Bürgerinnen und Bürger,
wir feiern Dresden. Feste sind hier alter Brauch. "Dresden scheinet gleichsam", hieß es 1718, "nur ein bloßes Lustgebäude zu sein. Bei Hof werden immer einige Lustbarkeiten angestellt" und die Gäste oft tagelang mit Aufzügen, Tierhetzen, Schnepperschießen, Wirtschaften und Musiken divertiert. Aber Stadtjubiläen sind eine neue Erscheinung. 1889 die Wettiner-Jubelfeier war noch ein "allgemeiner Landes-Dank", er dauerte eine Woche, man konnte nach allerhöchster Bestimmung einen großartigen "Festzug durch die Straßen der sächsischen Königsstadt sich bewegen sehen", und eine "ganz eigenartige Bereicherung" war das "geräuschlos aber mit unbeirrter Treffsicherheit vorbereitete Armeefest". Das eigentlich erste Stadtjubiläum erlebten wir 1956: die 750-Jahrfeier mit dem verheerenden Vorsatz Dresden trümmerfrei, sie beanspruchte immerhin einen Monat, alles was Rang und Namen hatte wirkte mit, der Zwinger, die Hofkirche waren im Aufbau, die Gemäldegalerie wurde wiedereröffnet und eine Preissenkung verkündet. Der Abschlußbericht monierte: "So schön der Wagen Augusts des Starken und der des III. gewirkt haben möge", sei "gerade hier das zum Ausdruck gekommen, was die Kommission auf jeden Fall vermeiden wollte": soziale Harmonie. "Die Darsteller des Volkes waren aber nicht erschienen." Sie standen an der Straße. – Nun also 800 knapp gezählte Jahre, und ein Festjahr wird veranschlagt, Zeit für Dresden; nicht auszudenken, wie lange die 1000-Jahrfeier währt.

Als der Platz noch kein Stadtrecht hatte, wurde schon seine Steinbrücke beredet; die Landeshauptstadt heute kommt mit einer Stahlbrücke ins Gerede. Damals und jetzt der liebe Eifer für den Ort, von dem Markgraf Dietrich der Bedrängte als von Unserer Stadt Dresden sprach. Die hochmögende Formel klingt uns kommun; und nun darf ich vor Ihnen von unsrer Stadt reden. "In Dresden kann der größte Abenteurer zu Ehren kommen", lese ich in einem Almanach, "wenn er nur ein Ausländer ist." Dies bin ich, weil ich (in meinem abenteuerlichen Beruf) nach Preußen zog, aber die Ehre hier schmeckt wie Muttermilch. Denn Dresden betretend, bin ich auf Heimatgrund.

