Tschernobyl
Die Zone
Im Norden der Ukraine wachen Tausende von Technikern über die Reste des Reaktors von Tschernobyl, der vor 20 Jahren explodierte. Trotz der Strahlung wollen viele Menschen in der Umgebung leben
Ein Zaun wächst aus flachem Feld, plötzlich und hoch. Vier Männer stehen davor, vielleicht froh um die Aufregung, ernste runde Gesichter, und verlangen Papiere, die Bewilligung!, den Ausweis!, es ist neun Uhr oder später, ihre Kragen sind aus künstlichem Pelz, die Uniformen blau.

Ein Zaun umgibt die verbotene Zone, sie ist 2600 Quadratkilometer groß
Einer kreist um den Wagen. Einer raucht. Einer setzt sich ans Telefon, knurrt Namen und Nummern, Krähen lärmen. Am Zaun hängt ein metallenes Schild, darauf eine Liste von Zahlen, Maßeinheit Curie, und irgendwann an diesem Morgen im Dezember, nach langem Reden, hebt sich der Schlagbaum unter einen tiefen Himmel.
Zapretnaja zona – verbotenes Land.
2600 Quadratkilometer im Norden des Staates Ukraine – verstrahlt, verseucht seit dem 26. April 1986, 1.26 Uhr. Der Asphalt, breit und löchrig, führt vorbei an leeren Ställen, an Wassertürmen, die schief im Nebel stehen, vorbei an Wald und Wetter.
»Tschernobyl«, spricht Anatolij Fjodorowitsch Koljadin aus tiefem Sessel und zittert, »Tschernobyl war unsere Liebe.« Er atmet laut.
»Mit diesen Händen hatten wir es gebaut, mit unserer Arbeit gestreichelt.«
Am frühen Morgen des 26. April 1986, er hatte gut geschlafen, stand Koljadin, wie so viele Morgen zuvor, auf einem Platz der jungen Stadt Pripjat, Region Tschernobyl, und wartete auf den Bus, der zum Atomkraftwerk fuhr, drei Kilometer weit. Koljadin, Russe, war in die Ukraine gekommen, weil ihm dieses Land gefiel, die Wälder, der Torf und die Arbeit in der Tschernobylskaja atomnaja elektrostanzija, die er, der Elektriker, im Lauf der vergangenen zwölf Jahre mitgeschaffen hatte, eine Anlage von bislang vier Blöcken, grafitmoderierte Druckröhrenreaktoren vom Typ RBMK-1000, Koljadins Freude, sein Stolz.
Vor zwei Tagen erst war Anatolij Fjodorowitsch Koljadin mit Frau und Kindern aus den Ferien zurückgekehrt nach Pripjat. 48000 Menschen, Angestellte des Werks und ihre Familien, lebten in der Stadt, die sechzehn Jahre alt war, benannt nach dem Fluss, dessen Wasser die Reaktoren kühlte und sich, ganz in der Nähe, in den Dnjepr ergießt.
Kalter Wind weht durch die Stadt, öffnet und schließt die Türen der Telefonzellen, die keiner mehr benutzt, ein Ort ohne Mensch und Geist, vergiftet, verboten. Noch steht auf dem hohen Haus, das in Pripjat Kulturpalast war, ein metallenes Getüm in braunem Rost, Hammer und Sichel, noch sind in den Eingängen die Namen derer geschrieben, die einst hier lebten, Familie Markow in Wohnung 75, Taratschik in 9. Sie lebten gern in diesen Platten, der Ort war neu und sauber, der Wald nahe, der Lohn, den das Kraftwerk zahlte, höher als anderswo.
»Meine beste Zeit«, haucht Koljadin, der zittert.
Zwei Tage nach dem Undenkbaren, das drei Kilometer hinter der Stadt geschehen war, standen siebenhundert Busse bereit, die Bewohner wegzubringen, Frauen und Kinder, nur Unterwäsche und Ausweise nahmen sie mit, weder Möbel noch Koffer. Pripjat, zwanzig Jahre danach, ist ausgeweidet, kein Stück Draht, das nächtliche Diebe nicht aus einer Leitung zogen, kein Tisch, kein Kühlschrank, keine Toilettenschüssel mehr, keine Glühbirne.
