Frauen Kein Mann, kein Kind, kein Hund
Mit welchen Vorurteilen sich Ute Vogt als SPD-Spitzenkandidatin im baden-württembergischen Wahlkampf herumschlagen musste – und warum sie es trotzdem nicht schafft, die Politik aufzugeben
Am schlimmsten ist es, wenn sich die Demütigung als Lob verkleidet, wenn die Gönnerhaftigkeit im Mantel der Fürsorge auftritt, wenn sich zur Verachtung die Feigheit gesellt und die Angriffe so subtil daherkommen, dass man sie nicht kontern kann, weil es sie offiziell gar nicht gibt. Wenn Posten zu verteilen sind und ältere Kollegen einen beiseite nehmen und sagen: »Mir liegt viel an deiner Zukunft, aber du musst aufpassen, dass du nicht verheizt wirst.« Wenn sie in Wirklichkeit damit meinen: Komm mir nicht in die Quere, Mädel. Oder wenn die Kommentatoren nach einem TV-Duell anerkennend feststellen, dass die Kandidatin nicht eingebrochen sei, weil sie anscheinend richtig »gepaukt« habe. Wenn eine ledige, kinderlose Frau von 41 Jahren von zwei Spaßvögeln vom Regionalradio gefragt wird, ob sie sich vorstellen könne, mit einer Frau ins Bett zu gehen. Wenn man nicht weiß, was einen wütender machen soll: die Unverschämtheit der anderen oder die eigene Wehrlosigkeit.
Ute Vogt sitzt im Wintergarten bei »Oma Liesel«, einem Café in der Stuttgarter Innenstadt, sie lächelt ein trotzig-freundliches Ich-lass-mich-nicht-unterkriegen-Lächeln, ihre Hände zittern ein bisschen, sie bittet einen ihrer Mitarbeiter um eine Zigarette. Auf einem Sechziger-Jahre-Büfett liegen Zeitungen mit den Schlagzeilen vom Tag: Vogt führt SPD-Fraktion. Nach der Niederlage bei der Wahl in Baden-Württemberg, bei der die SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Landesgeschichte einfuhr, hat Vogt sich bei einem Drittel Gegenstimmen als künftige Oppositionsführerin durchgesetzt, aber sie ist sich nicht sicher, ob sie das als Erfolg betrachten soll. Sie ist sich überhaupt nicht mehr so sicher wie noch vor vier Jahren, als sie als die junge, unerschrockene »Schwertgosch« mit den kastanienbraunen Locken gegen Erwin Teufel in ihren ersten Landtagswahlkampf zog. Es gibt im Leben viele unsichtbare Mauern, in diesem Wahlkampf hat Ute Vogt sie vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben gespürt.
Weiblich, ledig, jung, das ist in der Politik, wie in vielen anderen Berufen, Karriere-Vehikel und Handicap zugleich. Reinzukommen ist als Frau inzwischen vergleichsweise leicht, Machotum, offene Diskriminierung sind verpönt, man hört neuerdings oft den Satz: Wir brauchen mehr Frauen, geäußert in begründungsloser Selbstverständlichkeit. Nach oben zu kommen, wenn man drin ist, fällt immer noch vergleichsweise schwer. Mit Quote, Feminismus, Frauenbewegung hatte Ute Vogt nie viel zu tun. Wer etwas kann, der kann es auch schaffen, war ihre Überzeugung. Das Benachteiligungslamento vieler Emanzen war ihr fremd, sie fühlte sich nicht benachteiligt.
»Eigentlich war ich nie eine Frauenrechtlerin«, sagt Vogt heute, die Betonung liegt auf eigentlich. Weiblich, ledig, jung, was ist das größere Handicap in der Politik? »Nach diesem Wahlkampf muss ich eindeutig sagen, Frau schlägt jung«, sagt Vogt mit bitterem Lächeln. Sind Sie nicht ein bisschen jung?, die Frage hat sie oft gehört. »Das kam offener, das konnte man besser kontern«, sagt Vogt. Zum Beispiel mit dem Slogan »Gegen mich sieht Teufel alt aus«. Und schließlich: Älter wird man sowieso. »Dieses Mal«, sagt Vogt, »war es härter, da kamen Dinger, denen man schwer begegnen kann.« Vor vier Jahren war das Jungsein auch ein Schutz. Na ja, Sie haben ja noch Zeit, hieß es dann, wenn das Gespräch darauf kam, dass Vogt nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. »Jetzt bin ich schon 41 und immer noch nicht verheiratet«, sagt Vogt. Der Nachsatz lautet nun: Komisch, stimmt mit der was nicht? Aber dieser Nachsatz wird nicht ausgesprochen, er hängt irgendwie im Raum, und jeder denkt sich seinen Teil.