Der Ort

Ich gehe also, Oktober 2005 – und folge Ihnen nur – auf den Neumarkt; es ist früher Morgen, dunstige Sonne, der neue Flügel des Schlosses glänzt, am Zaun vor der Brache ein Schild: Dieses Objekt steht zum Verkauf. Vor mir im Gegenlicht, fertig aber umzäunt, thront die Frauenkirche wie eine große synthetische Henne, unwirklich neu, aber ringsum das Treiben befestigt sie im Bewußtsein. Männer mit gelben Helmen unter dem Baukran verladen Fertigteile aus dem Betonwerk Oschatz, und tröstlich hantiert, am noblen Quartier F, ein Arbeiter mit einem Hammer. Vom Jüdenhof bis zum Landhaus ein geschäftiger Bauplatz, alle Gewerke zugange, Steinmetze, Klempner und Stukkateure. Hergebrachte Techniken, hergefahrene Leute, Handlanger, mit denen nicht gut reden ist, aus der Slowakei, Eisenflechter vom Kosovo. An der Salzgasse starrt eine riesige Baugrube, wo Kellerreste vermessen werden, das Eingeweide der Vorzeit, während man unter den Sonnenschirmen des rekonstruierten Coselpalais den Morgenkaffee trinkt. Das Hotel de Saxe im Schatten mustert aus seinen tiefen Garagenaugen den alten Luther: ein Original. Ein Schwirren und Klirren in der Luft wie aus allen Zeiten, ein Schaffen und Machen, als würde sich alles noch einmal ereignen, ein festliches Werden! Ich sehe das Gehäuse aus Leben und Arbeit, den gebauten Ort – und jetzt folgen Sie mir –: die Straßen, Giebel, der Fluß und die Hänge; der bleibende Abdruck des Daseins. Wieviel menschliche Mühe hat es verzehrt, Not und Unheil gekostet. Die Herrscher bedacht auf Gebiet und Geltung, die Bürger gebeutelt von Worfzins und Bede, Kaufleute kämpfend ums Stapelrecht. Privilegien, Gewohnheiten, Willküren, Statuten, Gefängnis und Pranger. Wie oft ist das Leben zernichtet, das Dasein neu gedacht worden, nach Feuersbrünsten, Elbfluten, Kriegswirren, Pest, in Aufschwüngen und Verheerungen, vier Jahreszeiten und zwei Gesellschaftsordnungen, Westkontakt und Osterweiterung, Gloria und Globalisierung. Was hätten die drezdani, die Sumpfwaldleute, gesagt, daß ihr Elbtal nun Weltkulturerbe ist; und was hätten die Wettiner gemurmelt, daß das Prädikat, wie Oberbürgermeister Roßberg sagt, ein Adelstitel sei! Ich sehe Paläste und Plattenbuchten, die Strategen aus dem Fürstenzug und die Taktiker aus dem Rathaus vor anderen nichtsahnenden Aufmärschen, den ganzen Karneval: und den Aschermittwoch. Ich sehe unweigerlich drei Städte, die unbegreiflich eine sind: das alte Dresden, wie es Löffler beschrieb, mein Vater wies mir vom Waldschlößchen aus die barocken Türme; die Trümmerstadt, Rudolph hat sie gezeichnet, meine alte Mutter wandte vorm Bild der Waisenhausstraße ihr gefurchtes Gesicht zu mir um; und die heutige Stadt, durch die ich sehnsüchtig gehe, und noch immer die Ramme auf dem schön gewölbten Pflaster des Neumarkts dröhnend, ein Leiharbeiter im Pullover steht dabei mit dem Wasserschlauch, der graue Zementstaub überall auf dem Pflaster wie Asche, die Totenasche, durch die ich laufe.

Der Riß

Dresden hat gleich die Quittung für das 20. Jahrhundert bekommen. Schillers Frage in den Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen": "woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?" ging hier auf den Grund. – In einem Gedicht des Dresdners Tragelehn, "Grundschule", 1985, finden sich die sonderbaren Zeilen: "Die Stadt brennt. Achtjährig hatte ich / Zum ersten Mal ein Urteil. Sie gefiel mir." Eine barbarische Empfindung, die Freund Mickel seinerseits kommentierte: "Da die Welt in Trümmern lag, bedrohte sie mich nicht; an den zerstreuten und durcheinander geworfenen Bruchstücken ersah ich die Schönheit, welche aus ihrer gefügten Ordnung mich ausgeschlossen gehalten gehabt hätte." Karl Mickel, das Arbeiterkind aus Altgorbitz, das sich die Hochkultur aneignete auf den Schutthaufen, der begehbar gewordenen Vergangenheit, er "zeichnete sie ohne Mitgefühl; mein Teil war, daß ich Blut spuckte. Die Toten drunten saßen komfortabel in ihren Hohlräumen"; komfortabel oder eingezwängt, ihr Schicksal hatte seine Ordnung, Folge eines sozialen Verhängnisses, des Irrtums im Fundament der Produktionsverhältnisse, der Profit, Rüstung, Krieg bewirkt; die Kultur auf der Barbarei beruhend. Kunstsammlungen / Mietskasernen.