Wald sprießt aus Straßen und Dächern, Moos überzieht die Plätze, Hagebutte, die früher hier kaum gedieh. Noch steht in der Mitte der Einöde ein Riesenrad, Wind zupft seine Speichen, die Luft in Pripjat riecht plötzlich nach Schnee.
Anatolij Fjodorowitsch Koljadin wartete, wie alle Morgen zuvor, auf den Bus, es war sieben Uhr, Samstag, 26. April 1986, jemand sagte: Nachts soll im Werk etwas passiert sein.
Was kann schon passiert sein?, dachte Koljadin.
Da kam, das Gesicht weiß, sein Chef gelaufen und befahl alle, die in Block IV arbeiteten, in einen Bus, der Fahrer flüsterte: Viele sind bereits im Krankenhaus. Und als sie dann die Anlage erreichten, sahen sie: Block IV hat kein Dach mehr. Feuer schlugen in den Morgen, rot, gelb, blau. Koljadin, Maschinenwart, zog sich die Arbeitskleider an, die weiße Hose, den Kittel, vor Nase und Mund band er sich eine dünne Maske, schluckte Jod. Die Wasserleitungen!, schrie der Chef, die Wasserleitungen sind leck, schließt die Leitungen! Anatolij Fjodorowitsch Koljadin rannte los, er fand keinen Reaktor mehr, nur Hitze, Staub, Lärm; Grafittrümmer lagen auf Treppen, in Gängen, er versuchte, einen Bedienungskasten zu öffnen, die Tür klemmte, die Wand, fester Beton, achtzig Zentimeter dick, war schief und wund, Koljadin umfasste den Griff der Tür und stemmte beide Beine gegen die Wand, der Kasten ging nicht auf. Gegen neun Uhr, als keiner ihn sah, rannte er zu einem Apparat und rief die Familie an, seine Frau, Klavierlehrerin in Pripjat, und die beiden Kinder, Marja und Alexej: Bleibt im Haus und schließt alle Fenster, alle Türen, denn hier geschieht, was nicht geschehen kann.
Stunden später, um zwei am Nachmittag, hielt sich der Chef ein Megafon vor den Mund, schluchzte: Nichts mehr zu machen, raus aus Block IV.
Anatolij Fjodorowitsch Koljadin, siebenunddreißig Jahre alt, Elektriker, fuhr im Bus nach Hause. In den Straßen der Stadt, die er liebte, standen junge Soldaten und wussten nicht, wohin, Kinder spielten in den Parks, über sich eine Wolke, unsichtbar und geruchlos, mehr als fünfhundert radioaktive Elemente und Verbindungen. Koljadin wollte weinen: Nun stirbst du bald, und alle mit dir. Augen und Lippen brannten, schmeckten nach Metall. Der Mann, hundertzwanzig Kilo schwer, legte sich aufs Bett und versuchte zu schlafen.
»Schaut mich an!, nun bin ich sechsundfünfzig und sehe aus wie siebzig«, sagt Anatolij Fjodorowitsch Koljadin, schmal geworden und sehr müde.
Tage nach dem Brand ging in den Dörfern die Rede, was geschehen, sei gottgewollt, denn kein Geringerer als Johannes, Lieblingsapostel des Herrn, habe die Nacht auf den 26. April längst beschrieben, Offenbarung 8, 6–13: Da fielen Hagel und Feuer auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes, ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras. Da fiel ein großer Stern vom Himmel. Der Name des Sterns ist Wermut.
Tschernobyl, ukrainisch, meint Wermut.
Tschernobyl, dieser kleine farblose Ort, der dem Kraftwerk seinen Namen gab, liegt zwanzig Kilometer vor der Anlage, breite Röhren, in schmutzige Fetzen gewickelt, ziehen sich an den Straßen entlang, heißes Wasser, Hunde hocken darauf, sich zu wärmen. Kein Mensch im Freien.
