Kulturstreit Wir Emphatiker

Gibt es eine Spaltung im deutschen Literaturbetrieb? Eine Antwort auf Hubert Winkels.

Die Totenglocke ist das Lieblingsinstrument der deutschen Literaturkritik. Immer geht irgendwo etwas zu Ende, immer ist irgendwo Kulturverfall, immer ist irgendwo irgendwie alles bedroht. Die Krise ist der natürliche Lebensraum der Literaturkritik. Gibt es keine Krise, dann schafft sie sich selbst eine.

Es geht also in der von Hubert Winkels in der vorigen Ausgabe (ZEIT Nr. 14/06: Emphatiker und Gnostiker ) entfachten Debatte über eine Spaltung im deutschen Literaturbetrieb um Deutungsmacht, um reale Macht und um Einfluss. Und nicht in erster Linie um Inhalte. Es geht um Zäune, die man baut, um die Literatur zu schützen. Oder einzusperren.

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Und es geht darum, wer diese Zäune bauen darf, wie sie aussehen sollen, wer sie bezahlt, wer sie anstreichen darf. Es geht darum, wer bei dem Spiel mitmachen darf, das Deutscher Literaturbetrieb heißt: Wer dabei sein will, muss sich gefälligst an die Regeln halten.

Emphatiker sind naiv, sie glauben, in der Literatur sei Platz für alle da

Es geht also um eine andere Kluft als die, von der Hubert Winkels spricht. Der hat zwei Fronten ausgemacht in der deutschen Literaturkritik – die einen nennt er die Gnostiker, nach jener versprengten Sekte, die vor langer Zeit einmal das Christentum bedroht hat, Glaubensversunkene waren das, die sich eine Weile mit der Theodizee herumschlugen, mit dem Problem, wie das Böse in die Welt kommt, die nach Erkenntnis strebten, und zwar auf die mystische Art, die die Sinneswelt verneinten und auch die Logik des Verstandes. Die Gnostiker sind, für Winkels, das Ideal. Sie sind, so scheint es, auch die Mehrheit.

Diese Mehrheit nun wird bedroht von jenen wenigen unglückseligen Literaturliebhabern, die Winkels die Emphatiker nennt – anders vernebelte Menschen wie Volker Weidermann von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die nur mit dem Herzen sehen, die daheim keinen Katheder stehen haben, an dem sie ab und zu professorale Posen üben, die im Grunde auch keine Zäune bauen wollen, weil sie ja naiv genug sind zu glauben, dass auf der großen grünen Wiese Literatur genug Platz ist für alle.

Aber das klingt schon nach Populismus. Und Populismus ist gefährlich. Populismus klingt nach Erfolg, nach Markt, nach Verständlichkeit, nach Verkäuflichkeit – und all das widerstrebt der Literatur, wie sie die Gnostiker wollen. Und so hat sich jene Literaturkritik, von der Winkels redet, entschlossen, das Publikum zu verachten. Oder jedenfalls zu ignorieren. »Man ist unter sich und mit den Ahnen, fühlt sich bedroht und bleibt selbstbe-wusst, man steigt hinab in die eigene Verfassung, man ahnt, und manchmal sagt man es: Die Literatur ist minoritär und museal geworden.«

Leser-Kommentare
  1. was aber tut ein mensch, der, noch etwas verklebt von den morgendlichen aufstehmanipulationen, an den schreibtisch schleicht, den hund zurückscheucht, den kaffee vergisst, und sich am licht seines bildschirms wärmt?
    menschen, die schreiben, leben, das, solange das gegenteil nicht bewiesen ist, war noch immer so: wer geschrieben hat, der hat gelebt. ein wahres kunststück, dort einheit zu beschwören, wo es nie entzweiung gab.
    und voltaire wäre der letzte gewesen, der hölderlin in seinem turm mit zimmervogel als haushundhalter nicht besucht hätte! dass hölderlin, im turm allein mit zimmervogel, seinerseits sich nicht auf voltaire zubewegte, nun ja, der eine hält sich kleintiere, die mal vor die tür müssen, der andere wartet noch auf die erfindung der kanarienleine.

    tatsächlich gibt es vom leben verschreckte, die sich nicht wie selbstverständlich am verkehr, an den abendlichen ausgehmanipulationen, den fitnessstudios, den galerieeröffnungen, an reproduktionsprozessen, literaturkritik und einer ganz normalen arbeitswelt mit urlaubsanspruch beteiligen. tatsächlich gibt es solche, die sich an all dem gern beteiligen würden, und weniger davon verschreckt, als zur gänze davon ausgeschlossen sind, und manchmal fallen sogar beide in eins – hier aber heißen vorletztere etwa rosalina und schauen als voltair im empregadagewand bei hölderlin zwei mal die woche vorbei. manchmal schreiben dann die einen über die anderen, und wenngleich ihnen doch jedes gemeinsames gelände fehlt, treffen sie sich im turm, wo DAS LEBEN für beide nicht stattfindet.
    es ist schon ein seltsam exklusiver ort, DAS LEBEN. ein seltsam ferner platz für diese beiden gestalten, den sie sich gemeinsam bei kaltem kaffee, jeder für sich, in gedanken, im turm, im neunten stock, aufbrühen.

    sehr geehrter herr diez, sie müssen im germanistikseminar gelitten haben, ich gebe gerne ein paar gute adressen weiter.
    und wenn einem der arzt nicht gut genug erscheint, gesetzt den fall, man kann sich einen arzt leisten, dann wechselt man ihn doch, statt gleich ganz auf ihn verzichten zu wollen und zu können, oder?

    fragt höflich und mit guten grüßen aus sao paulo

    sabine scho

  2. ich habe lange keinen so brillianten Kommentar wie diese Antwort auf Hubert Winkels gelesen! Herrlich! Ein dickes
    Dankeschön dem Autor, der die Dinge auf den Punkt bringt und mutig sich zu den Emphatikern bekennt!

