Manchen Leuten kommt die Katastrophe sehr gelegen. Während das Hochwasser steigt und die Jubiläumseuphorie ersäuft wie die Krokusse auf den Elbwiesen, gedeiht in Dresden ein politisch nützliches Verkehrschaos. Seit Tagen ist die älteste Brücke der Stadt, das Blaue Wunder, gesperrt, und der dadurch verursachte Stau scheint endlich zu beweisen, was zuvor nie bewiesen werden konnte: dass Dresden dringend eine neue Flussquerung braucht, ausgerechnet im Weltkulturerbe Elbtal. CDU und FDP wollen das Himmelfahrts-Projekt durchsetzen (ZEIT Nr. 45/05), die Unesco-Welterbekommission allerdings ist alarmiert und hat ein Zusatzgutachten verlangt (ZEIT Nr. 01/06).

Dieses Gutachten liegt nun vor, wird jedoch von Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) und Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU) zurückgehalten wie eine peinliche Verschlusssache. Bisher wurde lediglich der visualisierte Teil veröffentlicht, ein Film, in dem die festungsähnliche Verbauung des Elbhangs zutage tritt. Feßenmayr aber kommentierte diplomatisch: "Die Brücke ist sichtbar." Der schriftliche Kommentar der Gutachter bleibt wegen einiger unmaßgeblicher Sachfehler vorerst in den Schubladen der Stadt. Auf einer Pressekonferenz orakelte der OB stattdessen, das Blaue Wunder sei womöglich nur noch zehn Jahre befahrbar. Warum es in den fünfzehn Jahren seit der Wende unsaniert blieb, wurde verschwiegen. Man will offenbar die Unsanierbarkeit des Wahrzeichens unterstellen, um den hochwasserbedingten Ausnahmezustand im Straßenverkehr zum Präzedenzfall zu stilisieren. Dass die Zahl innerstädtischer Elbüberquerungen mit dem Auto seit dem Jahr 2000 um fast 33 000 pro Tag, also fast 50 Prozent zurückging (durch Autobahn, Straßenausbau, Wegzug), dementierte der Baubürgermeister. Die in Dresden kursierende Zahl spricht ja gegen einen Brückenneubau – so wie wahrscheinlich auch das Gutachten, auf das die Unesco wartet. Feßenmayr räumte auf Nachfrage ein, die Gutachter befürchteten eine "starke Beeinträchtigung" des Elbtals, deshalb gelte es nun, die Welterbekommission "von unserer Argumentation" zu überzeugen.