lebenszeichen 2 Sätze, 100 Euro

Harald Martenstein präsentiert die Gewinner seiner Auktion

Ahoi, ihr Feng-Shui-Spätzinnen und Premiumpiraten! Vor einigen Wochen habe ich geschrieben, dass ich den ersten und den letzten Satz der Kolumne unter der Leserschaft versteigere, um auf künstlerische Weise gegen die Allmacht des Geldes zu protestieren. Das heißt, die Person, die am meisten Geld für einen von mir benannten Zweck zu stiften verspricht, darf beide Sätze bestimmen. Ich bat darum, die Sätze sowie das Gebot zwecks Prüfung an die ZEIT zu mailen. Daraufhin kamen etwa 60 Angebote. Sie bewegten sich im Bereich zwischen einem Cent und 111,11 Euro. Zahlreiche Leser unterbreiteten ein finanzielles Angebot, nannten aber keine Sätze. Andere Leser schickten Sätze, nannten aber keine Kaufsumme. Man muss sich aber an die Regeln halten. Das ist überall im Leben so.

Die Angebote bestanden teilweise aus Naturalien. Künstlerin Monika K. bot eine Grafik. Kerstin W. bot »ein Abendessen mit mir«, fügte aber, von sympathischen Selbstzweifeln gepeinigt, im nächsten Satz hinzu, dieses Angebot komme ihr »irgendwie billig« vor. In eine ähnliche Richtung scheint mir der Zaunpfahl zu weisen, mit dem Georg L. aus N. winkt: »Ich lege ein Angebot mit sex Euro vor.« Es freut mich, dass ich, ähnlich wie Freddy Mercury, ein die erotischen Fantasien der Geschlechter transzendierendes Phänomen bin. Alexander M. bot seine »kulturelle Identität«, für so etwas hat man in meinem Alter keinen Bedarf mehr. Mehrere Herren boten Rotwein. Michael L. bot 42 Säcke Zement, diese Botschaft hat mich einige Sekunden lang irritiert. Andreas L., offenbar ein namhafter Journalist, bot an, dass die ZEIT kostenlos einen Text von ihm drucken dürfe. Karsten G., Student, 26, bot an, eine Woche lang kostenlos für eine Hilfsorganisation zu arbeiten. Dies käme mir allerdings grausam und sittenwidrig vor.

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Von den korrekt abgefassten Einreichungen hat mir am besten die von Anna J. aus Riggisberg in der Schweiz gefallen. Sie hat 10 Euro geboten, unter anderem für den Satz: »Anna J. ist unglaublich talentiert.« Der Fernsehmoderator Thomas K. (Sat.1) bot einen Euro für zwei zauberhafte Sätze. Der zweite lautete: »Das Huhn war aufgesetzt, mit einer schönen roten Karotte, einer großen Zwiebel und einem Strauß Petersilie, dessen Stiele aus dem Topf ragten.«

Es ist aber nicht das Huhn und nicht die Zwiebel, sondern das Geld und immer nur das Geld, welches in unserer Gesellschaft zählt. Ich weiß gar nicht, was eine »Feng-Shui-Spätzin« ist. Unser Sponsor, Herr Andreas Nothwang aus Ulm, wird dafür, dass dieser Satz gedruckt wird, 50 Euro an die Produktionsschule Altona überweisen. Die Produktionsschule Altona versucht, Jugendliche ohne Schulabschluss in einen Beruf hineinzuführen. Das finde ich gut, offenbar besitze ich eine weiche Seite. Da es zwei Sieger gibt, die beide für zwei Sätze genau 100 Euro anlegen wollten, möge Stephan Grohe, München, 50 Euro an den Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen überweisen, der mir einen Bittbrief geschrieben hat, welcher mein Herz zum Schmelzen brachte. Gemeinsam werden wir drei, Nothwang, Grohe und ich, die Welt besser machen. Schließlich, um halb drei, begann langsam der Sinn von den Dachrinnen zu tropfen.

 
Leser-Kommentare
  1. Dass sich die Sätze zwischen den beiden Sätzen nur um die Einsendungen drehen find ich Schade. Da hatte ich eigentlich mehr erwartet :(

  2. Natürlich ist ganz interessant, was alles eingesendet wurde und was alles fürs Drucken geboten wurde. Ich hätte aber auch erwartet, dass Harald Martenstein es schafft, die Sätze geschickt zu verbinden, sodass sich ein Sinn ergibt (war das nicht sogar bei Ankündigung der Aktion so gedacht?). Ich würde vorschlagen, dass den beiden Sätzen einfach die Ehre zuteil wird, ein zweites Mal gedruckt zu werden, diesmal etwas kreativer verbunden.

    Gruß,

    Johannes Götte

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