Schule Gebt ihnen Regeln und setzt sie durch

Nichts brauchen Jugendliche so sehr wie Konsequenz, meint die Berliner Schulpsychologin Aida Lorenz

DIE ZEIT: Eine Berliner Schule bittet um Auflösung, weil sie der Gewalt nicht mehr Herr wird – ist das ein Extremfall oder die Spitze des Eisbergs?

Aida Lorenz: An der Neuköllner Rütli-Schule sind Probleme zum Vorschein gekommen, unter denen viele Schulen in sozialen Brennpunkten leiden. Und die Entwicklung macht vor besseren Quartieren nicht Halt. Vorige Woche wurde bekannt, dass junge Araber an einer Charlottenburger Hauptschule einen Schwarzen zusammengeschlagen haben – und diese Schule war gerade erst für ihre vorbildliche Gewaltprävention prämiert worden.

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ZEIT: Nimmt die Gewalt an den Schulen zu?

Lorenz: Jedenfalls nehmen die Meldungen von Gewaltvorfällen in Berlin seit Jahren heftig zu. Die Meldezahlen im größten Problembezirk Mitte verdoppeln sich von Jahr zu Jahr. Dabei verzeichnen wir mehr und mehr einfache Körperverletzungen: Prügeleien, Trittattacken, Raufen. Gefährliche Körperverletzungen sind hingegen leicht rückläufig. In den Schulen wird genauer hingeschaut und endlich gemeldet, was man früher unter den Teppich kehrte – die Polizei spricht von Dunkelfelderhellung. Und das ist gut, auch wenn die Zahlen erschrecken. Wir beginnen, die Dimension des Problems zu erkennen.

ZEIT: Haben wir zu lange weggeschaut?

Lorenz: Ja. Und wer nun hinschaut, der stellt fest, dass die Qualität der Gewalt sich verändert. An vielen Fällen, die ich betreue, schockiert mich die Unfähigkeit der Täter, Empathie zu empfinden, und die Abwesenheit jeglicher Hemmungen, die wir normalerweise voraussetzen. Da liegt jemand schon am Boden, und dann wird noch mal zugetreten. Hilflose werden weiter geprügelt.

ZEIT: Aber zunehmend trifft es auch Lehrer.

Lorenz: Auch dies spricht für fallende Hemmungen. Die Gewalt bricht oft ganz unvermittelt und unmotiviert aus. Ein Lehrer, den ich betreut habe, wurde von einem schulfremden Jugendlichen ansatzlos zusammengeschlagen, nachdem er ihn einfach nur auf dem Pausenhof zur Rede gestellt hatte. Ein anderer wurde im Klassenraum so stark von einem Schüler geschubst, dass er rückwärts mit dem Kopf auf die Tischkante fiel und ohnmächtig wurde. Lehrer werden beschimpft und bedroht, wenn sie Schüler wegen eines Vergehens sanktionieren.

ZEIT: Was kann ein Lehrer tun?

Lorenz: Ich bin froh, dass die Lehrer die Gewalt endlich öffentlich machen. Sie neigen nämlich dazu, solche Dinge wegzudrücken und zu verschweigen. Für Lehrer ist es besonders schlimm und demütigend, in der Schule Opfer zu werden. Sie verlieren ihre professionelle Rollenidentität, wenn sie dort erniedrigt werden, wo sie eigentlich die Respektsperson sein sollen, die den Schülern Sicherheit und Orientierung gibt. Darum ist es unerlässlich, dass nach einem Gewaltvorfall etwas passiert. Es müssen Sanktionen erfolgen, schnell, konsequent, öffentlich. Die steigenden Meldezahlen sprechen immerhin dafür, dass sich dieses Denken durchsetzt.

ZEIT: Plädieren Sie für mehr Härte?

Lorenz: Es geht nicht um Härte, sondern um konsequente Grenzsetzung. Ich kann sehr wohl Herzenswärme zeigen, indem ich Grenzen setze. Es geht auch nicht um Strafe um ihrer selbst willen, sondern als Chance zum sozialen Lernen. Es kommt darauf an, den Schülern ein verbindliches Regelwerk anzubieten, das ernst genommen wird, weil seine Verletzung geahndet wird. Die Jugendlichen müssen hinter diesem Regelwerk stehen. Am besten beteiligt man sie von Anfang an bei der Festlegung. Herzenswärme, Freiräume, Regeln – diese drei Elemente brauchen Sie in der Schule wie in der Familie.