Jetzt sind wir im Innern des Gehäuses, das seinen Riß zeigt, wie jede andere bisherige Sozietät. Jene frohe Festkultur hieß eben saure Wochenfron, und Prunk und Aufwand höfischen und bürgerlichen Regiments mußten erbracht und erpreßt werden. Die brühlsche Tafel wurde "mit 30 Schüsseln besetzt, und das mit einer solchen Profussion und Verschwendung, daß die Bedienten, wie sie wollten, Essen aus dem Hause schleppen konnten", hingegen "durch die Nichtauszahlung der Interessen von denen Steuerschulden unzähligen rechtschaffnen Leuten und Witwen und Waisen das Brot aus dem Munde gerissen, und sie in den elendesten Zustand versetzt wurden". Ich verzichte auf die Jahreszahl, es ließe sich noch in jeden Kalender schreiben. – Ist es ein Riß, so ist der Gegensatz dennoch verfugt und das Ganze, aus anderer Sicht, eine Fügung. So wie die schönen Künste und die leichte Industrie zusammengingen, die technischen Künste: das Flußdampfschiff, der Büstenhalter, die Spiegelreflexkamera und das Bombenzielgerät. Erfinder- und Unternehmergeist durften ein inneres Gleichgewicht geben, ein Selbstgefühl in den rohen Zeiten. In Chemnitz wird gearbeitet, Leipzig handelt und Dresden bringt das Geld durch oder: in Dresden wird gelebt. Es gibt einen dresdner Fundamentalismus, einen irdischen, sinnlichen Anspruch, hier in schon südlichem Licht, und doch richtigen Wintern, in anmutiger Landschaft, und etwas Freudiges, Sorgloses mästete diese Mätresse der Macht, die Kunststadt in splendid isolation, geschützt durch ihre Unschuld oder Schönheit: hat sie nicht das Recht, sich herauszuhalten, und sich was Bessers zu dünken? nicht verantwortlich für Gewalt und Greuel, gleichsam immer im Tal der Ahnungslosen?

Vor der unerwarteten Zerstörung hatte eine innere Zerstörung stattgefunden, und das gefügige Volk war dem Hitlerregime mit königstreuer Gesinnung gefolgt. Es war in unserer Stadt Dresden, wo zuerst die Bücher brannten am Wettiner Platz und in vorauseilendem Gehorsam die Schau "Zerfall in der Kunst" inszeniert wurde. Es war in Dresden, im Taschenbergpalais, wo man den Operationsplan erstellte, nach welchem an jenem 1. September die 8. Armee nach Polen einfiel. Garnisonsstadt, Lazarettstadt, Festungsstadt, Ruinenstätte. "Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu wandeln. Eine Stadt stürzt ein", resümierte Döblin in Berlin. Das Rohe am Menschen, von dem derzeit so viel geheimnist wird, ist in sein wahres Rätsel aufzulösen: die menschliche Gesellschaft. In seiner "Studie über die Deutschen" (die seinen Vater, seine Mutter in Auschwitz ermordeten) beschäftigte sich Elias mit der europäischen Illusion "einmal zivilisiert, immer zivilisiert". Die Illusion beginnt schon beim einmal; denn man muß nur am Lack der "hochentwickelten" Staaten kratzen, und der imperiale Leviathan kommt hervor. Nicht nur meine Generation der Luftschutzräume erlebte, auch die junge heute vor den Fernsehgeräten erlebt die Barbarei, die ganze Länder mit Angriffskrieg und -frieden überzieht. – Im Frühjahr 2003 flogen die US-Bomber direkt über Dresden, man sah (es war traumhaft schönes Wetter) die Kondensstreifen in Formation am Himmel und wußte, auch wenn kein Geräusch zu hören war, auch kein Geräusch in den Medien: in fünf oder sechs Stunden, in der Nacht, werden sie über Bagdad sein – wenig entfernt, nicht weit von Dresden, nein, von Dresden nicht weit fallen die Bomben auf Bagdad.

Die Erfahrung