Bei der Christdemokratin Annette Schavan währte die »Toleranz« so lange, bis sie in Baden-Württemberg Nachfolgerin Erwin Teufels werden wollte. Da wurden aus der Weiblich-ledig-Etikettierung »Lesbengerüchte« (Bild). Schavan antwortete mit dem unglücklichen Vorwurf, das sei Rufmord – als wäre Homosexualität wirklich etwas Schlimmes –, und dem seltsamen Satz: »Mir fehlt dazu die Eignung, Gelegenheit und Neigung.« Sie ist dann nicht Ministerpräsidentin geworden.
Bei Ute Vogt stand einmal bei einer Wahlkampfveranstaltung ein junger Mann auf und sagte zu der SPD-Kandidatin, wie sie denn über Familienpolitik reden könne, wo sie doch gar keine Kinder habe. Und wieso das eigentlich so sei. Vogt entgegnete, sie sei in die SPD gegangen, um für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der junge Frauen sich solche Fragen nicht mehr stellen lassen müssen. Anschließend standen die meisten im Saal auf und klatschten, der Frager bekam einen roten Kopf. Eine Genugtuung, doch schwerer wog die Frage, die Ute Vogt sich bei solchen Gelegenheiten stellt. Kann man sich vorstellen, dass jemand sagt: Herr Oettinger, Sie waren doch nie arbeitslos, wie können Sie da über Arbeitslosigkeit reden? Oder: Sie haben nie alte Menschen gepflegt, wie können Sie über die Pflegeversicherung sprechen?
Vogt macht keine »Home-Storys«, und sie redet nicht gern öffentlich über ihr Privatleben. »Wer einmal diese Tür aufmacht, kann sie nie wieder zumachen«, sagt sie. Im Wahlkampf ließ sie sich mit einem Hund ablichten, die Werbeagentur wollte ein »emotionales« Foto. Als eine konservative Regionalzeitung »herausfand«, dass der Hund gar nicht ihrer war, hagelte es empörte Reaktionen, etwa bei kandidatenwatch.de: »Günther Oettinger hat eine sympathische Frau und einen Sohn, der in seinem Haar wuschelt. Sie dagegen haben keinen Mann, keine Kinder – und führen fremde Hunde aus.« Als Günther Oettinger sich im Wahlkampf mit mehreren Kindern ablichten ließ, die mitnichten alle seine waren, fand man es nachvollziehbar, dass der MP seine Familie schützt.
- Datum 21.09.2007 - 03:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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Masochisten gehen in die Politik.Leute die sich in die Politik draengeln sollen aufhoeren zu tun als ob sie dafuer fuer vom Waehler pausenlos beklatscht und gelobt werden sollen.Politiker sind doch die,die immer vom 'arbeiten fuer das Volk'reden -und offenbar ist das nicht immer einfach .Frau Vogt wird es ueberleben,und wenn nicht dann hat sie nicht das Zeug um sich durchzusetzen,was ja noetig ist um in der Politik nach oben zu kommen...aber wie wir alle wissen schwimmt der Unrat immer oben.
Es stimmt nicht, daß sich Ute Vogt nicht zwischen Land und Bund entscheiden konnte: Bei den Landtagswahlen 2001 hat sie zwar einen spektakulären Erfolg ihrer Partei errungen, aber selbst keinen Sitz im Landtag gewonnen. In Baden-Württemberg gibt es keine Parteilisten, die Sitzzuteilung hängt nur von den Ergebnissen der einzelnen Wahlkreiskandidaten ab, so daß es technisch gesehen keine "Spitzenkandidaten" gibt, die sicher mit einem Mandat rechnen können.
Ute Vogt konnte sich also 2001 nicht für die Landespolitik entscheiden.
Das ändert nichts an dem Fazit, daß ihre Partei (und die dafür traditionell haftende "Spitzenkandidatin") eine Niederlage geholt haben, die noch schlimmer und spektakulärer ist, als der vorige Erfolg sensationell war. Die SPD hat zuletzt in den 50er Jahren weniger als eine Million Stimmen bekommen; noch 2001 waren es mehr als anderthalb Millionen, d.h. sie hat in absoluten Zahlen mehr als ein Drittel der Wähler verloren. Die Bundesführung der SPD hat darüber triumphiert, daß die WASG unter vier Prozent geblieben ist, und durch diesen Vergleich mit einer Drei-Prozent-Partei gezeigt, in welcher politischen Liga sie offenbar zukünftig zu spielen gedenkt.
