Wenn ich träume, sehe ich etwas, das ich eigentlich gar nicht kenne – ich sehe Farben, viele Farben. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich glaube, Farben zu sehen, denn ganz sicher kann ich mir nicht sein – aber ich empfinde es so. Was schon seltsam ist, denn ich bin farbenblind. Träume sind für mich ein Freiraum, in dem ich anders sehe. Dass ich keine Farben erkennen kann, war nie ein Handicap. Ich habe bereits als Kind gezeichnet. Als ich die Pferde immer grün und die Bäume rot malte, fiel den anderen auf, dass da etwas nicht stimmte. Ich habe mir dann einfach gemerkt, dass Pferde eben nicht grün sind, und die Stifte entsprechend markiert, aber die Kolorierung meiner Zeichnungen habe ich schon seit langem in andere Hände gegeben. BILD

Ich erinnere mich oft an meine Kindheit, es war die schönste Zeit meines Lebens. Obwohl meine Familie arm war und wir unter dem Krieg litten, konnte mich das nie vom Träumen abhalten. Damals war ich in meinen Träumen immer ein Clown mit einer dicken roten Nase, der das Publikum zum Lachen bringt. Als Junge hatte ich mich in ein Zirkusplakat verliebt. Es war riesig und zeigte mehrere Clowns. Einer von ihnen hieß genauso wie ich: Albert. Er hatte die grellste Maskierung und die größte Nase. Ich wollte sein wie er. Dieser Albert muss mich später unbewusst zu den Knollennasen meiner Gallier inspiriert haben. So sind Asterix und Obelix an meiner Stelle Clowns geworden.

Noch bevor ich ernsthaft darüber nachdachte, es als Comiczeichner zu versuchen, träumte ich davon, für Walt Disney zu arbeiten. Ich war fasziniert von Micky Maus und Donald Duck. Da saß ich dann mit dem Stift vor einem leeren Zeichenblatt und ließ mich in meinen Tagträumen treiben, in denen ich neben Disney in seinem Studio arbeitete und Micky Maus zeichnete. Ein Jugendtraum, ich war naiv, dachte, das würde ich schon schaffen. Später, als ich erste Aufträge als Zeichner bekam, ist dieser Traum zunehmend verblasst. Denn ich hatte erfahren, dass die Realität in den Disney-Studios ganz anders aussah, als ich mir ausgemalt hatte. Ich wäre da nur ein Rädchen von vielen in einer großen Industrie gewesen. Das hätte ich nicht ertragen. Ich wollte meine Unabhängigkeit bewahren. Da bin ich ganz wie Asterix.

Dass René Goscinny und ich mit unseren unbeugsamen Galliern weltweit Erfolg haben würden, hätten wir nie zu hoffen gewagt. Denn das Ganze ging ursprünglich auf die Idee eines Verlegerfreundes zurück, der sich gegen die Massen von US-Comics abgrenzen wollte. Er ermutigte uns, einen französischen Helden zu erfinden, mit dem die Jugend in Frankreich mehr anfangen konnte. Wir haben das nicht als Affront gegen die US-Comics verstanden, denn durch sie waren wir ja selbst erst zum Zeichnen gekommen. Die meisten vorherigen Auftraggeber hatten immer nur gefordert: Macht doch was wie Tim und Struppi.

Das fanden wir ziemlich öde. René und ich waren uns schnell einig, dass wir zu unseren Ahnen, den Galliern, zurückgehen wollten. Der Zeitdruck war enorm, das Heft mit der ersten Episode sollte schon bald erscheinen. So haben wir in einer Viertelstunde fast alle Charaktere entwickelt. René ließ alle Nachnamen auf -ix enden – als Hommage an den französischen Nationalhelden, den gallischen Häuptling Vercingetorix.

Wenn wir gewusst hätten, wie wichtig man unsere Comics später nehmen würde, mit welcher Akribie Intellektuelle unsere Charaktere sezieren würden, hätten wir uns einige Monate Zeit genommen und nicht nur diese 15 Minuten.

Ich weiß noch, wie anfangs vor allem französische Journalisten lästerten, der Erfolg von Asterix sei keine große Sache, weil wir doch eh nur den De-Gaulle-Patriotismus bedient hätten. Der Vorwurf war schnell vom Tisch, als Asterix auch in anderen Ländern Erfolg hatte und in Deutschland zeitweise sogar erfolgreicher war als in Frankreich. In unseren Geschichten gibt es kein französisches, eher ein universales Thema.