar groß könnte er werden. Im Ernstfall soll er den Scheitel der Donau-Flutwelle am Kloster Weltenburg, in Kelheim und Regensburg kappen. Alle 20 Jahre, rechnen die Behörden vor, müsste man den Polder fluten. Die Bauern würden dann für Ernteausfälle entschädigt. Doch denen reicht die angebotene Summe nicht. Sie argumentieren, das Wasser könnte Glassplitter und Schadstoffe auf ihre Äcker spülen, was zu weiteren Ernteausfällen führt. Die Anwohner wiederum fürchten einen steigenden Grundwasserspiegel, der ihre Keller unter Wasser setzen könnte. Einem Gutachten des Wasserwirtschaftsamts, das sie in dieser Hinsicht beruhigen soll, glauben sie nicht.
Ähnliche Beispiele finden sich zuhauf: Die hessische Gemeinde Trebur wehrt sich seit Jahrzehnten erfolgreich gegen einen Rhein-Polder. Dieser könnte bei der nächsten Flut Koblenz und Köln retten. Schon Joschka Fischer kämpfte als Umweltminister für das Projekt. Doch die Rheinstädte hoffen vergeblich auf die Solidarität der Hessen.
Von einer bestechend einfachen Idee würden 40000 Menschen am Unterlauf des Flüsschens Mangfall in Oberbayern profitieren. Die Mangfall durchquert zuvor den Tegernsee, den Buen Retiro der besseren Münchner Kreise. Mit einer Wehranlage könnte man den Pegel dieses Sees regulieren und so Hochwasserspitzen abfangen. Doch den Tegernsee-Anrainern ist ihr Hemd näher als die Hose der Nachbarn flussabwärts. Was, wenn der See künftig höher gestaut wird – geraten dann ihre Weinkeller in Gefahr? Die Behörden beteuern, so weit würde es nicht kommen. Dennoch formiert sich Widerstand. »Wir befürchten, dass dem Freistaat im Katastrophenfall die Unterlieger wichtiger sind als die Oberlieger«, protestiert der Tegernseer Bürgermeister Peter Janssen. Ohne langwierige Anhörungen, Klagen, Gutachten und Gegengutachten wird sich das Projekt nicht umsetzen lassen.
Die Zusammenarbeit der Bundesländer klappt kaum besser. Jedes Land zieht seine eigenen Lehren aus den Fluten – manchmal mit entgegengesetzten Ergebnissen. Niedersachsen etwa hat die Bäume im Vorland der Elbdeiche gerodet – das Gehölz könnte bei Hochwasser zum unerwünschten Hindernis werden. Wenige Kilometer flussaufwärts hat Brandenburg seine Deichlinie zum Teil zurückverlegt und pflanzt auf dem Deichvorland fleißig Bäume. Die Vegetation soll den Wasserfluss abbremsen.
Ob Schneeschmelze oder spätsommerliche Vb-Wetterlagen (»fünf b«) mit Genua-Tief: Diese Ereignisse werden weitere Hochwasser bringen. Doch wenige trockene Jahre genügen, damit die Menschen die Gefahr vergessen. Dann werden Gelder wieder gekürzt, Deiche bröseln vor sich hin, Neubauten werden auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. »Wenn es 20 Jahre kein Hochwasser gibt, dann ist man der Rufer in der Wüste«, beschreibt der bayerische Landesamtschef Albert Göttle sein Dilemma. Der Dresdner Uwe Grünewald bestätigt: »Jetzt hat Hochwasser wieder Medienkonjunktur. Die müssen wir nutzen.«
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- Datum 05.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 6.4.2006
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