Dossier Ist die Rütli noch zu retten?

Die Neuköllner Hauptschule erwarb sich den Ruf einer »Terrorschule«. Andere Berliner Schulen haben die Gewalt besiegt – mit Patenschaften, Vertrauensschülern und Gelübden

An einem dieser seltsamen Tage vor der Berliner »Terrorschule«, an denen Dutzende Kameraleute und Fotografen hinter arabischen und türkischen Halbwüchsigen herhetzen und manche Reporter 120 Euro für gestellte Gangster-Gesten zahlen, an diesem Tag tritt ein schmaler, älterer Herr aus dem Schultor. Er wirft seinen kleinen Rucksack über die Schulter und geht langsam an dem eisernen Schulzaun entlang. Niemand filmt ihn, niemand befragt ihn, niemand beachtet ihn. Dabei ist er in diesem Moment vielleicht die interessanteste Figur rund um die Rütli-Schule.

Der Mann heißt Siegfried Arnz. Er ist 55 Jahre alt und seit einem Jahr in der Berliner Senatsverwaltung zuständig für die Hauptschulen. Ein Mann der Bürokratie also, obwohl er nicht so aussieht mit seinen Lachfalten um die Augen, dem silbernen Ring im Ohr und dem ulkigen Seidenschlips, auf dem drei Bergsteiger eine blaue Felszinne erklimmen.

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Vor allem aber ist er der Mann, der zu wissen glaubt, wie man aus einem Ort für Gescheiterte und Übriggebliebene wieder eine Schule machen kann. Wie ein paar hundert Schläger und Geschlagene wieder zu dem werden können, was sie eigentlich sein sollten: 14-, 15-, 16-jährige Jungen und Mädchen, die etwas lernen wollen. Und wie einige Dutzend verzweifelte Männer und Frauen wieder zu Lehrern werden können, die Lust darauf haben, ihren Schülern etwas beizubringen.

Er hat ja selbst erlebt, dass es geht. Arnz war zehn Jahre lang Rektor einer Hauptschule, die heute als Vorbild für ganz Berlin gilt. Am Ende war er einer der bekanntesten Schulleiter der Stadt.

Dieser Mann also lässt die Presseleute und die jungen Araber in ihren Bomberjacken und die jungen Türkinnen mit ihren Kopftüchern hinter sich. Er steigt in seinen ungewaschenen weißen VW-Bus mit dem Campingdach und fährt in sein Büro. Seine Sekretärin reicht ihm die Kopien von 68 Zeitungsartikeln über die Rütli-Schule: »Berlins schlimmste Schule«, die »Terrorschule«, die »Chaos-Schule«. Siegfried Arnz wirft nur einen Blick darauf. »Später«, sagt er.

Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und fängt an, von seinen Ideen zu erzählen. Als Erstes sagt er, dass sich viele Berliner Hauptschulen am Rande des Kollapses bewegten. Notgedrungen. »Sie werden ja nur noch von zehn Prozent eines Jahrgangs besucht.« Und es sind nicht irgendwelche zehn Prozent, sondern die, die am gewalttätigsten, am verschlossensten oder einfach nur am dümmsten sind. Deren Eltern am meisten trinken, am längsten arbeitslos sind, am wenigsten Deutsch sprechen. Die übrigen 90 Prozent gehen auf Gymnasien, Realschulen oder Gesamtschulen.

Trotzdem, sagt Arnz, auch unter diesen »oft brutalen Bedingungen« sei es möglich, an Hauptschulen für ein positives Klima zu sorgen. Es komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es sind schöne Wörter, die Siegfried Arnz benutzt. Sie hören sich zunächst recht naiv an angesichts der hässlichen Realität an der Rütli-Schule und rundherum, im Berliner Stadtteil Neukölln.

Es ist die erste große Pause, als ein Türke aus der Neunten den Schülersprecher Joan einen Hurensohn nennt. Es ist Montag, der 13. März, ein kalter Wintertag, und Joan sieht dem Türken in die Augen. Packt ihn am Arm. Sagt: »Was soll das, Alter, was hast du gegen meine Mutter?« Dann spürt er von hinten einen Tritt. Taumelt, verliert das Gleichgewicht. Joan, den sie sonst den Paten nennen, landet im Dreck. Er sieht nach oben, und die anderen sehen auf ihn herab.

