Wenn Angela Merkel die Vorteile des technischen Fortschritts bestaunen will, muss sie nur den kurzen Weg von ihrer Wohnung in Berlin-Mitte zum Kanzleramt zu Fuß zurücklegen: Auf halber Strecke, in der Friedrichstraße, wetteifern gleich mehrere Mobilfunkanbieter mit "Oster-Angeboten" um neue Kunden. Einige Fotohandys zum Aufklappen, im Schaufenster mit Hasenöhrchen dekoriert, kosten mit Vertrag weniger als die Latte Macchiato im Laden um die Ecke. BILD

Nicht weit von Merkels Wohnung liegt auch der Alexanderplatz mit seinen großen Geschäften für Unterhaltungselektronik. Hier gibt es Laptops, Digitalkameras oder CD-Player für einen Bruchteil der Preise, die vor einigen Jahren für Vorläufermodelle verlangt wurden. Nebendran, in der Flanierstraße Unter den Linden, werben haushohe Plakate für neue Automodelle, die besser ausgestattet, aber nicht teurer als ihre Vorgänger sind.

Wohin man auch schaut: Der technische Fortschritt führt nicht unbedingt zu höheren Lasten für Verbraucher. Im Gegenteil: Oft sinken die Preise sogar schnell, wenn neue Produkte sich an Massen verkaufen lassen. Oder aber der Kunde bekommt mit jedem Produktzyklus mehr für das gleiche Geld. Selbst für sein liebstes Produkt, das Auto, gibt der Deutsche heute keinen größeren Teil seines Einkommens aus als vor 20 Jahren.

Doch die Kanzlerin scheint das nicht zu beeindrucken. Im Gesundheitswesen gelten, wenn man Angela Merkel glaubt, ganz andere Gesetze. "Es wird tendenziell teurer werden", kündigte die Bundeskanzlerin vergangene Woche in ihrer Haushaltsrede an. Der medizinisch-technische Fortschritt und die Alterung der Gesellschaft würden zwangsläufig zu höheren Ausgaben führen, wenn die Deutschen in der Versorgung nicht zurückfallen wollten. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verkündet neuerdings überall die gleiche Botschaft. "Wir stehen beispielsweise in der Krebstherapie vor großen Durchbrüchen, das wird teuer", sagt sie. "Da kann das, was wir aufbringen müssen, nicht weniger werden."

So beginnt erstmals eine große Gesundheitsreform in Deutschland, ohne dass dem Bürger Kosten- und Beitragssenkungen versprochen werden. Heiner Geißler, einer der Gesundheitsminister der Ära Kohl, erfand einst das Schlagwort von der "Kostenexplosion", die es einzudämmen gelte. Später bezifferte Horst Seehofer, einer seiner Nachfolger, die so genannten Wirtschaftlichkeitsreserven im System gar auf 12,5 Milliarden Euro – und setzte sich damit bewusst unter Druck. Auch Ulla Schmidt trat in der vergangenen Legislaturperiode mit dem Versprechen an, Kosten und Beiträge zu verringern. Alle Reformer hatten eines gemeinsam: Bei der Kostensenkung hatten sie bestenfalls kurzfristig Erfolg.

Noch steht nicht fest, ob die neue Merkelsche Tonlage ein Zeichen von Ehrlichkeit, von Bequemlichkeit oder beidem ist. "Was Frau Merkel in ihrer Haushaltsrede gesagt hat, war eher politisch als ökonomisch motiviert", glaubt Stefan Homburg, Professor für Volkswirtschaftslehre in Hannover. Es gehe darum, die Wähler auf höhere Abgaben einzustimmen.

Homburg kennt Merkel gut, er hat sie in der Debatte über die Gesundheitsprämie intensiv beraten. Doch momentan wundert er sich über die neuen Töne aus dem Kanzleramt. "In der Sache leuchtet mir ihre Behauptung nicht ein, normalerweise wirkt technischer Fortschritt kostensenkend", sagt er. "Im Übrigen ist es unsinnig zu sagen, in 30 Jahren wird zwangsläufig alles teurer und deshalb müssen wir alle heute schon mehr zahlen."