Als frisch gebackene Ärztin wollte ich, vielleicht etwas untypisch, Journalistin werden. 2002 machte ich mich als freie Journalistin in New York selbstständig. Bald schrieb ich für Reuters Health und die New York Academy of Sciences, die Welt und das Deutsche Ärzteblatt. Es dauerte nicht lange, bis sich mir eine eigenartige Begleiterscheinung des Medizinjournalismus offenbarte: die Welt der Pharmawerber. Für kurze Zeit, und recht naiv, tauchte ich dort ein. BILD

In den meisten Ländern der Welt, darunter Deutschland, ist es verboten, mit Arzneimitteln direkt bei Patienten zu werben. So müssen sich die Pharmafirmen an die Ärzte wenden. Eine Form sind kostenlose Nachrichtenblätter, möglichst praxisnah und relevant geschrieben, um viel beschäftigte Ärzte nicht mit komplizierten Sachverhalten zu langweilen. Manche Ärzte ziehen sie den Fachjournalen mit ihren schwer verdaulichen Texten vor. Andere lesen lieber die Journale.

Was viele nicht wissen: In beiden Publikationen ist eine wachsende Zahl der Berichte gekauft. Sie sind Schleichwerbung der Pharmakonzerne.

Im Sommer 2003 machte ich damit meine erste Erfahrung. Ich stieß auf eine Ausschreibung für eine medizinische Redakteursstelle bei einer Kommunikationsfirma. Man bot mir eine Vollzeitstelle an, doch ich beließ es bei der freien Mitarbeit.

Etwas unbehaglich war mir gleich. Die Arbeit wurde unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Weiterbildung von Ärzten betrieben. Die Konzerne zahlten educational grants, also Weiterbildungsbeihilfen, zur Finanzierung unserer Arbeit und durften nicht direkt auf die Inhalte der Mitteilungen und Nachrichtenblätter Einfluss nehmen. Gesetze sahen vor, dass eine solche Trennung bestand. Wir verfassten Nachrichten zu Studienergebnissen auf Medizinerkongressen, zu neuen Arzneistoffen und deren Wirksamkeit. Das Material wurde von fachkundigen Reportern zusammengetragen, bei uns redaktionell bearbeitet und an Ärzte verschickt. Mir fiel die Aufgabe zu, das Geschriebene auf wissenschaftliche Richtigkeit zu überprüfen, wobei ich bald merkte, dass damit nicht Aufrichtigkeit gemeint war. Eine Berichterstattung im journalistischen Sinne war dies nicht. Wir waren eine Erweiterung der Marketingarmee der Pharmaunternehmen.

Das "Zusammengetragene" versuchte zwar objektiv daherzukommen, doch beim genaueren Hinsehen wurden häufig Ergebnisse vermittelt, die wegen eines fadenscheinigen Designs der Studien gar keine eindeutige Aussage zu den Vorteilen der beschriebenen Medikamente zuließen. Trotzdem wurden sie den Ärzten als solche verkauft. Pharmakonzerne finanzieren gern diese Art oberflächlicher Studien (seeding trials), die den weiteren Vorteil haben, dass viele Ärzte dabei als Forscher eingespannt werden. Sie können das Medikament in ihrer Praxis ausprobieren und sich schon einmal daran "gewöhnen". Als ich der Redaktion die Lücken und Schwächen einiger Studien erklärte, wurde mir gesagt, man könne am Inhalt nichts ändern. Das sei der Wunsch des Klienten.

Ohne Geld von den Firmen blieben viele Fachschreiber unterbezahlt

Ich verließ die Agentur im Spätsommer 2003. Medizinischer Boulevardjournalismus war mit meinem ärztlichen Ethos nicht vereinbar.