Joan ist Araber, Libanese, ein kantiger, 17jähriger Kerl mit kahl rasiertem Schädel über den Ohren. Vorigen Sommer kam er auf die Rütli-Schule, auf der Realschule war er zweimal durchgefallen. Joan ging zum Unterricht und machte hin und wieder Hausaufgaben. Er ließ sich zum Schülersprecher wählen, er wollte der Chef sein in der Schule. Aber jetzt liegt er am Boden.

Am nächsten Morgen lauert er dem Türken auf dem Schulweg auf. Joan trägt eine schwarze Hose und seine schwarze Lederjacke, als er in der Weserstraße auf den Türken eindrischt. Er schlägt ihn in den Bauch und ins Gesicht, er tritt ihn um und auf ihn ein und lässt erst von ihm ab, als ein Passant dazwischengeht. Joan tut, was er tun muss, um seine Ehre wiederherzustellen, und während der andere ins Krankenhaus gefahren wird, kommt er gerade rechtzeitig zum Unterricht. Die Schulleiterin ruft seine Eltern an. Nach der Pause wird der Pate von seiner Mutter abgeholt.

Patrick, der in seine Klasse ging, sagt, Joan sei leicht erregbar. Safak sagt, Joan habe ihn beschützt, wenn Ältere ihm auf dem Bolzplatz seinen Ball wegnehmen wollten. Ahmad sagt, er sei ein Vorbild gewesen. Alle hätten Joan respektiert. Osman sagt, weil Joan alle respektiert habe.

Drei Wochen sind vergangen, seit Joan von der Rütli-Schule flog. Er schläft nun häufig bis Mittag, dann geht er raus, ins Internet-Café oder zum Reuterplatz, wo immer irgendwer ist, mit dem er Fußball spielen oder rumhängen kann. Manchmal ziehen sie dann weiter durch den Kiez, vorbei an den arabischen Cafés, den Spielhallen, den Wettbüros und Call-Shops, die wie die einzige Verbindung zur Außenwelt erscheinen, und manchmal landen sie in der Manege, einem Jugendclub gegenüber der Rütli-Schule, dem einzigen im Kiez.

Da sitzt er nun und sagt, dass er sich langweile. Nicht wisse, wohin mit sich und seiner Energie. Die Mutter, sagt er, weine viel, der Vater habe ein ernstes Wort mit ihm gesprochen – der Vater, der früher als Kaufhausdetektiv durch die Regalreihen bei Woolworth schlich. Heute sitzt er tagelang zu Hause. Es braucht ihn niemand mehr.

Niemand braucht sie noch, die Väter und Onkel und großen Brüder, jedenfalls kein deutscher Arbeitgeber. Die Männer bleiben zu Hause. Oder sie gehen ins Café. Anstelle ihrer alten Rolle füllen sie nun Fußball-Wettscheine aus. Setzen auf Fenerbahçe oder Galatasaray.

Unter den 18000 Menschen im Neuköllner Reuterkiez ist jeder Dritte ohne Schulabschluss, jeder Dritte ohne Arbeit. Die Kriminalitätsrate liegt 40 Prozent höher als im restlichen Berlin. Jeder Zweite hat das, was Sozialarbeiter einen Migrationshintergrund nennen. Zuerst kamen die türkischen Gastarbeiter, die später ihre Familien nachholten, dann kamen die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Palästina und dem Libanon, dann die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es kamen Polen, es kamen Russen, es kamen Asiaten.

Vielen war es lange Zeit verboten, eine Arbeit aufzunehmen, viele waren hier jahrelang bloß geduldet, und weil sie damit rechneten, bald wieder weg zu sein, blieb ihnen die neue Heimat fremd, die deutsche Sprache, die Kultur. Hier zu leben hieß, sich durchzuschlagen, halblegal, illegal, mit Schwarzarbeit oder mit Drogenhandel. Man war Bürger auf Abruf. Die Kinder wurden in eine Zwischenwelt geboren – eine Welt, die nicht mehr die der Eltern ist und noch nicht ihre eigene. Sie sind eine Generation der Heimatlosen.

Joan sagt, er würde gerne eine Ausbildung beginnen, am liebsten als Erzieher in einem Kindergarten. Aber er muss grinsen, als er das sagt. Er hat keinen Schulabschluss. Und welcher Kindergarten würde ihn nehmen, ihn, den Paten, den Schläger?