Leser-Kommentare
  1. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Jugendlichen (16 - 18 Jahren) die schon durch alle sozialen Netze gefallen sind. Selbst Heime, Psychiatrie und Gefängnis haben nicht geholfen. Die einzige Möglichkeit, etwas zu Retten, sind in dem Artikel beschrieben.

  2. [1. Behauptung]
    ZEIT: Haben wir zu lange weggeschaut?
    Lorenz: Ja.

    [Solche Schlagzahlen gab es nicht nur im SPIEGEL seit Beginn der 1990er:]

    - Tollhaus Schule (15/1988)
    - Kinder, der kriminelle Nachwuchs (3/1992)
    - Gewalt alarmiert Pädagogen (10/1992)
    - Die knallen sich einfach weg -- Kinder und Drogen (11/1992)
    - Die Nazi-Kids. Was Kinder in den Terror treibt (12/1992)
    - Linke Lehrer, rechte Schüler (1/1993)
    - Kinder, die töten (3/1993)
    - Störfall für die Liebe. Machen Kinder glücklich? (5/1993)
    - Nervenkrieg im Klassenzimmer. Horrorjob Lehrer (6/1993)
    - Eltern im Kaufstreß: Konsum-Terror der Kinder
    - Die Eigensinnigen (SPIEGEL special 11/1994)
    - Tyrannen in Turnschuhen (SPIEGEL special 12/1997)
    - Wohin mit den Horror-Kids? (SPIEGEL special 12/1997)
    - Alles haben, alles dürfen, alles wollen. Die verwöhnten Kleinen. (33/2000)

    [2. Behauptung]
    Lorenz: ... Und wer nun hinschaut, der stellt fest, dass die Qualität der Gewalt sich verändert. An vielen Fällen, die ich betreue, schockiert mich die Unfähigkeit der Täter, Empathie zu empfinden, und die Abwesenheit jeglicher Hemmungen, die wir normalerweise voraussetzen. Da liegt jemand schon am Boden, und dann wird noch mal zugetreten. Hilflose werden weiter geprügelt.“

    [Das stand im SPIEGEL 42/12.10.1992]

    „Prügeleien auf dem Schulhof gab es schon immer. Doch nie zuvor haben Kinder so erbarmungslos um sich geschlagen. In manchen Schulen registriert die Polizei sogar kriminelle Banden von Gewalttätern. »Es wird anders zugeschlagen als früher«, hat Willi Pietsch vom Stuttgarter Polizeidezernat für jugendspezifische Gewaltkriminalität beobachtet. Noch vor zehn Jahren, glaubt der Beamte, hätten Jugendliche von einem Unterlegenen abgelassen, der aus der Nase geblutet oder eindeutige ‘Ergebenheitszeichen’ gegeben habe. Pietsch: »Heute ist das der Startschuß, seinen Gegner fertigzumachen, ihn ‘einzustiefeln’, wie die Jugendlichen das nennen. «

    Dass bei der Thematik „Kinder, Jugend, Erziehung“ seriöse journalistische Recherche nicht einmal mehr bei der ZEIT üblich ist, überrascht schon langenicht mehr. Allerdings hielt ich die Psychologie für ernst zu nehmende Wissenschaft. Inzwischen habe ich eingesehen, dass sie eine Unterabteilung der Sparte „Gerüchteküche Zeitgeist“ ist.

    Wer will denn diese Leute noch ernst nehmen, deren öffentlicher Alarmismus den einzigen Zweck zu haben scheint, ihre Bedeutung und Wichtigkeit öffentlich ins Spiel zu bringen?

    • lef
    • 05.04.2006 um 18:36 Uhr

    Nur Sie haben Recht und besser hätte es Niemand beweisen können:
    das Problem ist schon sehr lange bekannt und dieser Artikel eine wahrscheinlich nur ausweglose Wiederholung.
    Es gibt keine Lösung für dies Problem und das Ende WIRD sein, ob:
    die 20/80 Gesellschaft (20 % Intelligente, die arbeiten, erfinden, verdienen und 80% hinterm Zaun, mit TV und SH ruhiggestellt),
    die 20/50/30 (mit Dienstleistung auf niedrigem Lohnniveau dazwischen),
    oder eine andere:
    Die jetzige Problemschicht wird Keiner sinnvoll einsetzen können.
    Es sei denn: In einem Faschismus, wie schon gehabt.
    Mit "preussischen Tugenden" und einem "preussischen" Ende.