An einer Baracke, fest ans Blech geschraubt, liest sich auf glänzendem Grund: The Ministry of Ukraine of Emergencies and Affairs of Population Protection from the Consequences of Tchernobyl Catastrophe.
Das Unheil, vom Wind befördert, zog zuerst nach Osten, dann nach Westen, schließlich in den Süden, verseuchte wahrscheinlich ein Gebiet von 150000 Quadratkilometern. Zwei Tage danach, am 28. April 1986, maß man in Schweden erhöhte Radioaktivität in der Luft, die Sowjetunion, peinlich getroffen, schwieg, am 30. April erreichte das Gift Süddeutschland. Die Wälder und Weiden um Tschernobyl waren schwarz, das Laub der Bäume herbstlich gefärbt. Mit bloßen Schaufeln kratzten Soldaten der Roten Armee verstrahlte Erde weg und verstrahlten sich dabei selber. Wer sich hergab, zwei Minuten lang in Block IV zu arbeiten, bekam zwei Jahre Militärdienst erlassen, Helikopter stiegen auf und warfen Lehm, Sand, Metalle ab, um die Glut zu ersticken, fünftausend Tonnen.
Michail Polischtschuk, den alle Mischa nennen, muss lachen. In der grünen Uniform eines Milizionärs sitzt er im grünen Gefährt, einem engen Bauwagen auf hohen Rädern, der ihm Arbeitsort ist, zwei Betten, ein Ofen, ein Tisch, ein Stuhl. Das Funkgerät rauscht, und alle zwei Stunden drückt Polischtschuk einen Knopf und meldet: Hier nichts Neues. Er ist einer von viertausend, die die Zone überwachen, damit das Gift, das allerorts lauert, sich nicht weiter streut, nicht in die Luft gelangt oder in den Fluss Pripjat, nicht in den Körper eines Menschen, viertausend Verhinderer, Krankenschwestern, Förster, Kanalbauer, Baggerführer, Feuerwehrleute, Köchinnen, Wäscherinnen, Kantinenangestellte, Dosimetristen.
Feuer und Blitze schlugen aus dem Reaktor, gelb und rot
Michail Polischtschuk, siebenunddreißig Jahre alt, bewacht einen Maschinenfriedhof, verstrahlte Bagger und Helikopter, giftige Busse, Tankwagen, Feuerwehrfahrzeuge, 1380 Einheiten, von acht Uhr am Morgen bis um acht Uhr am Abend, immer fünfzehn Tage lang, bevor er wieder nach Hause fährt zu Frau und Kindern, weit außerhalb der Zone. Ein müder Zaun zieht sich um das Gelände, eine Kette von Lampen, die nicht mehr leuchten.
»Mein Königreich«, sagt er und lächelt.
Auf dem Tisch des Bauwagens steht eine große Flasche ohne Etikett, Wodka. An der Wand klebt Reklame für Damenoberbekleidung.
Am Morgen des 26. April 1986 wartete Michail Polischtschuk, siebzehnjährig, Traktorfahrer in einer Kolchose bei Tschernobyl, auf den Bus, der ins Dorf Opacyci fuhr, wo die Großmutter wohnte, es war halb sieben, Samstag. Jemand sagte: Heute kommt wohl kein Bus. Niemand begriff.
Die Feuerwehr lärmte durch Tschernobyl, nordwärts, in Richtung Werk, ein Fahrzeug nach dem andern. Einer sagte: Furchtbares muss passiert sein. Endlich kam ein Bus, Polischtschuk fuhr zur Großmutter, und kaum war er dort, raste sein Stiefvater heran, das Gesicht fremd: Alle Kinder müssen weg, raus aus Tschernobyl.
Der Stiefvater zitterte.
Ohne meine Mutter fahre ich nicht, sagte Polischtschuk. Wo ist meine Mutter?
Wo soll sie schon sein? Sie arbeitet.