Seit drei Jahren ist die Rütlistraße eine Jugendstraße. Kein Auto fährt hier durch. Neben der Schule stehen eine Turnhalle, zwei Kitas und einige Gewerbehöfe und an der Ecke, vor der Schranke, zwei riesige, grüne Frösche aus Pappmaché und Polyester. »Ochsenfrösche«, sagt der Sozialarbeiter Wolfgang Janzer, der den Jugendclub Manege leitet. In seiner Werkstatt haben sie die Skulpturen geformt. Ochsenfrösche, weil Ochsenfrösche aggressiv sind. Weil sie alles platt machen.

Leser-Kommentare
  1. Sie schreiben:

    "Wer´s nicht glaubt, sollte es vielleicht selbst mal mit Kindererziehung versuchen (ganztags, und nicht bloss in 5 x 45 min).
    Probieren Sie Ihre anti-autoritäre Haltung mal zu Hause aus - dann werden SIE ganz schnell an IHRE Grenzen stossen!"

    Geben Sie's einfach auf: ich habe zwei erwachsene, erfolgreich im Beruf stehende Kinder: Hautpschullehrerin und Informatiker.

  2. Es komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es sind schöne WörEs komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es sind schöne Wörter, die Siegfried Arnz benutzt. Sie hören sich zunächst recht naiv an angesichts der hässlichen Realität an der Rütli-Schule ...“

    Ja, das hört sich doch sehr nach „Kuschelpädagogik“ an – und ist doch der einzige Weg aus der Sackgasse. Seit Beginn der 1990er - seit die Gewaltdiskussion begann – hat man es mit immer mehr Disziplinierung versucht und anscheinend immer mehr Gewalt geerntet. Eigentlich logisch, denn Druck erzeugt Gegendruck.Womit will man jungen Menschen letztlich drohen, die selbst keine Chance mehr im Leben sehen? Schulverweis – und dann? Gefängnis? Wieviel Prozent der Gesellschaft können wir wohl einsperren, bevor der Laden auseinanderbricht?

    Eine rechtsstaatliche De­mokra­tie er­reicht Stabilität nur, wenn auch in der Schu­le jene Prinzipi­en gelten und erlebt werden, die wir als tra­gende Grund­sätze unse­res politi­schen Systems im Grund­ge­setz wie­derfin­den: Achtung vor der Menschenwür­de, Meinungs­frei­heit, Rechts­staatlichkeit und Ge­waltenteilung. An die­sen Maß­stä­ben wäre alltägli­ches erzie­he­ri­sches Handeln in einem frei­heit­lich-demo­kra­tischen Rechts­staat zu mes­sen.
    Wir wis­sen, welcher Missachtung diese Maßstä­be täg­lich, ja stünd­lich in Klassenzim­mern unterliegen: die Würde von SchülerIn­nen wird in Wort und Tat verletzt; für sie ist es besser, ihre Meinung nicht frei zu äußern; der Lehrer stellt im Klassenzimmer Gesetzgeber, Richter und Voll­zugsbeamten in ei­ner Per­son dar; gegen seine bewusst und kühl eingesetzte Macht gibt es keine Ge­gen­macht. Hinzu kommt, dass die Ge­sell­ schaft Selbst­ver­antwortung und Initia­tive for­dert, während Schule über­wiegend nur Ge­hor­samslei­stungen prämii­ert.

    Margret Mead hat schon 1928 auf diesen Wider­spruch hin­gewiesen: "Die Ge­sell­schaft kann einen Charaktertyp vor­aussetzen, für dessen Er­zeu­gung ih­re Erziehungs­for­men zu mangel­haft sind, und das Ergeb­nis ist ein Wider­spruch, der da­zu führt, dass sich Menschen un­glücklich fühlen. Etwas ähnli­ches tun wir heute, indem wir die Kinder in einem Volksschul­system erzie­hen, das ihre In­itiative lähmt, und dann er­war­ten, dass wir ak­tive, intelligen­te Bürger her­an­bilden, die mit den Proble­men einer De­mokratie fertigwerden kön­nen."

    Selbstverständlich können wir das weiterhin ignorieren und von Lösungen der „harten Hand“ und des „Durchgreifens“ fabulieren. Ändern wird es sich dann höchstens etwas zum Schlimmeren. Das zeigt die Geschichte unübersehbar.

    • kurtvw
    • 09.04.2006 um 23:10 Uhr

    Ich bin mit mehr als 60 Lenzen offenbar einer der Älteren, und damit automatisch der mit mehr Lebenserfahrung. Damit will ich nicht sagen, unbedingt recht zu haben; ich sag einfach meine Meinung, die sich nmit den Jahren dazu gebildet hat.

