Italien »Ich bin ein Diesel«

Berlusconis Herausforderer Romano Prodi gibt sich betont volksnah

Die Piazza dei Gerani in Rom ist nicht gerade das, was man eine große Bühne nennen könnte. Eine Ansammlung von Wohnhäusern aus den sechziger Jahren, die eine winzige Rasenfläche, ein paar Bäume und eine Endhaltestelle der Straßenbahn umschließen. Die Piazza dei Gerani liegt im Südosten des Stadtzentrums, in einem fast dörflich wirkenden Viertel des popolino. So nennt man die kleinen Leute der Hauptstadt. Das Volk der 1200-Euro-Verdiener, das frühmorgens mit der Tram Nummer fünf in die Innenstadt fährt, um in den Palazzi der Macht den Bürodienst zu versehen, in den Krankenhäusern oder in der größten Universität Europas zu arbeiten.

Jetzt wartet das popolino auf Romano Prodi. Etwa 500 Menschen sind gekommen. Mütter mit dem Nachwuchs im Kinderwagen, Pensionäre mit Schiebermütze, Männer mit der linken Zeitung Unità unterm Arm sowie die Stadtteil-Kapelle. Als Prodi kommt, zücken sie die Handys und fotografieren ihn. Wer kein Handy hat, schreit: »Pro-di, Pro-di.« Ein netter Empfang, aber nichts Überschwängliches.

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Auf der Bühne breitet Romani Prodi die Arme aus. Er strahlt. »Vielen Dank«, sagt er. »Ich freue mich, dass ich bei euch sein kann.« Er spricht frei, hebt fast nie die Stimme. Prodis Lieblingswörter sind »Verlässlichkeit« und »Würde«. Wörter, die genauso gut in einer Sonntagspredigt stehen könnten. Begriffe für den Kopf, nicht für den Bauch. Aber auf den Bauch der Leute kommt es in Italien gerade an.

Die Rede ist dennoch nicht ohne Pathos. »Wir wollen, dass Italien wieder aufsteht«, sagt er, »das Land ist müde. Wir liegen am Boden und müssen wieder ganz von vorn anfangen.«

Es geht um eine Schicksalswahl, daran lässt Prodi keinen Zweifel. Er gibt keine ideologischen Parolen aus wie Berlusconi, der immer noch das Schreckgespenst des Kommunismus an die Wand malt, obwohl doch die italienische Linke wertkonservativer ist als so mancher deutscher Christdemokrat. Prodis Motto heißt einfach: »Redlichkeit oder politisches Ganoventum«. Normalität oder argentinische Verhältnisse. Europa oder Isolation. »Wir werden denen nichts von dem Übel verzeihen, das sie Italien angetan haben!«, kündigt er an, und nun klatschen die Leute schon sehr viel lauter. »Bravo!«, rufen die Menschen. »Bravo, Professore!« Eine Frau in der ersten Reihe ruft: »Berlusconi ist ein zweiter Mussolini!«

Dass Silvio Berlusconi die Hälfte aller Staatsdiener einsparen will, ist für Prodi willkommene Munition. »Welche meint er nur? Die Hälfte aller Polizisten? Die Hälfte der Lehrer?« Das Publikum hat da schon verstanden: Es geht um sie, die Leute von der Piazza dei Gerani. »Wir alle kennen die Ämter, in denen es am Ende des Monats kein Geld mehr für Briefmarken gibt. Wir kennen Schulen, die keine Kreide mehr kaufen können. Nicht nur der Staat, auch die Italiener sind ärmer geworden mit Berlusconi.«

Da schwindet die Euphorie im Publikum auch schon wieder. Wenn das popolino dem Staat wieder auf die Beine helfen soll, kann das nichts Gutes bedeuten. Man ahnt, dass die Zeiten nach der Wahl noch härter werden könnten. Das Mitte-links-Bündnis wolle die Steuern anheben, sagen Berlusconi und seine Verbündeten. »Das stimmt ja nicht«, ruft Prodi und rudert energisch durch die Luft. »Wir wollen nur, dass die Italiener die Steuern zahlen, die es schon gibt. 200 Milliarden Euro entgehen dem Staat jährlich durch Steuerhinterziehung. Das ist Geld, das euch allen fehlt!«

Am Ende strömt die Menge zum Podium wie nach der Messe zur Kommunion. Prodi ist wie der Priester, dessen eigene Gemütsruhe die verzagten Schäfchen aufrichten möchte. Macht euch keine Sorgen, wir krempeln alle zusammen die Ärmel auf, und dann wird es schon wieder. Vom Band läuft jetzt La canzone popolare, eine heitere Hymne des Liedermachers Ivano Fossati. Als Prodi schon in seiner Limousine sitzt, die ihn zurück in sein Büro in der Altstadt bringen wird, spielt die Kapelle. Bella Ciao, das alte Partisanenlied. Der Kandidat hört es nicht mehr.

Natürlich kommt die Tour der kleinen Plätze Prodis Naturell entgegen. Enrico Berlinguer, der populäre KPI-Führer, mochte noch die gigantische Piazza San Giovanni mit Hunderttausenden von Anhängern füllen – dem Wirtschaftsprofessor Prodi fehlen dazu Rhetorik, Stimme und Charisma. Aber die Zeiten haben sich ohnehin geändert. Der Wahlkampf ist ein Fernsehsport geworden wie der Fußball, die Plätze bleiben bei den Kundgebungen leer, und was im Berlusconi- Italien zählt, ist allein die Einschaltquote.

Prodi hat sich dieser Logik konsequent verweigert. Berlusconi tingelt durch die Shows des von seinen Leuten kontrollierten Staatssenders RAI und hält endlose Monologe auf seinen eigenen Mediaset-Kanälen. Prodi hat alle Einladungen von Mediaset abgelehnt, dem Fernsehunternehmen Berlusconis. Er will kein Feigenblatt sein für die überparteiliche Berichterstattung, die in Mediaset zwar behauptet, aber in Wahrheit nicht praktiziert wird. Zwei peinlich genau mit dem Chronometer vermessene Duelle im ersten RAI-Programm hat er sich mit Berlusconi geliefert, beide Male wirkte er ruhiger, sachlicher und bestimmter. Statt des Fernsehpublikums sucht Prodi den direkten Kontakt mit der Piazza. »Ich bin ein Diesel«, sagt er von sich. Berlusconi hält sich für einen Ferrari.

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