Ohne Mutter verlasse ich Tschernobyl nicht.
Polischtschuk blieb, reiste am Montag erst in die Stadt zurück und fand seine Mutter, Kirowa 39b, Wohnung 26.
»Es ist mir«, sagt er und zieht endlich die Mütze vom Kopf, »als sei es gestern gewesen.«
Wenig war wie zuvor. Die Menschen, statt zu gehen, rannten. Mutter und Sohn liefen zum Fluss und stiegen auf ein Güterschiff, das Schiff löste sich vom Ufer, es war Abend, 28. April 1986, Michail Polischtschuk, noch Knabe, stand neben dem Kapitän und schwieg, der Kapitän reichte ihm das Fernglas, Polischtschuk sah Feuer und Blitze, rot und gelb, Block IV, der kein Dach mehr hatte.
»Das schönste Licht, das ich je sah.«
Manchmal beginnt der Hund zu bellen, der vor dem Bauwagen in einer hölzernen Hütte sitzt und friert. Dann steckt sich Michail Polischtschuk die Dose Pfefferspray in die Uniform und macht sich auf, die Diebe zu vertreiben, schon wieder, die gekommen sind, Polster, Lenkräder, Spiegel, allerlei Metalle von den Maschinen zu schrauben, die keiner berühren darf. Der Zaun, der die Zone umschließt, ist löchrig. Manchmal lässt der Wächter seinen Hund bellen, bis der verstummt.
Michail Polischtschuk, Vater von zwei Töchtern, verdient im Monat das Doppelte dessen, was er außerhalb der Zone bekäme, 1100 Griwna, 180Euro. Ein Arbeitsjahr, das er in der Zone leistet, berechnet ihm der Staat Ukraine als anderthalb.
Radioaktive Strahlung entsteht, wenn Atomkerne sich umwandeln in neue Kerne. Radioaktive Strahlen besitzen Energie, sie können Stoffe durchdringen und lebende Zellen verändern, Krebs bewirken oder genetische Schäden. Die durchschnittliche radioaktive Strahlung in der Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl ist, zwanzig Jahre nach dem Desaster, rund zehnmal heftiger als die natürliche.
Am Abend hält ein Kleinbus vor dem Maschinenfriedhof, den Polischtschuk bewacht, die Ablösung steigt aus, er steigt ein und reist nach Tschernobyl, wo er Kind war, bis Block IV zersprang. Nun wohnt er nicht mehr in Kirowa 39b, sondern gegenüber, eine graue dunkle Straße, und teilt sein Zimmer mit einem Kollegen, vierzehn Nächte lang, bevor sich Michail Polischtschuk wieder aus der Zone macht, die sechs Eingänge hat, nach Hause irgendwo im Westen, zwei Stunden Zugfahrt.
Aber letzthin, vielleicht aus Heimweh, eher aus Neugier, trat er ins Haus der frühen Tage, Kirowa39b, Wohnung 26, stieg die alten dunklen Treppen hoch, fand die vertraute Tür – und dahinter, er musste lachen, das Bettwäschelager des Ministeriums der Ukraine für Notfälle und Maßnahmen des Bevölkerungsschutzes in der Folge der Katastrophe von Tschernobyl.
Aus allen Teilen der Sowjetunion zogen Aufräumer in den Norden der Ukraine, so genannte Liquidatoren, 650000 Menschen insgesamt von Mai bis November, die meisten davon Soldaten. In Moskau und Kiew feierte die Partei froh den Tag der Arbeit. Am 6. Mai endlich, nachdem die Länder des Westens nicht aufgehört hatten, über das Verhängnis zu berichten, lud in Moskau eine Behörde zur Konferenz und teilte mit, Bedauerliches sei geschehen, eine Reaktorexplosion am Fluss Pripjat, zwei Menschen seien sofort gestorben, sieben später, dreihundert seien verletzt worden, neunzigtausend aus der Gegend gebracht.