    Als Naturwissenschaftler versuche ich Dinge auf der Basis von "first principels" ausgehend zu erklären. Welche sind, besonders beim Jugendlichen, am Werk?
    Das biologische Wesen Mensch hat als wichtigstes inhärentes Bedürfnis den Trieb zu überleben, und zwar möglichst unbeschädigt.
    Der zweitwichtigste Antrieb ist der zur Vermehrung. Diese beiden Triebe sind absolut elementar, weil alle Lebewesen die das nicht haben, zwangsläufig immer aussterben. Das Hirn haben wir allein dazu bekommen, um diese beiden Kriterien zu erfüllen.

    Der Wichtigkeit entsprechend sind die Reaktionen zum Überleben meist automatisch und sehr stark. Im fortgeschrittenen Alter nicht mehr, wozu auch?

    Die Reaktionen zum Erreichen der Fortpflanzung sind, neben dem elementaren Koitus, meist sehr subtil und situativ flexibel ud deshalb nicht immer leicht zu erkennen. Dazu gehört im Zusammenhang mit unserem Thema Rütli-Schule, vor allem die Eigenschaft "Alfa-Wolf"! Das lässt sich besonders gut im business beobachten.
    Um nicht noch weiter auszuholen behaupte ich, dass die beste "Führungstaktik" darin besteht, dieses Bestreben "Alfa-Tier" sein zu wollen, geschickt mit der "Nachteil-Keule" zu kombinieren. Ich erinnere daran: Die Größe der Macht eines Menschen oder einer Organisation, ist proportional zur Differenz zwischen der möglichen Belohnung und der möglichen Bestrafung. Wenn eine Komponente fehlt, wird die Macht kleiner!
    Deshalb mein Erziehungs-Rezept: Klare Richtungsvorgabe mit für den Jugendlichen nachvollziehbarem Nutzen (und Konsequenzen für das Abweichen davon), in Kombination mit Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes/Jugendlichen.

    @ iceman: Zu Ihrer Aussage zur Intelligenz-Vererbung ist mir spontan eingefallen, wieviel Intelligenz einem Rattenfänger Adolf hinterher gerannt sind! Ich habe diese "intelligenten" Brüder noch als Lehrer erleben müssen!

    • iceman
    • 07.04.2006 um 21:54 Uhr

    Und ob Kinder Grenzen brauchen!
    Wer´s nicht glaubt, sollte es vielleicht selbst mal mit Kindererziehung versuchen (ganztags, und nicht bloss in 5 x 45 min).
    Probieren Sie Ihre anti-autoritäre Haltung mal zu Hause aus - dann werden SIE ganz schnell an IHRE Grenzen stossen!

    Zum gleichen Thema empfehle ich eine kleine Auswahl an Texten unter dem Titel "Der neue Mensch", unter dem Link:
    http://www.derneuemensch....
    Dort finden Sie unter 15 kleinen Texten genau meine Meinung wieder.
    Aber eigentlich genügt schon die Überschrift:

    "Der Grundsatz beim Grenzensetzen lautet:
    Fest sein, ohne zu herrschen; konsequent sein, ohne zu drohen. So werden Kinder befähigt, Grenzen zu erkennen, sich an ihnen zu reiben, sie aber auch zu überwinden.
    Dies setzt Erwachsene voraus, die das vorleben.
    Notwendiger denn je ist Mut und Ermutigung zum Grenzensetzen".

  3. Vielleicht haben Sie wahrgenommen, dass meine Beiträge durchaus auf Dialog angelegt sind. Um die Debatte nicht uferlos werden zu lassen, beschränke ich mich jeweils auf einzelnen Aspekte

    Sie schreiben:

    "Lehrer sind doch sehr verschieden... und machen in der Praxis dieselben Erfahrungen. Lehrer sind doch sehr verschieden... und machen in der Praxis dieselben Erfahrungen."

    1.) Wenn völlig verschiedene Leute mit demselben Betriebssystem arbeiten, also z. B. Windows, machen sie dieselben Erfahrungen, vor allem mit Fehlern und Mängeln des Systems. Die Erfahrungen, die man macht, hängen von der Systemumgebung ab.

    Vielleicht sind Ihnen solche Gedankengänge nicht vertraut, Ich habe sie als hilfreich und weiterführend erfahrend.