  3. Nachdem ich gesehen hab, dass mein vorheriger Beitrag schlecht bewertet wurde (die 2 günen Pünktchen hab ich mir selber gegeben) ist mir nunmehr klar, dass Multikulti eh super...und irgendwie eh bereichernd...sorry ich vergaß..

    Berlins rot-rote Multikultipartei liegt bei 49%, beim Wort "Vaterland" muss jeder schmunzeln.

    Hab verstanden, auch mir ists ab jetzt egal, lasst uns muslimisch bereichern.

    Ich gebs auf!!
    (hab eh keine Kinder - what shalls!)

    • WeiKoe
    • 05.04.2006 um 17:57 Uhr

    Sehr geehrte Frau Lorenz, was glauben Sie eigentlich, was wir Lehrer den lieben langen Tag tun? Kusche(l)n? Da irren Sie! Wir sind sehr wohl konsequent und fordern Respekt ein. Das Dumme daran ist nur, dass gewisse Schüler dies einen Dreck kümmert und ihre Eltern, die diesen ganzen Mist verzapft haben, umso weniger.
    In der frühkindlichen Erziehung muss angesetzt werden, Kindergärten müssen kostenlos und gut betreut sein, und sie müssen wie später auch die Schule für jedes Kind Pflicht werden. Säumigen Eltern muss Hilfe angeboten werden und, falls sie nicht mitziehen, müssen sie Sanktionen in Kauf nehmen, die sie auch wirklich treffen (wir sollten alle mal überlegen, wie diese aussehen könnten, ohne dass das Kind dadurch Schaden nimmt). Wir haben ja gesehen, was mit einigen Kindern über Jahre geschieht, ohne dass es jemandem auffällt. Die Eltern müssen in die Pflicht genommen werden. Und Erzieher und Lehrer müssen mehr Rechte gegenüber Eltern bekommen und nicht jedesmal Angst haben müssen, dass es erhebliche Nachteile für sie hat, wenn sie sich gegen Übergriffe zur Wehr setzen.

  4. Sind wir nun ein Einwanderungsland oder eine Müllhalde.

    Nachdem Pressefritz diese Frage aufgeworfen hat, habe ich mich mal ein bißchen unter www.integrationsbeauftrag... , das ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, informiert.

    Mal ein paar Fakten:

    Bei ausländischen Schülern gehen 39,9% auf eine Hauptschule, bei deutschen Schülern 17,9.

    Von den Ausländern besuchen 18,2% ein Gymnasium, von den Deutschen 33,0%.

    Nach Nationalitäten aufgeschlüsselt gehen aufs Gymnasium Schüler aus:
    der Ukraine 57%
    Russland 46%
    Polen 38%
    Türkei 12%

    27,1% der Ausländer absolvieren eine Lehre, Deutsche 60%

    Beachten muß man auch, dass ausländische Schüler zu 43,4% aus Türken, zu 27,6% aus Sonstigen und zu 2,5% aus Russen bestehen.

    Fazit:
    Was Pressefritz geschrieben hat, ist garantiert nicht politsch korrekt und auch nicht sehr höflich, wo er aber Recht hat, hat er Recht.
    Wir waren in der Vergangenheit kein Zuwanderungsland, sondern wirklich eine Müllhalde.
    Wenn ich nun die demographische Zukunft berücksichtige, wird mir ganz anders zumute.
    Wenn wir weiterhin die soziale Unterschicht aus der III.Welt, besonders der islamischen, importieren, werden wir eine Katastrophe erleben.
    Deutschland als Hochlohnland gehöhrt in naher Zukunft der Vergangenheit an.
    Kein Land der Welt verkraftet 60% ungelernte Hilfsarbeiter, wie bei den in Deutschland lebenden türkischen Jugendlichen, und ist gleichzeitig in wirtschaflicher Hinsicht führend. Von unseren sozialen Systemen ganz zu schweigen.

    Hoffentlich wacht unsere Politik bald auf und sorgt dafür, dass wir nicht mehr, wie in der Vergangenheit, vom Bodensatz dieser Welt überrannt werden, sonder kümmert sich darum, welchen Nutzen die Zuwanderung für die 80000000 in Deutschland lebenden Menschen hat.