Hanna Alexejewna kann nur schreien, nicht reden. Alt und drahtig steht sie in der Mitte ihrer Küche im Dorf Kupowate, Region Tschernobyl, zapretnaja zona, und handelt gegen das Gesetz.
»Hier bin ich alles«, kräht sie, »ich bin Sowjetmacht und Regierung, Heer und Flotte, von hier bringt mich keiner mehr weg.« Dann holt sie Glas um Glas und stellt sie alle auf den Tisch, eingemachte Gurken, Kirschen, Fisch, Fleisch. In hohen schmutzigen Stiefeln lädt sie zum Mahl und grinst und lärmt, hinter ihr, neben dem Ofen, liegt ihre Schwester Sonja, die kaum noch gehen kann und sonderbar lächelt, auf einem hohen Bett, im Nebenhaus ihr Mann, besoffen, taub.
»Als sie uns holten«, schreit Alexejewna im dreiundsiebzigsten Jahr ihres Lebens, »als die uns holten, ließen wir die Seelen zurück. Und deshalb sind wir wieder hier.« In der Ecke hängt das Bild der Muttergottes, an der Wand ein dünner Teppich, ein Hirsch darauf, Rehe am Teich. Eine Uhr, die nicht mehr geht.
»Es war an Ostern«, beginnt Hanna Alexejewna, »den Osterkuchen hatten wir bereits im Ofen, wir waren hinter dem Haus und setzten Kartoffeln, als plötzlich ein Polizist dastand, oder einer von der Kolchose, ich weiß es nicht mehr.
Schnell, schnell, sagte der Mann, bringt eure Tiere an die Straße, die Tiere müssen weg.
Wozu? Weshalb?, fragte ich.
Erklär ich dir später.«
Sie steht in der Mitte ihres kleinen alten Hauses, in dem sie geboren ist, und will sich nicht setzen, solange sie schreit. Und während sie schreit, vielleicht aus Freude darüber, dass abends noch Besuch ins Haus tritt, leuchten die zwei Zähne, die ihr geblieben sind, blitzendes Gold.
»Nur drei Tage!, sagten sie, nach drei Tagen ist alles vorbei!, sagten die, nach drei Tagen könnt ihr zurück in euer Haus.«
Sie stellt Sauerrahm auf den Tisch.
»Die ganze Welt weiß, wie sehr sie logen«, kräht Hanna Alexejewna.
Am 17. Mai 1986, drei Wochen nach dem Ereignis, das die Radioaktivität in der Erdatmosphäre messbar erhöhte, gab sich endlich der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, her, die Katastrophe zu beklagen. Block IV war gelöscht, die Brennstäbe geschmolzen, vermischt mit allem, was sie umgeben hatte, zweihundert Tonnen Gift, von dem keiner ahnte, wo genau es lag. Heerscharen von Liquidatoren begannen, um das Gebäude schnell eine Hülle zu bauen, manche blieben nur kurz, hatten die Dosis, die man ihnen zudachte, nach Minuten im Leib. 19000 junge Männer, im Lauf von zweiundsechzig Tagen und Nächten, schufen der Katastrophe einen Sarg aus Beton und Stahl.
Grau und rostig steht er im Wind, überragt von einem Kamin, rostendes Blech, rostende Leitern, ein Ding ohne Geist und Gesicht, riesig, breit – der Sarkophag von Tschernobyl.
Blaue Zahlen leuchten, 1220 Mikroröntgen in einer Stunde, hundertmal mehr als normal.
Der Sarkophag, auf Gift gebaut, braucht einen Sarkophag. Längst ist er spröd und rissig, manche Wände, auf denen sein schweres Dach ruht, haben sich geneigt, einige Spalten sind zwanzig Zentimeter breit, alle Löcher, zusammengezählt, ergeben eine Fläche von fast hundert Quadratmetern. Jeden Tag, verpackt wie Astronauten, machen sich hundertzwanzig Arbeiter an ihm zu schaffen, stopfen und pflastern, das Programm, angerichtet vom Chernobyl Shelter Fund, 1997 von der Europäischen Union und der Ukraine gegründet, hat einen Namen und soll in einem Jahr beendet sein: Shelter Stabilization.
