Weltraum

Mondfahrt

Auf der Rückseite des Erdtrabanten wollen Bremer Forscher ein Teleskop installieren

Raumfahrtpolitische Entscheidungen werfen Schatten voraus – meistens sehr weite. Anfang der neunziger Jahre wurde über die Milliardensummen entschieden, die in den von Pannen begleiteten Aufbau der Internationalen Raumstation (ISS) fließen. Europas nächstes Milliardenprojekt, so hat es der Esa-Ministerrat im Dezember beschlossen, führt um 2011 auf den Mars. Welches Großprojekt danach kommt, wird in zwei bis drei Jahren entschieden. Wer berücksichtigt werden will, muss heute Pläne entwerfen. Einer stammt aus Bremen und nimmt die Rückseite des Mondes ins Visier.

Ein Radioteleskop mit Hunderten Kilometern Durchmesser möchte der Raumfahrtkonzern EADS Space Transportation zusammen mit der niederländischen Stiftung für Astronomieforschung (Astron) bauen. Dazu sollen rund ein Dutzend Sonden auf der Mondrückseite landen und dann jeweils 100 Mini-Antennen bis zu 300 Meter weit hinausschleudern. Die damit aufgefangenen Informationen werden an die Erde übermittelt und von einem Großrechner zum Gesamtbild kombiniert.

Ein direkter Blick auf den Anfang des Universums und das Entstehen der ersten Sterne werde damit möglich, hoffen die Entwickler. Denn das Riesenteleskop nimmt Strahlung mit einer Wellenlänge über 30 Meter ins Visier. In diesem Frequenzbereich müsste das Nachglühen der Ursuppe aus Wasserstoff und Helium zu sehen sein, aus dem sich vor 13 Milliarden Jahren die ersten Galaxien bildeten.

Bisher war dieses Frequenzspektrum kaum beobachtbar. Auf der Erde und im Erdorbit wird es von Tausenden von Kurz-, Mittel- und Langwellensendern überstrahlt. Auf der – stets von der Erde abgewandten – Rückseite des Mondes ist der Äther dagegen unberührt. »Ein Observatorium dort wäre zweifellos das ideale Instrument«, sagt Karl Menten, Direktor am Bonner Max-Planck-Institut für Radioastronomie, fügt aber an: »Natürlich würde kein Astronomie-Projekt den riesigen Aufwand einer Mondmission rechtfertigen.«

Auf 1,3 Milliarden Euro schätzt EADS allein die Pilotphase. Sie soll noch nicht auf die Rückseite des Mondes führen, sondern zu seinem Nord- oder Südpol. Während Tag und Nacht auf dem Mond normalerweise jeweils zwei Wochen dauern, scheint an den Polen permanent die Sonne und sichert so die Energieversorgung des Teleskops. Seine kleinen Antennen sollen in einen tiefen Krater hineinkatapultiert werden, der gegen den irdischen Wellensalat gut abgeschirmt ist. Erst wenn sich die komplette Technik dort bewährt, sollen weitere Sonden mit Plutoniumbatterien an Bord zur Mondrückseite starten.

Hartmut Müller, Leiter des Mondprojekts bei EADS, rechnet mit Verstärkung: »Die USA, China und Indien planen Mondmissionen, da wird in Europa auch etwas passieren«, ist er überzeugt. Die Entwicklung eines Landegeräts sei der erste Schritt zum Aufbau einer europäischen Infrastruktur auf dem Mond, sagt Müller.

Seine Projektgruppe hatte auch andere Ziele einer Mondmission durchgespielt. Doch der Abbau von Helium-3 als Brennstoff für irdische Fusionsreaktoren, der Aufbau einer Produktionsanlage für gefährliche Stoffe, die Endlagerung von Giftmüll oder Mondtourismus schieden aus. »Die Radioastronomie verspricht den größten Nutzen bei geringstem Aufwand«, sagt Müller. Außerdem knüpft sie an Technologien an, die bereits für die ISS entwickelt worden sind. So soll zum Beispiel das Navigationssystem des unbemannten Automated Transfer Vehicle (ATV) die Mondsonde exakt an ihren Landeplatz steuern.

Bevor es dazu kommen kann, muss das Projekt den Weg durch die zuständigen Gremien nehmen. Der erste Schritt wäre die Aufnahme ins Programm der Deutschen Raumfahrtagentur. Doch dort ist die Skepsis groß. »Das ist alles noch in einer sehr frühen Phase«, sagt Heinz-Josef Kaaf, zuständig für bemannte Raumfahrt, ISS und Exploration. Auch bei der Esa stehe der Mars bisher »höher im Kurs« als der Mond.

Selbst unter Radioastronomen mag kaum einer an das Trabantenteleskop glauben. Die Hoffnungen richten sich eher auf das Low Frequency Array (Lofar), das zwischen Nordholland und Nordrhein-Westfalen unter Führung von Astron entstehen soll. Ein Testfeld mit 100 Antennen ist seit 2003 in Betrieb, geplant sind 15000 weitere Antennen im Umkreis von 350 Kilometern. Störungen durch ARD, RTL und Konsorten müssen beim Blick in die Urzeit des Universums mit viel Computerpower mühsam aus den Messwerten herausgerechnet werden. Dafür kostet das irdische Lofar aber auch nur den Bruchteil seines Pendants auf dem Mond.

Nie von der Erde aus zu sehen: Die Hintere seite des Mondes

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    • Von Dirk Asendorpf
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