Hartmut Räder hat ein Problem mit Hasen. Manchmal packt er einen an den Löffeln und schlägt ihm mit einem Hammer den Kopf ein. Oder er schmettert ihn mit Wucht auf den Boden. Neulich hat er sogar Hasen mit dem Bagger überfahren. Das war ihm eine Genugtuung, so kurz vor Ostern. Doch der Bochumer Unternehmer ist weder ein Tierhasser, noch hat er einen besonders schwarzen Humor. Nein, Räder versteht gar keinen Spaß mehr, seit die Hasen sein Geschäft bedrohen: Hasen aus Plastik, produziert in Fernost. Design-Klau aus China: echter Hase (oben) und Plagiat BILD

"China ist derzeit der brutalste Kopierer überhaupt", sagt Räder, dessen mittelständische Firma Dekorations- und Geschenkartikel herstellt. Zur Frühjahrskollektion gehört auch die "Hasenbande" mit verschiedenen Figuren. Doch kaum standen Lotte Karotte & Co. in den Läden, wurden sie in China nachgebaut und nach Deutschland geschickt. Sie sahen fast genauso aus wie die von Räder, waren aber keine Originale. Gerade erst hat der Zoll acht Paletten mit Kartons voller falscher Hasen an der Grenze abgefangen und sie Räder auf den Hof gestellt. Räder haut sie jetzt allesamt in Stücke. Viele tausend Stück. Er will ein Zeichen setzen.

Bislang dienten vor allem die Statussymbole der Großstadtschickeria den fernöstlichen Produktpiraten als Vorlage: Rolex-Uhren, Taschen von Louis Vuitton oder Polo-Shirts von Boss. Als Kopie billig zu haben auf Flohmärkten und Bahnhofsvorplätzen, im Internet und am Urlaubsort im Süden. Nun aber haben die Plagiateure ihr Angebot erweitert. "Da gibt es keine Grenzen mehr", sagt Christopher Scholz, Geschäftsführer Recht vom Markenverband, "gefälscht wird inzwischen praktisch alles." Selbst preiswerte Produkte, die nahezu unbekannte Markennamen tragen und manchmal auch gar keine: Tassen, Fensterschmuck, Mineralwasser, ja sogar Äpfel wurden schon unter falschem Logo verkauft.

"Da kommt einer mit dem Fotohandy, die Bilder gehen direkt nach China"

Und eben auch Hasen. Faustgroße Figuren, die selbst als Original keine sieben Euro das Stück kosten. "Wenn wir auf einer Messe etwas Neues vorstellen, dann dauert das drei Tage, bis die ersten Kopien hier sind", sagt Räder. "Da kommt einer mit dem Fotohandy, sendet seine Aufnahmen gleich rüber nach China, und dann geht es los." Seit 1968 existiert die Hartmut Räder Wohnzubehör GmbH & Co KG. Rund 40 Leute arbeiten am Stadtrand von Bochum, noch nie wurde jemand entlassen. Mit einem Jahresumsatz von rund zwölf Millionen Euro ist das Unternehmen einer jener Mittelständler, von denen es immer heißt, sie seien die Stütze der deutschen Wirtschaft. Diesen Satz hat Räder schon oft gehört und dann jedes Mal darüber nachgedacht, warum im selbst ernannten "Land der Ideen" eben jene Ideen so einfach abgekupfert werden können.

Ein echtes Risiko gehen die Fälscher nicht ein, wenn sie mit ihren Kopien das Original etwas abwandeln. Dann sind allenfalls nachträgliche Lizenzgebühren fällig – sofern sie überhaupt erwischt werden. Bei wenig bekannten Marken oder gar No-Name-Produkten funktioniert die Strategie besonders gut. Angebliche Adidas-Turnschuhe mit lediglich zwei Streifen fallen jedem Kunden sofort auf. Aber ein Deko-Hase mit einem Kleidchen in Rosa statt in Rot? Von dem die meisten nicht einmal wissen, dass es überhaupt ein Original gibt? Er führe fast ständig Prozesse gegen Plagiateure, sagt Räder, "aber als kleiner Kreativer zahlt man fast immer drauf".