Manchmal, wenn der Wind nicht heult, hört man ein Donnern im Sarg, dumpf und weit weg.
Bereits erdacht und gezeichnet ist die neue Hülle, die eines Tages über die alte geschoben werden soll, ein Gewölbe aus Stahl, 108,39 Meter hoch, 257,44 Meter breit, eine Milliarde Dollar teuer. Hundert Jahre soll es halten. In hundert Jahren, so der Schluss, ist der Mensch klug genug, zu wissen, wohin mit dem Gift, das darunter lauert.
»Esst, trinkt«, lärmt Hanna Alexejewna durch ihre dunkle Küche, »meine Gurken sind die besten der Welt, meine Kirschen die gesündesten, seh ich vielleicht krank aus? Ich war noch nie krank, aß mein langes Leben lang keine Tablette.«
Bereits 1987 brachte Heimweh Menschen in die Zone zurück
Der Bus, der sie wegbrachte, ihren betrunkenen Mann, die Mutter, die Schwester, den Onkel, fuhr durch die Nacht, sie waren kaum traurig, drei Tage nur würden sie weg sein. Und endlich hielt das Fahrzeug in einer fremden Stadt, Makariw. Sie stiegen aus, jemand sagte, sie müssten die Kleider wechseln, um andere anzulegen, unverseuchte. Dann brachte man sie in ein Haus, zu fünft schliefen sie in einem Zimmer – es war Mai, wurde Juni, Juli, im August reisten sie ins Dorf Hruzke und zogen in zwei Zimmer, hatten nichts zu tun.
»Unsere Seelen aber waren in der Zone.«
Hanna Alexejewna, die sich das Leben ohne Arbeit nicht denken kann, wollte zurück.
»Ich sagte: Unser Land und unser Haus brauchen uns, die Hühner, die Äcker, die Bäume.«
Immer wieder, vielleicht zehnmal, reiste Hanna Alexejewna heimlich nach Kupowate, das am Fluss Pripjat liegt, immer wieder hielten Polizisten sie an, einmal, es war Herbst 1986, hatte sie Glück, Alexejewna, dreiundfünfzig Jahre alt, verbrachte die Nacht auf dem Feld und grub, im Schein einer Kerze, ihre Kartoffeln aus, die sie gesetzt hatte in den Tagen, als Tschernobyl brannte.
Nun holt sie Apfelschnaps. »Trinkt«, schreit sie, »unsereine trinkt ja nicht, stärkt sich nur.«
Im Frühjahr 1987 kehrte sie in ihr Land zurück, das verboten ist bis heute, sie nahm ihren Mann mit, Mutter, Schwester, Onkel.
Fast 3000 Menschen brachen das Gebot der Behörde und zogen wieder ins Sperrgebiet, so stur, dass man beschloss, sie zu dulden. Auch solche kamen, die hier nie gewohnt hatten, Vagabunden, Arme. Zwanzig Jahre nach der Vergiftung leben, man hat sie gezählt, noch 370 Menschen in den verbotenen Dörfern, Durchschnittsalter achtundsechzig. Am Montag und am Freitag fährt ein Lastwagen vor, bringt Salz, Zucker, Mehl, Kerzen, Stiefel.
Manchmal stellt jemand ein Paket vors Haus, Kleider darin, letzthin war eins voller Krawatten, dann eins mit Büstenhaltern, Hanna Alexejewna überließ sie ihren Hunden. Manchmal, in Uniform, kreuzt ein Milizionär auf, einen Dosimeter im Gepäck, und macht eine tiefe Stimme: Babuschka, hier strahlt es zu sehr, verlass das Haus. Dann spricht die Alte kein Wort, kratzt eine Münze vom Regal oder stellt einen Wodka hin – dann geht der Mann wieder.
