Tschernobyl Die ZoneSeite 9/9
In der Ecke blinken zwei Spielautomaten aus einer anderen Welt, Maracash de luxe und Triple Bonus . Ein Betrunkener kotzt neben den Tisch, die Kellnerin, blond wie Schnee, wischt den Dreck unter den Tisch. Und irgendwann nach elf trottet Julia Malyschewa durch die leeren Straßen der Stadt Tschernobyl, begleitet vielleicht von einem Hund, der weder Schwanz noch Namen hat, und rettet sich in die Sowjetskaja, Plattenbau, in der ihr Liebster liegt, der Mann für vierzehn Nächte.
2005 brachte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und fünf anderen Gremien der Vereinten Nationen, eine Studie heraus, sechshundert Seiten dick. Nicht Tausende oder Zehntausende, wie bisher geschätzt, seien in 20 Jahren in der Ukraine, in Weißrussland und Russland an radioaktiver Strahlung gestorben, sondern etwa 50, und vermutlich würden es nur mehr 4000. Nicht so sehr radioaktives Gift gefährde dort die Menschen, sondern Armut und Fatalismus, genährt von Mythen und falscher Wahrnehmung.
»Ich konnte es nicht glauben«, heisert Anatolij Fjodorowitsch Koljadin, der am Morgen des 26. April 1986 Block IV betrat wie alle Tage zuvor, »ich kann es nicht glauben«, spricht der Mann aus tiefem Sessel. »Man entwertet uns, nimmt uns das letzte Restchen Ehre.«
Er sitzt in seiner dunklen Stube am Rand der Stadt Kiew, Werbizkogo 11, 6. Stock, Wohnung 24, drei Zimmer, zweiundvierzig Quadratmeter, nach dem Weltuntergang von der Regierung zur Verfügung gestellt, kostenfrei für alle Zeit.
Zwei Operationen hat er hinter sich, am Rücken, am Hals, und manchmal, in der Metro unterwegs, stehen Siebzigjährige auf und machen ihm, sechsundfünfzig, höflich Platz.
»Dieses Haus hier«, sagt Koljadin, immer nur müde, »dieses verdammte Haus hier war einst voller Liquidatoren. Nun lebt noch die Hälfte davon.« Endlich drückt er sich aus dem Möbel und holt ein Foto.
In einen grünen Tarnanzug gepackt, steht Anatolij Fjodorowitsch Koljadin auf dem Balkon seiner glücklichen Tage, zapretnaja zona, und lacht.
- Datum 06.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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1200 Mikroröntgen entsprechen etwa 1.2 Millirem.
5000 Millirem dürfte bis vor einigen Jahren ein Beschäftigter der Kategorie A in einem deutschen Isotopenlabar abbekommen.
Jetzt gilt ein Wert von 2000 Millirem oder ausgdrückt in der Einheit Sievert von 20 Millisievert.
Ich bin nicht besonders beindruckt ob dieser Zahlen.
Noch vor vier und fünf Jahrzenten gab es Bergwerksunglücke in Deutschland, in denen innerhalb von Minuten
100 und mehr Leute umkamen. In Rußland und China gibt es das heute noch.
Im Unterschied zu Tschernobyl werden diese Toten nicht so melodramatisch ausgeschlachtet.
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