BelletristikZynismus light

Arnon Grünberg reißt die Seelen der Menschen auf – und lässt sie allein. Seine Romane spielen mit großen Gefühlen. von Bernadette Conrad

Grau und monoton – das ist sie nicht. Sie spannt sich auch keineswegs nur zwischen der Heimat Niederlande und der Wahlheimat New York, sondern reicht von Göttingen über Eilat bis nach Lima. Und doch: Die innere Landschaft, in der Arnon Grünbergs Bücher spielen, heißt Depression. So sehr die Inhalte Action und Abwechslung verheißen, so enorm locker-lakonisch die Sprache aus dem Ärmel geschüttelt scheint – Grünberg zu lesen ist Waten durch Blei.

Da ist Beck, Held in Grünbergs Roman Der Vogel ist krank . Früher Schriftsteller ("lächerlich natürlich"), seit geraumer Zeit Übersetzer von Gebrauchsanweisungen. Noch nicht alt, aber weit fortgeschritten im Leben jenseits der Illusionen, ein "großer Maskenabreißer". Plötzlich ereignet sich etwas, das seinen unbewegten Stand im Leben erschüttern könnte. Vogel ist krank; sie ist die Frau an seiner Seite, und ihre Krankheit ist eine zum baldigen Tode. Sterben also. Das Sterben einer eigenwilligen Frau und leisen Kämpferin, der sympathischsten – und in schönem Paradox bei weitem lebendigsten – Figur des Buches.

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Vogel stirbt, und scheint diesen Prozess mit einem stillen Kopfschütteln zu begleiten. Sie will noch lernen, wie man Ziegenkäse macht. Sie möchte einen bestimmten Ring haben. Und sie will heiraten – erstaunlicherweise nicht Beck, sondern einen algerischen Asylbewerber, mit dem sie für ihre letzten Wochen und Monate das Bett teilen wird, während Beck sich unter der Garderobe zusammenrollt. Beck wundert sich wohl über den ungewöhnlichen Ehewunsch seiner Lebensgefährtin und lässt sie dies wissen; die Kraft aber, sich dem entgegenzustellen, fehlt ihm aus Prinzip: Etwas zu wollen, an etwas zu glauben sind vitale Kräfte der ins Leben Verwobenen. Das aber ist Beck nicht, Beck pflegt seine Depression.

Beck und Vogel haben nicht immer in Göttingen gewohnt. Es gab eine Zeit im israelischen Eilat, während der die Tierforscherin Beobachtungen in der Wüste anstellte und Beck spazieren- und ins Bordell ging. Die Zeit in Eilat endete mit einer Katastrophe – worin aber genau bestand diese? Darin, dass Beck gewalttätig wurde? Oder eher darin, dass ihn niemand dafür zur Rechenschaft zog? Oder dass Beck und Vogel danach weiterlebten, als wäre nichts geschehen?

Was Beck in Eilat hinter sich gebracht hat, (oder auch nicht), hat Jean Baptist Warnke in Gnadenfrist noch vor sich: die harte Lektion von der illusionslosen Taubheit gegenüber dem Leben. An Passivität steht Warnke Beck nicht nach, und doch ist er in dem Maße auf der beruflichen Karriereleiter weiter emporgestiegen, wie er früher als Beck aufgehört hat zu denken. Warnke, zweiter Mann in der niederländischen Botschaft von Lima, hat eine "gertenschlanke" Ehefrau und zwei Töchter, mit denen er allabendlich in der Badewanne sitzt, und auch sonst genug Zeit, um am Nachmittag im Café an der Ecke die Newsweek zu konsultieren und danach den Tag gemeinsam mit dem Botschafter bei einem Glas Riesling zu Ende zu bringen. Warnke gibt der jungen Peruanerin Malena gegenüber, die ihn im Café anspricht, unumwunden zu, dass er fürs Nichtstun bezahlt werde, und auch in dieser völligen Abwesenheit von eitler Selbstinszenierung ist Warnke ein Verwandter von Beck. Malena bestellt ihn an dubiose Orte, zu seltsamen Zusammenkünften und lässt ihn gut verschnürte Paketpost versenden. Während sich bei der Leserin die Fragezeichen türmen, bleibt Warnke sich treu als jemand, der nichts im Leben so genau wissen will.

Arnon Grünbergs Figuren und Handlungskonstruktionen kommen immer psychologisch hoch aufgeladen daher – das ist ihr Markenzeichen und sicher ein Grund für ihre literarische Anziehungskraft. Nur – dafür, dass so viel Psycho dabei ist, fehlt dann doch die Psychologie. Je temporeicher die Story einem dramatischen Ende zujagt, desto schlampiger sind die Figuren gezeichnet, und was die Malena in Gnadenfrist betrifft, fällt jegliche Verlebendigung und literarische Ausgestaltung dieser zentralen Figur gleich ganz unter den Tisch. Anders als Der Vogel ist krank wirkt Grünbergs jüngster Roman, als sei er atemlos hingeworfen; als ginge es nur darum, die spektakuläre Kippbewegung in Warnkes Biografie in großen Strichen zu fassen.

Für die Leserin heißt dies: Ihr Hunger nach erzähltem Innenleben, nach seelischer Komplexität wird geweckt und komplett enttäuscht. In einer Art tagebuchartigem Nachwort zu Gnadenfrist schreibt Arnon Grünberg: "Was ich mit anderen teile – und das sind auch die flüchtigen Momente, in denen ich die Menschen nicht als Schatten wahrgenommen habe, sondern als elegant geformte Klumpen Fleisch –, ist Verzweiflung. Was ich in anderen suche, ist Verzweiflung. So wie der Goldsucher Gold."

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