    • Colon
    • 07.04.2006 um 3:24 Uhr

    Sehr geehrter Herr Diez,

    Vielleicht sind Dichotomien das häufigste Lieblingskonstrukt für den Streit der Geister unter dem imaginären Strich in der Presse, der die scheinbar faktengestützten Sachgebiete vom "Unterleib"
    trennt. Sei es die altbekannte Diskussion um Aufbruch oder bruchloses Weiterschreiben nach 1945, sei es die Debatte um die Funktion der Intellektuellen und der Literatur um die 68er, noch früher die Einteilung Nietzsches in dionysische und apollinische Kunstwerke, oder der Bruderzwist um das Zivilisationsliteratentum.
    Alle diese Zwistigkeiten waren zu Gänze oder doch in grossen Teilen Diskussionen von relativ wenigen literarisch Gebildeten.
    Sie haben sicherlich recht, wenn Sie das ältliche, auch einengende Momentum einer solchen Kategorisierung andeuten, und doch schwingen Sie selbst dann auf der Welle mit
    und bekennen sich als "Empathiker".
    Das alles als Folge einiger Rezensionen und kritischer Bemerkungen zu Herrn Weidermanns ultrakurzer Besprechung der Nachkriegsliteratur. - Wenn Wirkung erwünscht war, dann hatten die Worte von Greiner,Winkels und anderen durchschlagenden Effekt.

    Aber, so sehr ein Reiz zu Schwarz und Weiss, triebhaft oder emotional-sinnlich, in unseren literaturliebenden und vielleicht eher feuilletonfernen Herzen angelegt sein mag, so sehr ist
    diese Art Streiterei falsch. Wir Leser dürfen auch darüber hinaus zählen und uns ein wenig amüsieren, angesichts des Streits in
    Flatland .

    Bei zwei knappen Thesen vermag ich Ihnen jedoch ganz und gar, nicht zu folgen. Erstens: Die Zuschreibung von Mehrheit und Minderheit dürfte sich, rechnet man anhand der Verkaufszahlen und der wirklich zählenden medialen Auftritte nach, genau umgekehrt verhalten.
    Zweitens: Literatur entwickle sich maßgeblich in feiner Harmonie mit dem "Leben", wer anders denke, der gehöre zur schrecklichen Gruppe der kritischen "Gnostiker", die in die Elfenbeintürme zurück wollten oder dies von den Schriftstellern verlangten.
    Kaum eine Betrachtung der Literatur macht so traurig und nachdenklich, wie die Beschäftigung mit den meist abgründigen
    und von tiefen Verletzungen gekennzeichneten Lebensläufen und Lebensentwürfen der Schriftsteller und Autoren.
    Wo sich sprachliche Qualität, inhaltliche Intensität und feine Sensibilität zeigen, wo gar gesellschaftliches Engagement geleistet wird, stellt sich unter der biografischen Lupe meist
    eine, für mich, den sockenstopfenden und botanisierend diletierenden Durchschnittsleser, erschreckende Anhänglichkeit zum wunschlosen Literatenunglück ein. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Faktum auch etwas mit dem Widerstand zu tun hat, die das reale "Leben" seiner literarischen und sagen wir einmal künstlerischen Fassung entgegensetzt und dieses "Sträuben" jene ergreifende oder ironisch gebrochene humorvolle Wendung mitbedingt, die gute von schlechtet Literatur unterscheidet.
    Daher bedauere ich es z. Beispiel sehr, dass Herr Weidermann für unsere derzeit beste Prosaautorin Herta Müller wenig erübrigt und Nicolas Born nicht sonderlich schätzt.

    Selbstverständlich darf jeder Mensch auch Vanderbeke,Dorn und Stuckrad Barre lesen und darf sich durch Dannenberg und
    Berg, meinetwegen lustvoll quälen und am Ende auf der neuen Vahr hängen bleiben. - Die Diskussion für das Feuilleton könnte jedoch lauten, will man "Kritik" und "Rezension" in den Intelligenzblättern der Republik, oder will man noch mehr Buchbesprechung und Buchvorstellung auf "Lesetantenniveau".
    Vielleicht passt das Letztere ja eher zu den Pressehäusern, die sich die Marketinganstrengungen für die hauseigenen journalistischen Autoren dann fast schon sparen können.

    Zum guten Schluss noch zwei anregende Leseempfehlungen zu intelligentem und lesbarem Feuilletonismus: Hans Mayer, "Außenseiter" und Fritz J. Raddatz, "Literarische
    Grenzgänger".

  3. Hallo Herr Diez,
    herzlichen Glückwunsch - ihr Artikel wurde vom niedersächsischen Kultusministerium für würdig befunden, als Abiturvorlage für das Jahr 2009 zu erscheinen.
    Habe Ihren Text heute 6 Stunden lang beackert, analysiert und bewertet. Die Lektüre hat mir viel Freude bereitet; sehr spritzig, pointiert und lebendig geschrieben. Möge meine Analyse für ähnlich gut empfunden werden ;)
    Liebe Grüße...

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