Jubiläum Die dresdner DenkartSeite 3/3
Hier liegt nun in meinem Text noch ein Trümmerhaufen, von Widersprüchen, die ich nicht aufhebe, Brocken, Geröll; mögen ihn andre beräumen, die Lösungen wissen. – Kommunale Wohnungen sind vielleicht nicht das Tafelsilber, aber das Steingut des Stadthaushalts. – Jenen rechten Jungwählern, wenn ihnen ihre Mütter nicht entgegentreten, sollten die Trümmerfrauen erscheinen in den kalkigen Kitteln. – Die Mikroelektronik hat man dem Standort erhalten, aber was, wenn der Anschub bis Singapur trägt? – Beim Abriß des Kühlhauses Weißeritzstraße wurde der Arbeiter geborgen, der dem Fünfjahrplan huldigt; das Halbrelief des Arbeitnehmers muß noch gefunden werden. – Der »Umsonstladen« ist ein einsamer Vorgriff. Die Verkaufs-, nein die Idee ist, die Waren auf- und den Machtfaktor Geld zu entwerten. – Wie verschollen die Tradition der Deutschen Kunstausstellung; scheut der Markt das billige Urteil der Menge. – Die 77 Tage der Bombardierung Belgrads, bis heute hat sich die deutsche Regierung nicht entschuldigt. – Soros, der Philanthrop, der sich für die Integration der Indios einsetzt, kann nun nicht für die Wigwams der Woba sorgen! – Dresden wird ein teures Pflaster, sage ich niedergeschlagen vom Hebesatz. – Das »Narrenhäusel« fehlt mir am Neustädter Ufer: wer setzt jetzt dem König die Brille auf?
Ich umschreite dieses Mahnmal, den Problemhaufen neueren Datums, ich biete Ihnen, wie gesagt, keine freigeschrappte Fläche, »Baufreiheit«, keinen Ausgleich. Ich führe Sie aber auf einen Hügel, um Übersicht zu gewinnen, Gunst der Gegend in herrlicher Lage am Fluß; den Hang hinauf. »Was kommt nach der bürgerlichen Gesellschaft?« fragte der neunzigjährige Hans Mayer vor zehn Jahren in seiner Rede »In den Ruinen des Jahrhunderts«. Die städtisch-bürgerliche wie auch die klassenbewußt proletarische Kultur seien dahin; es herrsche ein universales Kleinbürgertum, seine Kultur die Wegwerfgesellschaft. Es bleibe der Kapitalismus ohne Bürgertum, der, entfesselt, hemmungslos, im Begriff sei, »alle einstigen Normen deutscher Bürgerlichkeit, wie man so schön sagt, ›abzuservieren‹, als handle es sich um kalt gewordene Speisen«. Das heißt auch, dergleichen maßvolle Städte, wie die Europas, wird es in Zukunft nicht geben. Der Alte in Tübingen wollte nicht mehr wissen, was kommt. Er hinterließ uns die Frage und begab sich, von der »Ästhetik des Widerstands« redend, vor den Marmorfries aus Pergamon. Wir stehen vor einem ebenso stolzen, aber lebendigen Panorama, einem Stadtbild, das gleichwohl ein Fragment ist, heiterschöne Pracht und neues hartes Gepränge. Es zeigt die Skulpturen der Kuppeln in scheinbar unberührtem Pathos, und auf den radierten Brachen die nüchterne Neulast. Ein Bauen über dem Abgrund, im schmerzlichen Hochgefühl! Und in der Mitte der Feuerrost im Inferno von stinkendem, beißendem Rauch umloht. Die Schafweide auf dem Neumarkt idyllisch zwischen 20 Millionen Kubikmetern Schutt. Denn es ist alles auch noch da, denn das, was man nicht mehr sieht, gehört auch zu uns. Die Stadt nimmt dieses Abservieren nicht hin … sie stemmt sich dagegen mit ihren Steinen und Stirnen. Das ist ihre Denkart... Durch das was sie war und was sie wird, ist sie ein lebender Widerspruch zum Null ouvert, zur Nivellierung des global play. Das macht ihre ungeheure, unversöhnte Doppelgestalt, Schönheit und Schrecken, ihre Wirklichkeit, ihre Kunst. Auf so rohe, süße Art stellt sie den Gegensatz aus zwischen dem, was eine Gesellschaft ist und was sie von sich verlangen sollte; und hier nun endlich ist vom deutschen Selbstbewußtsein geprochen. – Was ist das Unsere? Die Kartoffeln, die der Bauer Palitzsch in Prohlis anbaute, und die neuste Wasserkunst am Seetor, wo der Unflat hinabfährt. Das Unsere hat einen Weltlauf durchwandelt bis herab ins Volkseigentum und hinüber in die Privatisierung. Diese Stunde, in der wir dies bedenken, ist die unsere. – Seht hin: ein entschlossener Fight ist imgange, die Gigantenschlacht der Investoren gegen die Elementarurbanisten, das Ringen von Renditedenken mit dem Bürgersinn, beharrlich, handgreiflich, erpresserisch, der Streit von Nostalgikern, Futuristen und Funktionären. Die Darsteller des Volkes verharren in ihren Rollen, Villenbewohner und Obdachlose, begeisterte Elbhangdresdner und krasse Rinnsteinchaoten. Das alles sehen wir bruchstückhaft und verklärt in der Mittagsdemse; ein mildes Gedrängel, ein geduldiger Zorn ist bei der Sache, der Suche nach einer Form, einer Daseinsweise. – Ich grüße die Äußere Neustadt und warte auf das Elbhangfest … Ah, die Landschaft, die noch immer die Fassung behielt, atmet der Stadt zu, und die Stadt umfaßt uns mit ihren Maßen, tröstlich, vertrauend; der Ort, der Riß, die Erfahrung. Dresden heißt die Kunst zu leben.
Der Text der Rede, die am 31. März in der Sächsischen Staatsoper gehalten wurde, folgt der Orthografie des Autors. Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, war in der DDR ein Linksabweichler. Mit seiner subtilen Gesellschaftskritik machte er sich nach der Wende auch in der Bundesrepublik unbeliebt. Heute lebt der Büchnerpreisträger des Jahres 2000 in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Suhrkamp »Auf die schönen Possen« und »Das unbesetzte Gebiet«
Dresdens Festkalender 2006 ist zu bestellen unter Tel. 035165648660 oder info@dresden800.de
- Datum 06.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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