    Die amerikanisch Anthropologin Margret Mead hat schon 1928 auf diesen Widerspruch hingewiesen:

    "Die Gesellschaft kann einen Charaktertyp voraussetzen, für dessen Erzeugung ihre Erziehungsformen zu mangelhaft sind, und das Ergebnis ist ein Widerspruch, der
    dazu führt, dass sich Menschen unglücklich fühlen. Etwas ähnliches tun wir heute, indem wir die Kinder in einem Volksschulsystem erziehen, das ihre Initiative lähmt, und dann erwarten, dass wir aktive, intelligente Bürger
    heranbilden, die mit den Problemen einer Demokratie fertigwerden können.":

    2.) Lehrkräfte verstehen sich nicht als Wissenschaftler. Debatten über Erziehungs- und Unterrichtsthemen werden deshalb sowohl von der Lehrerschaft als auch von der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht nach wiss. Kriterien geführt, sondern unter

    - moralischen
    -ideologischen
    -zeitgeistbehafteten und
    -vorurteilsbedingten

    Gesichtspunkten geführt. Wiss. betrachtet handelt es sich bei der Rütli-Schul-Debatte um eine geradezu gespenstische Geisterdebatte, die auf völlig falschen Behauptungen beruht.

    #1. Behauptung: Die Gesellschaft hat zu lange weggeschaut. Dazu ein Beispiel aus der ZEIT, Interview mit der Psychologin Ada Lorenz (Auch die Psychologie erhebt ja den Anspruch der Wissenschaftlichkeit)

    /Beginn
    ZEIT: Haben wir zu lange weggeschaut?
    Lorenz: Ja.

    [Dazu Schlagzahlen, wie es sie massenhaft nicht nur im SPIEGEL seit Beginn der 1990er gab:]

    - Tollhaus Schule (15/1988)
    - Kinder, der kriminelle Nachwuchs (3/1992)
    - Gewalt alarmiert Pädagogen (10/1992)
    - Die knallen sich einfach weg -- Kinder und Drogen (11/1992)
    - Die Nazi-Kids. Was Kinder in den Terror treibt (12/1992)
    - Linke Lehrer, rechte Schüler (1/1993)
    - Kinder, die töten (3/1993)
    - Störfall für die Liebe. Machen Kinder glücklich? (5/1993)
    - Nervenkrieg im Klassenzimmer. Horrorjob Lehrer (6/1993)
    - Eltern im Kaufstreß: Konsum-Terror der Kinder
    - Die Eigensinnigen (SPIEGEL special 11/1994)
    - Tyrannen in Turnschuhen (SPIEGEL special 12/1997)
    - Wohin mit den Horror-Kids? (SPIEGEL special 12/1997)
    - Alles haben, alles dürfen, alles wollen. Die verwöhnten Kleinen. (33/2000)
    Ende/

    #2. Behauptung, aus demselben Interview

    /Beginn
    Lorenz: ... Und wer nun hinschaut, der stellt fest, dass die Qualität der Gewalt sich verändert. An vielen Fällen, die ich betreue, schockiert mich die Unfähigkeit der Täter, Empathie zu empfinden, und die Abwesenheit jeglicher Hemmungen, die wir normalerweise voraussetzen. Da liegt jemand schon am Boden, und dann wird noch mal zugetreten. Hilflose werden weiter geprügelt.“

    [Die Behauptung, früher ging es hart, aber fair zu - heute wird gnadenlos zugetreten" wurde zum ersten Mal
    im SPIEGEL 42/12.10.1992]

    „Prügeleien auf dem Schulhof gab es schon immer. Doch nie zuvor haben Kinder so erbarmungslos um sich geschlagen. In manchen Schulen registriert die Polizei sogar kriminelle Banden von Gewalttätern. »Es wird anders zugeschlagen als früher«, hat Willi Pietsch vom Stuttgarter Polizeidezernat für jugendspezifische Gewaltkriminalität beobachtet. Noch vor zehn Jahren, glaubt der Beamte, hätten Jugendliche von einem Unterlegenen abgelassen, der aus der Nase geblutet oder eindeutige ‘Ergebenheitszeichen’ gegeben habe. Pietsch: »Heute ist das der Startschuß, seinen Gegner fertigzumachen, ihn ‘einzustiefeln’, wie die Jugendlichen das nennen."
    Ende/

    Ich verzichte darauf, die Wanderungen und Abwandlungen dieses Zitats durch diverse Medien und Veröffentlichungen nachzuzeichnen. Interessant ist zweierlei

    - vor zehn Jahren, also 1982, sei es weniger brutal zugegangen. Ein Blick in die Kriminalstatistik aber weist dieses Jahr als außergewöhnlich brutal aus. Damals wurde bei Überfallen die höchste Anzahl von Gewaltandrohung und -anwendung von Schusswaffen.

