SIEBECK Das Salz der Dummheit
Wolfram Siebeck schreibt seine Island-Saga fort. Diesmal wagt er sich an die exotischen und deftigen Gerichte der nordischen Küche, isst Lammkopf und Wal
Reykjavík streitet sich mit Tokyo um den Ruhm, die teuerste Stadt der Welt zu sein. Leider hat Island eine eigene Währung, und als ich endlich rauskriegte, wie man ISK (isländische Kronen) in Euro umrechnet, war ich bereits ein Vermögen los. (Danach wurde es auch nicht besser.) Wieso, fragt sich der Island-Reisende, kann es hier so teuer sein, wenn die Insel zum Treffpunkt der jungen Rucksacktouristen geworden ist? Die werden doch nicht alle bafögsubventioniert!? Nur die 550 Kronen (über 6 Euro), die mein Hotel für ein Bier verlangt, empfinde ich nicht als teuer, sondern als gerechte Strafe für jemanden, der im Hotel eine Minibar benutzt.
Nach meinen ersten Erlebnissen bei Siggi Hall (ZEIT Nr. 14/06) trieb mich die Neugier auf die echte isländische Küche ins Thrír Frakkar, wo ich, wie mir der blonde Wikinger versprach, alles würde essen können, was Island an exotischen Gerichten bereithält.
Das Thrír Frakkar ist ein schlichtes Lokal mit allen volkstümlichen Kennzeichen, die man der Bistro-Kategorie zuordnet. Doch den eingelegten Lammkopf, der mit Zähnen und Augen serviert wird, den gab es hier nicht. Auch der bunte Papageientaucher, dessen Brüste mir als Höhepunkt isländischer Leckerei beschrieben worden waren, fehlte auf der Karte. Dabei wimmelte es dort von wunderbaren Namen wie Pönnusteiktar Gellur med ljüfri grádostasósu oder Grillsteiktur stinbítur á rjomapiparsósu, und da hier wie überall in Reykjavík jedermann des Englischen mächtig war, brachten freundliche Maiden uns nach und nach alle Glanzlichter der isländischen Küchenfolklore an den Tisch.
Enttäuschend war das gepfefferte Walsteak: Es hätte auch vom Esel sein können und war dünn und zäh. Ich beschloss spontan, fortan für das Verbot des Walfangs einzutreten, was man in Island aber möglichst verschweigen sollte. Dieses Hvalkjöts piparsteik med pipersósu war mit 2990 Kronen (35 Euro) das zweitteuerste Gericht der Speisekarte. Für fast den halben Preis bekam ich ein überbackenes Fischgratin mit Honigkuchen (Plokkfiskur med rúgbraudi) , das gewaltige Mengen Matschkartoffeln enthielt, dessen Fisch aber ein sehr frischer und saftiger Kabeljau war. Sehr ähnlich eine andere Spezialität, die gratinierten Fischzungen, wieder vom Kabeljau und wieder mit Béchamelsauce und wieder mit einer bunten Gemüsebeilage, die besser dort aufgehoben wäre, wo sie herstammt, nämlich in den Kasematten der Gemüsekonfektionierer.
Die gratinierten Speisen (es gab noch weitere ihrer Art) waren bei aller Deftigkeit noch am schmackhaftesten, und ihr Fischanteil war nie faserig-trocken. Zudem hatte ich hier eine Wiederbegegnung mit einem Getränk, das mir vor vielen Jahren einen Aufenthalt in Moskauer Restaurants erträglich gemacht hatte, dem Wodka. Er heißt hier allerdings Brennivín, wird volkstümlich »Schwarzer Tod« genannt und schmeckt nach Kümmel.
Neu wie die Kabeljauzungen war hingegen die Brust eines Seevogels (»Nein, ist kein Papageientaucher. Aber ähnlich, nur schwarz!«). Das Gericht hörte auf den Namen Léttsteiktar Svartfugelsbringur med villibrádasósu. Der »Schwarzvogel«, wohl ein Isländischer Tordalk, hatte offenbar schon viel Brennivín getrunken, denn seine dicke dunkle und zarte Brust hatte ein deutliches Leberaroma. Dass die Sauce süßlich war und dazu noch ein Fruchtgelee gereicht wurde, erinnerte mich an die bunten Wellblechhäuser der Nachbarschaft: total exotisch. Immerhin gehört der Vogel mit über 36 Euro zur Luxusklasse im 3 Frakkar.
Das darauf folgende Abendessen fand im Grill des Radisson SAS Hotel Saga statt. Das ist ein riesiger, moderner Hotelbau von jener Sorte, die in allen Großstädten die intimen Stadthotels verdrängen, was keine Stadtverwaltung zu verhindern wagt. Dort war das Essen so unerfreulich wie ein Vulkanausbruch, der sich auf Island alle zehn Jahre ereignet.
Ich weiß nicht, was die Wikinger in der Küche von der Arbeit abgehalten hat. Zu essen gab es jedenfalls nichts. Das Brot, tröstete uns die freundliche Blondine, die als Einzige von der schlechten Laune ihrer Kolleginnen nicht angesteckt war, sei bereits im Ofen. Da saßen wir und viele andere Gäste aber schon 40 Minuten ungeduldig bei archaischer Dunkelheit am Tisch.
- Datum 22.02.2007 - 03:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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Lieber geschätzter Herr Siebeck, warum nur lassen Sie sich mit Ihrem ausgefeilten Geschmack auf die Küche eines über Jahrhunderte sehr armen Volkes ein ... da vergleichen Sie doch Äpfel mit Birnen, bringt bekanntlich nix - der Artikel ist nicht mal gute Unterhaltung ...
Sehr geehrter Herr Siebeck,
ich kann mich dem Kommentar Äpfel und Birnen nur anschließen. Schon mal was von andren Ländern, anderen Sitten gehört? Und außerdem: wer nach Island fährt, um dort kulinarische Genüsse zu erwarten ist wohl selber schuld. Bei dem Erleben der gigantischen Naturschauspiele ist Trockenfisch mit frischer isländischer Butter ein kulinarischer Hochgenuss.
Olafur
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