Der Staat Ukraine schickt ihr jeden Monat 370 Griwna, ihrem Mann, der nur noch trinkt, 400, ihrer kranken Schwester Sonja 323, 1093 Griwna insgesamt, 180 Euro. Noch einmal schmettert sie das Lied der Rose, es ist längst Nacht im Sperrgebiet um Block IV, Schnee fällt.
Sie gingen daran, ganze Dörfer zu schleifen und sie mit Erde zu bedecken. Neue Hügel entstanden am Unterlauf des Flusses Pripjat.
Am 19. Juli 1986 kam das Zentralkomitee der kommunistischen Partei in einer Sondersitzung im fernen Moskau zum Beschluss, die Katastrophe sei zu begründen mit schweren Verletzungen von Betriebsvorschriften, Verantwortungslosigkeit und Pflichtvergessenheit, mangelnder Disziplin und fehlender Kontrolle von oben.
Einen Monat später, am 21. August, lieferten sowjetische Wissenschaftler Genaueres. Eine Anzahl unglaublicher menschlicher Fehler sei passiert. Beim Versuch mit einer Turbine hätten Mitarbeiter des Werks das Niveau der Energieproduktion auf ein unerlaubtes Maß absinken lassen. Dabei hätten sie das automatische Notkühlsystem sowie zwei andere Sicherheitssysteme ausgeschaltet und alle vier Wasserpumpen. Wäre nur einer dieser Fehler nicht begangen worden, wäre es zur Katastrophe nicht gekommen.
Wie viele starben, wie viele erkrankten, weiß keiner. Manche schätzen, allein in der Ukraine seien bis heute viertausend Menschen an den Folgen der Explosion gestorben, Zehntausende krank geworden, Kopfschmerzen, hoher Blutdruck, ständige Müdigkeit, Schwächung des Immunsystems, Magenbeschwerden, Kreislaufprobleme, Veränderungen des Zentralnervensystems, der Blutgefäße, Depression, Schizophrenie, Schilddrüsenkrebs, Knochenkrebs.
Im Oktober 1991 brach im Kernkraftwerk Tschernobyl, das noch immer elektrischen Strom herstellte, Feuer aus.
1991 wurde Block II abgestellt.
1995 wieder ein Störfall.
1996 Block I abgestellt.
Am 15. Dezember 2000 um 13.17 Uhr, nachdem der Präsident der Ukraine, Leonid Kutschma, sich bei den Ländern des Westens der Gabe von 700 Millionen Dollar versichert hatte, ging auch der letzte Block vom Netz.
Noch ist nichts davon zu spüren. Männer unter breiten Mützen belagern die Flure, Bewilligung!, Ausweis!, Warten!, Frauen mit strengem Blick traben durch die Hallen, 3600 Menschen, so heißt es, seien hier beschäftigt, Techniker, Physiker, Putzfrauen, und überwachten sorgsam den Niedergang, sie kommen und gehen zu den Zeiten wie einst, fahren am Morgen ins Sperrgebiet, verlassen es am Abend, oder umgekehrt. Abschlussarbeiten an der einstigen Tschernobylskaja atomnaja elektrostanzija .
Julia Malyschewa, rotes Haar, hat enge Jeans und einen Traum. Sie träumt, der Mann, mit dem sie in der Zone vierzehn Nächte lang das Bett teilt, bevor sie wieder nach Hause muss, hätte außerhalb keine Frau und keine Kinder.
»Bin ich draußen, sehne ich mich hinein.«
Malyschewa war Tänzerin, bevor sie vor fünf Jahren in die Zone kam, um in der Kantine zu arbeiten, ein kahler Saal, Tisch nach Tisch. Männer, die meisten in Uniform, Feuerwehrleute, Förster, Bewacher, krümmen sich stumm über die dünne Suppe und drücken das Hackfleisch flach. Drei Mahlzeiten in der Kantine Pripjat, wo Julia Malyschewa Kartoffeln schält, kosten sieben Griwna, ein Euro und zwanzig Cent.