    - Die Aussage wird jeweils ungeprüft übernommen, obwohl der "Bundesverband der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand" im Dezember 1993 eine Untersuchung veröffentlichte unter dem Titel: Gewalt an Schulen", die zu folgendem Ergebnis kam:

    "Nimmt man Frakturen und Zerreißungen ersatzweise als Maßstab für die Schwere von aggressivitätsbedingten Verletzungen, da er gewisse Rückschlüsse auf die Heftigkeit der jeweils einwirkenden Gewalt zuläßt, so ist eine Zunahme der Brutalität an allgemeinbildenden Schulen nicht erkennbar." (S. 27)

    Eine erneute Untersuchung 2005 - und dies zum Thema "Rütli"- kam zu folgendem Ergebnis:

    "Gewalttätige Auseinandersetzungen unter Schülern werden an deutschen Schulen seltener. Laut einer Studie der Unfallkassen geht die Gewalt vor allem an Hauptschulen zurück - wobei diese Schulform nach wie vor das größte Problem mit aggressiven Jugendlichen hat ... Am stärksten ist laut der Studie die körperliche Gewalt unter Hauptschülern zurückgegangen. Die Rate sank dort innerhalb von zehn Jahren von 48,6 auf 32,8 pro 1000 Schüler." (SPIEGEl-ONLINE 08.06.2005)

    Ich belasse es dabei.Wenn sie allerdings fragen:

    "Wie die (Schul-) Welt zu verstehen und den Schülern zu erklären ist, ist bisher in Deutschland noch nicht endgültig 'geregelt' - zum Nachteil, zum Vorteil für eine bessere Schule?"

    so ist die Antwort einfach: So lange die Lehrerschaft nicht geneigt ist, wissenschaftlich zu arbeiten, wird sich die Sache weiterhin in einem Teufelskreis drehen - von "Reform" zu "Reform", wobei die Hauptleidtragenden selbstverständlich die Lehrkräfte sind, da sich die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit ständig ändern.

    Aber daran tragen sie nicht zum geringsten Teil selber Schuld.

    PS: Ich war mit meinem Beruf als Hauptschullehrer zufrieden, ja glücklich, und würde ihn erneut wählen.

  4. Lehrer sind doch sehr verschieden... und machen in der Praxis dieselben Erfahrungen. Schon die Fächer unterscheiden uns - nicht nur nach Fach D oder B, sondern auch qua Ausbildung und Weltanschauung. Das zeigt sich auch hier in der Debatte über die Rütli-Schule. Aber: Wie die (Schul-) Welt zu verstehen und den Schülern zu erklären ist, ist bisher in Deutschland noch nicht endgültig 'geregelt' - zum Nachteil, zum Vorteil für eine bessere Schule?

    Wenn Sie und ich offenbar an Idee und Praxis einer guten Schule, einer sinnvollen Pädagogik und eines wirklich verständlichen und nachhaltig wirksamen Unterrichts festhalten - woher kommt dann die Unzufriedenheit?

    Ich sehe in der Debatte im Zeit-Forum eine Möglichkeit, aus persönlicher Ansicht und aus Theorie und Praxis über die Schule 2006 zu diskutieren: mit denen, die selbst unterrichten ebenso wie mit der interessierten Öffentlichkeit, die sich fragt, was an deutschen Schulen los ist...

    Also: Mein Beitrag (17,10h) war als Aufforderung zum Gespräch gedacht, nicht als Ärgernis. Beachten Sie aber: Ich bin auch schon seit 25 Jahren dabei...

