Der russische Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch ist im Alter von 80 Jahren nach schwerer Krankheit in Moskau gestorben. Als Interpret erlangte er Weltruhm, viele zeitgenössische Komponisten des 20. Jahrhunderts widmeten ihm ihre Werke. Rostropowitsch war stets politisch aktiv, er engagierte sich für den verfolgten Schriftsteller Alexander Solschenizyn und musste 1974 die Sowjetunion verlassen. Zum Fall der deutschen Mauer gab er 1989 ein Konzert in Berlin.
Der ZEIT gewährte er im vergangenen Jahr sein letztes großes Interview.

Der große Cellist Mstislaw Rostropowitsch verstarb 80-jährig in Moskau

Paris, 16. Arrondissement, Avenue Georges Mandel, sandsteingelbe Vornehmheit. In einem solchen Haus kann nur wohnen, wer etwas erreicht hat im Leben. Die obere Hälfte des Eiffelturms schaut herab wie der nette Nachbar mit Übergröße. Der Hausmeister weist den Weg: die geschwungene Treppe links hinauf, erster Stock. Die Haushälterin bittet uns in einen Salon mit hohen Fenstern und Marmorkamin.

Wer diesen Raum betritt, macht eine Zeitreise. Spiegelwände, Fauteuils, Vitrinen, historische Gemälde, Antiquitäten, ein Bösendorfer-Flügel – 50 Quadratmeter Zarenreich im Herzen von Paris. Die Morgensonne fällt durch Gardinen, auf die das Zarenwappen gestickt ist – der Hausherr lässt das Pariser Licht durch Originalstücke aus dem St. Petersburger Winterpalast sieben. Nach einer wohlbemessenen Wartezeit kommt er, aus einer der Flügeltüren, in Krawatte und Hauspantinen. Mstislaw Rostropowitsch wirkt klein, der Körper ein halbrunder Bogen, der auch im Stehen ein imaginäres Cello umarmt. Groß sind die Hände mit Altersflecken auf der hellen Haut. Sie lassen die Kraft erahnen, für die sein Celloton berühmt ist.

Dass wir – wie verabredet – ohne einen Russisch-Dolmetscher gekommen sind, beendet das Gespräch beinahe, bevor es begonnen hat, obwohl Rostropowitsch fließend Englisch und Französisch und sogar ein bisschen Deutsch spricht. Zum Glück erscheint aus einer im Tapetenmuster verborgenen Tür noch Elena, Rostropowitschs junge, polyglotte Assistentin mit der Zahnspange und der großen Liebe zu grünem Lidschatten. Sie soll übersetzen – und wird dann doch nur die ganze Zeit wie eine Statue auf der Stuhlkante sitzen und den Maestro wortlos fixieren. Wir nehmen Platz, mit Blick auf die beiden Cello-Kästen, rot und schwarz.

DIE ZEIT: Maestro Rostropowitsch, wann haben Sie das letzte Mal Ihr Instrument in der Hand gehabt?

Mstislaw Rostropowitsch: Letztes Jahr im Mai. Krzysztof Penderecki hat ein Cellokonzert für mich komponiert. Das habe ich in Wien uraufgeführt. Penderecki ist der letzte Komponistenfreund aus meiner Generation, der noch lebt. Das war meine letzte Uraufführung und auch mein letzter öffentlicher Auftritt überhaupt als Cellist.

ZEIT: War das ein trauriger Moment, als Sie auf der Bühne saßen und wussten, dass ein großes Kapitel in Ihrem Musikerleben zu Ende geht?

Rostropowitsch: Nein, überhaupt nicht. Wenn man eine Uraufführung vorbereitet, muss man sehr, sehr viel arbeiten. Und ich kann Ihnen sagen, seit diesem 20. Mai habe ich meinen Cellokasten nicht mehr geöffnet.

ZEIT: Sie und Ihr Cello sind wie ein Ehepaar, das seit ewigen Zeiten verheiratet ist. Wie würden Sie denn den Zustand dieser Ehe beschreiben? Gehen Sie sich mit zunehmendem Alter auf die Nerven?

Rostropowitsch: Nein, nein! Bedenken Sie: Eine Ehe spielt sich nicht nur in der Öffentlichkeit ab, sie hat auch ihre intimen Momente. Selbstverständlich hole ich hier zu Hause mein Cello wieder hervor, weil ich es so arg vermisse. Und dann spiele ich nur für mich.

ZEIT: Im Herbst Ihrer Karriere dirigieren Sie viel mehr, als Sie Cello spielten. Wie kommt das?