Der Ideenklau hat dramatische Ausmaße erreicht. Im vergangenen Jahr beschlagnahmte der Zoll raubkopierte Ware im Wert von mehr als 200 Millionen Euro, mehr als je zuvor (siehe Grafik). Wie viele Containerladungen allerdings unerkannt auf den deutschen Markt gelangen, weiß niemand. Der Markenschutz-Verein Plagiarius schätzt, dass der Ideenklau hierzulande jährlich rund 70.000 Arbeitsplätze kostet und einen volkswirtschaftlichen Schaden von 29 Milliarden Euro verursacht. Es sei daher "von herausragender Bedeutung", sagte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries noch im Dezember, geistiges Eigentum besser zu schützen.

Fast die Hälfte aller Plagiate werde von China oder Hongkong aus ins Land geschleust, berichtet der Zoll. Das allein verwundert kaum, ist doch kein Produkt so billig, als dass es die Chinesen nicht noch viel billiger herstellen und obendrein um die halbe Welt verschicken könnten. Doch angesichts der steigenden Menge von Imitaten bleibt eine Frage offen: Woher weiß eine Fälscherwerkstatt aus dem chinesischen Hinterland eigentlich, welche Produkte in Deutschland so gut ankommen, dass es sich überhaupt lohnt, sie zu kopieren?

Räders falsche Hasen waren für eine kleine Import-Export-Firma bestimmt, die sie wahrscheinlich weiterverkauft hätte. Doch an wen? Das wird der Mittelständler nie erfahren.

Oft tauchen abgekupferte Haushaltswaren auf den Grabbeltischen großer Supermarktketten und Discounter auf, berichten Insider – als billiges Sonderangebot oder Saisonware. Und immer wieder fällt der Name Tchibo. Das Hamburger Unternehmen verkauft bekanntlich nicht nur Kaffee, sondern auch Geschenkartikel, Kleidung, Sportausrüstung, Elektrogeräte… Fast nie sind es Markenprodukte, meist tragen die preiswerten Artikel das Tchibo-Eigenlabel TCM. Doch etliche Mittelständler erinnert das Design mancher Tchibo-Produkte mittlerweile stark an ihre eigene Ware. Sie werfen dem Kaffeeröster dreisten Ideenklau vor.

"Wir hätten nicht gedacht, dass ein angesehenes deutsches Unternehmen der Produktpiraterie derart Vorschub leistet", schimpft beispielsweise Rolf Meyer, Geschäftsführer bei Sennheiser. Das renommierte Unternehmen aus Wedemark bei Hannover stellt unter anderem Reise-Kopfhörer zum Zusammenfalten her. "Vier bis fünf Mannjahre haben wir in die Entwicklung gesteckt", sagt Meyer, den aufwändigen Klappmechanismus habe man sich patentieren lassen. Doch kürzlich tauchte bei Tchibo ebenfalls ein Kopfhörer auf, in Größe, Design und Klapptechnik dem Sennheiser-Modell zum Verwechseln ähnlich. Sennheiser zog vor Gericht und stoppte den Verkauf vor wenigen Tagen per einstweiliger Verfügung. "Daran halten wir uns natürlich", sagt Tchibo-Sprecher Joachim Klähn, "auch international". Meyer kritisiert jedoch, dass es das Geschäftsmodell von Tchibo ("Jede Woche eine neue Welt") sehr schwer mache, seine Rechte überhaupt durchzusetzen. "Bevor man sich versieht, ist die Ware auch schon wieder raus aus dem Sortiment", sagt er, "da hat man praktisch kaum eine Chance, sich zu wehren."