    • iceman
    • 09.04.2006 um 14:21 Uhr

    Ihre Argumentation gefällt mir, sie ist ehrlich, und man merkt, dass Sie es ernst meinen.
    Aber ihre Ansichten wirken etwas rabiat, haben fast etwas revolutionäres an sich.
    Mick Jagger gefällt mir da besser, der schon vor gut dreissig Jahren von "Evolution - No Revolution!" sprach.
    Sie erinnern mich an die Feuerköpfe der Pariser Kommunarden, oder an die Tübinger Jungphilosophen, die gelegentlich mal im Karzer gelandet sind.
    Meine Sympathie (gerade als Schwabe) haben Sie, und in der Tat braucht es immer wieder progressive Elemente, die eine Gesellschaft nach vorne bringen.
    Nur: Vorne ist nicht immer da, wo die Nase ist.
    Man kann auch in die falsche Richtung laufen, und dann ist es besser, umzukehren.

    Zur Zeit machen viele Menschen die Erfahrung, dass wir ZU VIELE gesellschaftliche Experimente durchgeführt haben - und dass es besser wäre, einige Elemente unseres "jahrtausendealten hierarchisch-autoritären Kultursystems" wiederzuverwerten.
    Zumindest so lange, bis wir wieder festeren Boden unter den Füssen haben - also eine breitere Basis an gemeinsamen Werten und ausreichender Bildung.

    Oder anders:
    Warum auf ein völlig neues Betriebssystem umsteigen, wenn es für die meisten Nutzer zu kompliziert, zu neu, und mit zuviel Zeitaufwand und Kosten verbunden ist?
    Wozu gibt es Upgrades?
    Einen Systemwechsel vollzieht man aus gesicherter Position, also wenn die Zeit dafür reif ist, und wenn sich das neue System in kleinerem Rahmen bewährt hat.

    In Deutschland war aber das Gegenteil der Fall:

    Die egalitäre und nahezu anti-autoritäre Erziehung wurde zu einem Grossprojekt, das nunmehr gescheitert ist.
    Wir reden hier nicht über einen kleinen und falsch konstruierten "Modellversuch".
    Die "neuere Gehirnforschung" ist für mich erst dann interessant, wenn sie die Menschen intelligenter macht, oder... wenn sie uns unsere Grenzen aufzeigt.
    Letzteres hat sie getan: Wir sind alle determiniert!

    Kulturelle Reifungsprozesse sind möglich, natürlich, aber das dauert.
    Übergänge müssen fliessend gestaltet werden, in kleinen Schritten, und nur im Rahmen eines halbwegs homogenen Umfelds.
    Das multi-kulturelle Projekt ist gescheitert, weil wir eine Zuwanderung (und Familienförderung) betrieben haben, deren Auswirkungen uns noch sehr, sehr stark belasten werden!!!
    Bereits bis jetzt hat ein RÜCKSCHRITT stattgefunden, kein Fortschritt.
    Jahrtausendealte Selektionsmuster wurden durch ein übersteigertes Egalitätsbewusstsein nicht nur eingeebnet, sondern sogar auf den Kopf gestellt.

    Ich sehe das grösste Problem darin, dass in unserem System die Kinderquote der intellektuellen Unterschicht gefördert wird - leider ein absolutes Tabuthema.
    Eine härtere Determinierung als durch die human-genetische Prädisposition kann es gar nicht geben.
    Das geht weit über die "kulturelle" Frage hinaus (die ja bloss ein historischer Prozess ist).

    Intelligenz hängt von der Entwicklung der Grosshirnrinde im Stirnbereich ab, die bei hochbegabten Kindern drei Jahre länger wächst als bei normalen Kindern.

    Bereits innerhalb von zwei Generationen sind bei der Erbfolge beachtliche Sprünge möglich (nach oben und nach unten).
    Repräsentativ dafür sind zwei Zweige meiner Familie, wo es beachtliche Unterschiede gibt (auf unserer Seite hat es wohl eine "Erleuchtung" durch meine Grossmutter mütterlicherseits gegeben - aber die anderen haben mehr Kinder!). Natürlich keine ausreichende Basis, um wissenschaftliche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, aber es deckt sich mit der allgemeinen Entwicklung.

    Ihre egalitäre Anschauung in Ehren, aber sie hat blinde Flecken, bildet nur einen Teil der Wahrheit.

    Die Kernprobleme, um die wir uns zuerst kümmern sollten, sind erstens kulturelle Anpassung der Migranten - da lässt sich auch einiges erreichen - und zweitens (viel wichtiger) eine Systemförderung der Intelligenz (Erhöhung der Kinderquote bei Berufstätigen und Akademikern; Ersatz des Kindergeldes durch steuerliche Pro-Kopf-Freibeträge).