  5. weil sie keine vernuenftige Einwanderungs-Poltik schufen!Haette man mehr drauf geachtet wer ins Land kommt,Einwanderer gleichmaessiger ueber das Land verteilt,verlangt dass Immigranten die Sprache des Landes beherrschen oder lernen und aufgepasst dass weder kulturelle noch sprachbedingte Ghettos entstehen,haetten wir all diese Probleme nicht.Aber man liess Leute ins Land die nichts am Hut haben mit deutschen oder gar westlicher Lebensweise,ueberliess sie sich selbst was damit endete dass wir Stadtteile in allen gr.deutschen Staedte wo sich kein Einheimischer mehr hintraut,Schulen mit uebermaessig grossem Auslaender-Anteil von denen die meisten nur wenig oder garkein Deutsch sprechen...Probleme waren vorprogrammiert und ploetzlich sind die Politiker erstaunt ueber den Unmut ueber die staendig steigende Anzahl der nicht deutsch-sprechenden Immigranten.

  6. zu pressefritz: ja, der wunde punkt wurde präzise getroffen.
    aber ich finde die diskussionen hier irgendwie recht polarisiert: hie die gutmenschentrottel, da die law-and-order und repressionsecke.
    naja, und preußen war in meinen augen vielfach nicht der hit, hat und beamte und militärtraditionen hinterlassen, die vielleicht nicht der weisheit letzter schluß waren.
    allerdings muß ich auch wiederum zustimmen, daß hier nicht nur kulturen aufeinander prallen, sondern auch schichten-denke, wenn man sich die kids mal anschaut.
    ein krimino0loge namens pfeifer ist bei tagesschau.de da mit m.E. zutreffenden diagnosen zitiert worden.
    ich beziehe mich dabei allerdings auf meine beobachtungen hier, wo ich wohne (DU-Hochfeld) und was ich weiland im kinderheim erleben durfte.
    die türken wurden seinerzeit als billige, doofe arbeitskraft ins land geholt und z.b. in berlin (und sicher auch andersawo) zur entmietung und zwieschenmiete bei sanuierungsobjekten eingesetzt (vgl. häußermann/kapphan; berlin: von der geteilten zur gespaltenen stadt).
    von daher wurden bewußt unqualifizierte ins land geholt durch staat und industrie, in der hoffnung,. daß sie bald verschwönden. das die nachgezogene sippschaft aus den ostanatolischen bergen immer noch nicht promoviert und habilitierte leute sind, sollte nicht wundern.
    allerdings behindern auch macho- und "herrenmenschen"-gehabe (wie es hier in einem kommentar mal jemand formulierte)wiederum integration, bestätigen eher den eindruck eines kollektiven minderwertigkeitskomplexes.
    irgendwas muß einem ja halt geben, wenn sonst nichts mehr läuft -immer in bezug auf den geistigen horizont der sozialen schichten und milieus.
    nicht, daß ich hier jetzt auf der allzu verständnisseligen klaviatur loslegen wollte, aber für mich lkiegt hier eben auch ein schlüssel des prpblems, der eben auch -im kontext wahrscheinlich einsetzender politischer maßnahmen- berücksichtigung finden kann.
    entweder setze ich sozialarbeiter auf die problemkids und genauso deren elternhäuser an, wie es vielleicht auch bei deutscher unterschicht angezeigt wäre, wie gardelegen vielleicht zeigt, aber kann auch gezielt schauen, wer sich hier niederlassen darf und wer nicht.
    eine ähnliche steuerung wäre vielleicht auch für ausbildungen sinnvoll, um irgendwie die mismatch-problematik in den griff zu bekommen, was aber zum einen widerstand z.b. beim handwerk hervorrufen dürfte (weniger billige azubis) und ein ziemlicher eingriff in die wirtschaft wäre.
    aber anders und mit kehrtwenden im hochschulbereich wird sich an dem problem der zu geringen akademiker-quote nichts ändern. für das ruhrgebiet sehe ich da einmal mehr hausgemachte probleme auftauchen, wenn nämlich via studiengebühren einkommensschwächeren leuten (also im prinzip auch migranten-kids, die den absprung geschafft haben) der weg an die unis verbaut wird.
    wenn ich indes hoffnungen und horizonte bieteund die leute motiviere und unterstütze auf dem weg, dann kann ich da vielleicht was bewegen, alleine lassen bringt wenig, dann hilft am ende wirklich nur noch abschieben, was ich für unfeines vorgehen halte.

    >>ich bitte die tippfehler zu entschuldigen, bin grade von draußen reingekommen und hab ziemlich kalte pfoten. TAKK!

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