Die Tragik für Ute Vogt liegt darin, daß sie als Frau bei den Sozialdemokraten von vornherein nur auf verlorenem Posten eingesetzt werden konnte, wie eben in Baden-Württemberg, wo sie nun den Abstieg zur Politsekte begleiten darf. Aussichtsreiche Kandidaten der SPD dagegen (wie wir in Rheinland-Pfalz gesehen haben und wie es so schön im Lied heißt) "müssen Männer mit Bärten sein".
Frau Vogt hat ihr angestrebtes Ziel nicht erreicht. Das tut mir leid. Das sie sich aber wie ein kleines Mädchen in der Opferrolle sieht, finde ich schade. Nicht ihre Familienumstände und Ihr Frausein haben zu dem Wahlergebnis geführt. Sie sollte die Niederlage anerkennen und nicht mehr viel Worte darüber verlieren. Dann hat sie auch die Kraft für einen würdigen Neustart.
Die Argumente bezüglich des äusseren Auftretens von Frauen in der Politik sind als Argumente wider dem Machismus in der Politik schlichtweg quatsch, weil sie alle Politiker, Männer wie Frauen Anwendung finden. Wir erwarten, und meiner Meinung nach völlig zurecht, dass eine Person, die tausenden von Menschen täglich zumutet sie zu sehen, ein gepflegtes Äusseres, das mit ihrem Alter übereinstimmt haben. Bei einer Frau gehört ab einem gewissen Alter dazu, dass sie sich nicht mehr kleidet oder frisiert wie eine zwanzigjährige. Und bei einem Mann auch. Oder gibt es irgendeinen männlichen Politiker mit langen Haaren? Und von Politikern, die uns führen sollen, erwarten wir völlig zurecht, dass sie auf dämliche Fragen, die im übrigen die Autorität des Amtes, das sie anstreben, keine Antwort geben, statt darüber zu lamentieren, dass der Gegenkandidat diese Fragen nicht gestellt bekam.
1. Die bewußte O-Frage war unverschämt und überhaupt nicht lustig. Die Redakteure waren sogar so intrigant und haben Frau Vogt in das Interview mit MP Oettinger eingebaut, ohne daß sich Frau Vogt wehren konnte. Die richtige Entsprechung wäre eine Frage an den MP gewesen "Sind Sie heimlich schwul" oder "Klagen Sie öfters über Impotenz".
2. Frau Vogt hat nur erlebt, was sich viele Bewerber in Bewerbungsgesprächen (so sie welche haben) und Assessmentcentern mit pseudowissenschaftlichem Hintergrund in sogenannten Stress-Interviews gefallen lassen müssen. Also, willkommen in der Wirklichkeit, Frau Vogt.
3. Der Fauxpas bestand nicht in der Beantwortung oder Falschbeantwortung der Frage. Verheerender und bisher untergegangen ist, daß sowohl Frau Vogt als auch Herr Oettinger einem sogenannten Lügendetektortest zugestimmt haben. Wer solchen pseudowissenschaftlichen Hokuspokus mitmacht, ist eines parlamentarischen (gesetzgeberischen) Amtes nicht wert. Nur so nebenbei: Frau Vogt und Herr Oettinger sind ausgebildete Juristen.
4. Frau Vogt hat während des Wahlkampfes viel gearbeitet, viele Termine wahrgenommen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Mitbürger tun das auch. Sie werden nicht so fürstlich honoriert und mit einem Fraktionsvorsitz belohnt.
korfstroem
"»Jetzt bin ich schon 41 und immer noch nicht verheiratet«, sagt Vogt. Der Nachsatz lautet nun: Komisch, stimmt mit der was nicht? Aber dieser Nachsatz wird nicht ausgesprochen, er hängt irgendwie im Raum, und jeder denkt sich seinen Teil."
Tja, egal ob Politikerin oder Normalo.
Ich habe mit diesen Dingen, trotz 18-jährigem Kind, auch zu kämpfen. Aber das Schlimmste ist, dass es in meinen Kreisen ausschliesslich von Frauen kommt, nur von Frauen.
Manchmal frage ich mich, welche psychologischen Ursachen wirklich dahinter stecken.
Aber vielleicht kann mir das ja jemand erklären.
Wenn sie diese Krise übersteht, wird sie auch irgendwann Minsterpräsidentin.
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