    Unser System hat schon seit über einer Generation degenerative Wirkungen, so langsam wird es eng.
    Mag ja sein, dass eine Schicht von 20% etwas höher Begabter ausreicht, um für die nötigen Innovationsprozesse zu sorgen - aber allzu sehr würde ich mich darauf nicht verlassen.

    Es geht nicht um plumpen Neoliberalismus, sondern eher um eine Art "Neo-Rationalismus".
    Ich bin auch für mehr Egalität - auf jeden Fall - aber alle geschichtlichen Erfahrungen zeigen, dass eine hohe Egalität nur bei allgemein hoher Bildung möglich ist.
    Und Bildung wiederum hängt erst in dritter oder vierter Linie von der "Schulform" oder einem "Edukationsprogramm" ab.
    Unsere politische Klasse ist eine von Vernebelungskünstlern:

    - An den Schulen hat man immer nur "die Latte gesenkt", an den Gymnasien genauso wie an den Hauptschulen (Freifahrscheine ohne Sitzenbleiben).

    - Die Probleme des Haushalts wurden über Kredite gelöst.

    - Die Zuwanderunsprobleme wurden kaschiert durch Zensur der Daten, Scheindebatten, Ablenkung durch unzählige Modellprojekte zwecks besserer Integration, oder der Einführung der sog. ´Greencard´.

    - Die Fehlentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt wurden nicht der Arbeitsmigration oder dem Bildungsmangel zugeordnet, sondern der angeblich gestiegenen Konkurrenz auf dem Weltmarkt in Zeiten der ´Globalisierung´ (fragt sich dann nur, wie es die Schweizer und Skandinavier geschafft haben, sich vom Weltmarkt abzukoppeln???).

    Zur Zeit kommen mir unsere Politiker vor wie Jongleure, die mehr Bälle in der Luft halten, als sie irgendwann wieder auffangen können (und mit steigender Zuwanderung und zunehmender Volksverblödung kommen künftig noch ein paar Bällchen dazu - bei gleichzeitig nachlassender Kraft).

    Wie soll das auf Dauer gut gehen?

  5. Sie schreiben:

    "Ihre Kommentare kamen mir halt etwas, sorry, unreif vor, und das liegt wohl daran, dass ich vor zwanzig Jahren exakt die gleiche Geisteshaltung gehabt habe wie Sie (bin jetzt 41).
    Seitdem habe ich mich etwas weiterentwickelt"

    Nehmen wir an, Sie haben die ersten Jahrzehnte Ihres Lebens mit dem Monopol-Betriebssystem MS Windows gearbeitet. Dann beschließen Sie auf Linux umzusteigen. Sie hauen also Linux auf die Kiste - und siehe da: nichts geht mehr: Ihre alten Programme laufen nicht mehr, und selbst an Ihre Daten kommen Sie nicht mehr ran. Je nachdem, ob Sie Profi oder Laie oder Anfänger sind, brauchen Sie Tage - Wochen - Monate, bis Sie wieder vernünftig arbeiten können. Und wenn Sie Pech haben, müssen Sie sich sogar Programme selber stricken, weil es für dieses Minderheitensystem nur ein begrenztes Angebot gibt.

    Dasselbe gilt in ungleich stärkerem Ausmaß, wenn Sie beschließen, ihr Lebens-Betriebssystem zu wechseln, also z. B. aus unserem autoritär-hierarchischen Kultursystem, das uns seit zwei Jahrtausenden bis in jede Faser prägt, aus - und etwa auf ein partnerschaftliches System umzusteigen: Da läuft zunächst einmal überhaupt nichts mehr. Und da jeder von uns auf diesem Gebiet unvermeidbar Anfänger ist, fordert der Umstieg locker seine füf bis zehn Jahre sehr harte Arbeit. Denn die meisten Programme, nach denen wir zu leben und zu handeln gewohnt sind, laufen nicht mehr nicht mehr. In der Regel muss man sie auch noch selbst neu stricken.

    Das zu erkennen und einzusehen fällt uns schwer, weil wir das Ausmaß unserer (Willens-)Freiheit gewaltig überschätzen. Die Gehirnforschung ist gerade dabei, uns darüber aufzuklären.

    PS Wenn Sie ihrem Gegenüber - so wie in dieser Diskussion mir - regelmäßig unterm Tisch vors Schienbein treten ("unreif", "Muff"), sollten Sie sich über die Reaktionen nicht wundern. Nicht jeder verfügt über so viel freundliche Gelassenheit wie ich.

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