Die Krömer-Zolnir Home Accessoires GmbH aus dem niedersächsischen Nienstädt zofft sich seit mehr als einem Jahr mit dem Kaffeeriesen. Corpus Delicti: Eine Tischdecke mit Motiven von Engeln, die ein Herz halten. Im Weihnachtsgeschäft 2004 veranstaltete Tchibo mit mehr als hundert Exemplaren nach eigenen Angaben "einen Testverkauf" – und gab schließlich eine Unterlassungserklärung ab, als Krömer-Zolnir sich wehrte. "Der echte Tischläufer kostet etwa 40 Euro", sagt Geschäftsführer Dieter Krömer, "bei Tchibo konnte man den Läufer für weniger als zehn Euro bekommen." Im Weihnachtsgeschäft des vergangenen Jahres hatte Tchibo erneut einen Tischläufer im Angebot: kleinere Engel, statt des Herzens nun Sterne in der Mitte. Krömer zog vor Gericht. Tchibos Anwälte von der Großkanzlei Lovells meinen, der Mittelständler solle lieber den Ball flach halten, solche Engelsmotive könne man schließlich "in jedem Bastelgeschäft finden". Mit anderen Worten: Sie seien Allgemeingut, an dem niemand irgendwelche Exklusivrechte habe. In zwei Wochen entscheidet das Hamburger Landgericht.

Sich mit dem Kaffeeröster anzulegen ist für viele Mittelständler riskant

Die Reihe der Tchibo-Gegner ist lang. Gegenüber dem Branchenmagazin Markt und Mittelstand beschwerten sich Ende vergangenen Jahres etliche weitere Unternehmer über den Kaffeeröster. Stets ging es um angeblich unfreiwillige Designvorlagen: Beim Geschirr-Hersteller ASA aus Höhr-Grenzhausen. Beim Taschen-Produzenten Reisenthel aus Puchheim. Und bei der Geschenkartikel-Firma Koziol aus Erbach, deren Chef Stefan Koziol glaubt, Tchibos Geschäftsmodell basiere sogar darauf, "den Mittelstand auszubeuten".

Der Kaffeeröster argumentiert, alle TCM-Produkte würden exklusiv für Tchibo entwickelt. Natürlich gehe man auch auf Messen und schaue, welche Trends sich abzeichnen, sagt Unternehmenssprecher Klähn. Vorsätzlich abgekupfert werde jedoch nicht. Allein in den deutschen Filialen verkaufe man jedes Jahr rund 1900 verschiedene Produkte in zahlreichen Varianten und Größen. "Manchmal wissen wir gar nicht, dass ein Mittelständler Rechte an dem ein oder anderen Stück hat. Das können wir auch nicht alles vorher überprüfen", sagt Klähn. Wenn sich jemand zu Recht wehre, akzeptiere man das.

Sich juristisch mit Tchibo anzulegen ist riskant. Der Handelsriese verkauft seine Produkte in so großen Mengen, dass der Streitwert ein Gerichtsverfahren für manch kleinen Mittelständler sehr teuer machen kann. Das Prozessrisiko ist hoch, weil die Entscheidungen der Gerichte kaum vorhersehbar sind. Die Grenzen zwischen bloßer Ähnlichkeit und dreister Kopie sind nämlich fließend. "Im konkreten Einzelfall ist sehr schwierig abzugrenzen, was erlaubt ist und was nicht", sagt der Markenrechts-Experte Scholz. Tchibo hat bereits zahlreiche Plagiatsvorwürfe abwehren können.

Tchibo selbst ist jedenfalls nicht zimperlich, wenn es ums eigene Label geht. Ende 2004 verklagte das Unternehmen ein italienisches Restaurant in Berlin, das den Namen "cibo matto" trug. Man habe sich dazu entschlossen, hieß es damals, "um die Klarheit und Reinheit der Markenpersönlichkeit Tchibo auch künftig zu schützen".