Eine neue Studie stellt die hohe Zahl der Toten infrage
Wenn es neun Uhr ist am Abend, steigt sie ein Stockwerk tiefer, vorbei an den Schildern, die bildreich lehren, was zu tun ist, wenn die Katastrophe kommt: Radio einschalten / Schutzmaske überziehen / Sich bedecken / Feuer löschen / Wunden pflegen / Dosimeter anstellen / Sich unter eine Brücke stellen. Julia Malyschewa, vierundzwanzig, trägt jetzt ihre engste Hose und setzt sich an einen Tisch, wartet auf den Mann, der zu Hause Frau und Kinder hat. Russische Lieder hallen. Endlich, von zwei Gläschen Wodka längst begeistert, fängt die Frau zu tanzen an, allein oder mit jedem, wackelt mit allem, was ihr zur Verfügung steht.
»Die Zone«, sagt sie, »ist meine Heimat.«
In der Ecke blinken zwei Spielautomaten aus einer anderen Welt, Maracash de luxe und Triple Bonus . Ein Betrunkener kotzt neben den Tisch, die Kellnerin, blond wie Schnee, wischt den Dreck unter den Tisch. Und irgendwann nach elf trottet Julia Malyschewa durch die leeren Straßen der Stadt Tschernobyl, begleitet vielleicht von einem Hund, der weder Schwanz noch Namen hat, und rettet sich in die Sowjetskaja, Plattenbau, in der ihr Liebster liegt, der Mann für vierzehn Nächte.
2005 brachte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und fünf anderen Gremien der Vereinten Nationen, eine Studie heraus, sechshundert Seiten dick. Nicht Tausende oder Zehntausende, wie bisher geschätzt, seien in 20 Jahren in der Ukraine, in Weißrussland und Russland an radioaktiver Strahlung gestorben, sondern etwa 50, und vermutlich würden es nur mehr 4000. Nicht so sehr radioaktives Gift gefährde dort die Menschen, sondern Armut und Fatalismus, genährt von Mythen und falscher Wahrnehmung.
»Ich konnte es nicht glauben«, heisert Anatolij Fjodorowitsch Koljadin, der am Morgen des 26. April 1986 Block IV betrat wie alle Tage zuvor, »ich kann es nicht glauben«, spricht der Mann aus tiefem Sessel. »Man entwertet uns, nimmt uns das letzte Restchen Ehre.«
Er sitzt in seiner dunklen Stube am Rand der Stadt Kiew, Werbizkogo 11, 6. Stock, Wohnung 24, drei Zimmer, zweiundvierzig Quadratmeter, nach dem Weltuntergang von der Regierung zur Verfügung gestellt, kostenfrei für alle Zeit.
Zwei Operationen hat er hinter sich, am Rücken, am Hals, und manchmal, in der Metro unterwegs, stehen Siebzigjährige auf und machen ihm, sechsundfünfzig, höflich Platz.
»Dieses Haus hier«, sagt Koljadin, immer nur müde, »dieses verdammte Haus hier war einst voller Liquidatoren. Nun lebt noch die Hälfte davon.« Endlich drückt er sich aus dem Möbel und holt ein Foto.
In einen grünen Tarnanzug gepackt, steht Anatolij Fjodorowitsch Koljadin auf dem Balkon seiner glücklichen Tage, zapretnaja zona, und lacht.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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1200 Mikroröntgen entsprechen etwa 1.2 Millirem.
5000 Millirem dürfte bis vor einigen Jahren ein Beschäftigter der Kategorie A in einem deutschen Isotopenlabar abbekommen.
Jetzt gilt ein Wert von 2000 Millirem oder ausgdrückt in der Einheit Sievert von 20 Millisievert.
Ich bin nicht besonders beindruckt ob dieser Zahlen.
Noch vor vier und fünf Jahrzenten gab es Bergwerksunglücke in Deutschland, in denen innerhalb von Minuten
100 und mehr Leute umkamen. In Rußland und China gibt es das heute noch.
Im Unterschied zu Tschernobyl werden diese Toten nicht so melodramatisch ausgeschlachtet.
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