Unlängst beklagte der nationale US-Geheimdienstdirektor John Negroponte, in Südamerika gebe es eine Tendenz zu sozialistischen, antiamerikanischen Regierungen. Und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verglich den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez mit Adolf Hitler. Der Linkspopulist aus Caracas hatte kurz zuvor einem Militärattaché der amerikanischen Botschaft Spionage vorgeworfen, ihn aus dem Land gewiesen und dabei einmal mehr die »imperialistische US-Regierung« verteufelt. BILD

Ein derartiger Schlagabtausch ist keine Seltenheit und Ausdruck einer tiefen Entfremdung zwischen den USA und Südamerika. Während sich Mittelamerika, allen voran Mexiko, wirtschaftlich und politisch immer stärker an die USA bindet, entfernen sich die rohstoffreichen Länder Südamerikas wirtschaftlich und politisch immer weiter von dem einst übermächtigen Norden.

Bis vor gar nicht langer Zeit waren die Vereinigten Staaten noch die internationale Leitmacht für die Latino-Länder, Washington nahm in fast allen diesen Staaten spürbar Einfluss. In den Siebzigern wurden mehrere unliebsame Linksregierungen durch US-hörige Militärdiktaturen ersetzt. In den Neunzigern übte Washington dann vor allem über den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank steten Druck auf die hoch verschuldeten Südamerikaner aus. IWF- oder Weltbank-Funktionäre setzten liberale Reformpakete aus US-amerikanischen Denkfabriken durch. Nicht ohne Grund wurden diese heute so geschmähten Programme als »Washington Consensus« berühmt. Doch seit dem 11. September 2001 ist Südamerika vom Radarschirm der USA verschwunden. Sicherheitspolitische Interessen im Nahen Osten und in Asien stehen im Vordergrund.

Gleichzeitig wurden in Südamerika – konträr zum Rechtsruck in Washington – linke Politiker gewählt, die nicht zur traditionellen Elite gehören. Die neuen Regierungen machten sich zum Sprachrohr der verarmten und lange benachteiligten Bevölkerungsmehrheit. Zuerst gelangte in Venezuela 1998 der aus armen Verhältnissen stammende Chavez mit großer Stimmenmehrheit ins Präsidentenamt. Wenig später stieg der Arbeiterführer Lula da Silva in Brasilien zum Staatsoberhaupt auf. Es folgten Politiker wie der provinzielle Linksperonist Nestor Kirchner in Argentinien und die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, die ihr politisches Bewusstsein in den siebziger Jahren formten – in der Opposition zu den aus Washington unterstützten Militärdiktaturen. In Bolivien wurde jüngst der Gewerkschaftsführer der Koka-Bauern, Evo Morales, zum Präsidenten gewählt. Und bei den anstehenden Wahlen in Peru am 9. April hat der Linksnationalist Ollanta Humala gute Chancen auf das höchste Staatsamt.

Mit dem politischen Wandel verlieren die USA ihre traditionellen Verbündeten. Die allerorts abgewählte südamerikanische Oberschicht war und ist US-freundlich. Bei den Wohlhabenden gehört es zum guten Ton, den Nachwuchs auf Universitäten in den Vereinigten Staaten zu schicken und selbst regelmäßig nach Miami zu fliegen, um ein paar Tage auszuspannen. Demgegenüber hat die Mehrheit der Südamerikaner ein schlechtes Bild von den USA. Die meisten nehmen den USA vor allem ihre Interventionen zugunsten der Militärdiktaturen in den Siebzigern übel. Und sie machen Washington zumindest mitverantwortlich für die Wirtschaftspolitik der vergangenen 20 Jahre, die in den meisten Ländern eine Ausbreitung der Armut zur Folge hatte.

Nur Kolumbien steht noch treu zu den Vereinigten Staaten

Während die Europäer den Elitenwechsel in Südamerika oft mit gewisser Sympathie betrachten, sind den so genannten Falken in Washington die erstarkenden sozialen Bewegungen und der wachsende Antiamerikanismus in Südamerika suspekt. Dahinter stecke der Einfluss von Chavez, pflegten die ehemaligen US-Lateinamerikabeauftragten Otto Reich und Roger Noriega zu warnen. Wie sehr sich Washington den Venezolaner wegwünscht, zeigte der missglückte Putschversuch aus dem Jahr 2002. Damals konnte die venezolanische Opposition gemeinsam mit einem Teil des Militärs den gewählten Präsidenten für einige Stunden aus dem Amt hebeln. Die US-Regierung war daraufhin die erste und eine von wenigen überhaupt, die den Putschführer Pedro Carmona als neues Staatsoberhaupt anerkannte. Kürzlich verhinderte Washington konsequenterweise auch den Verkauf von brasilianischen Militärflugzeugen und Schiffen aus Spanien an Caracas. Solche Bevormundung trägt natürlich zum negativen Bild der USA bei.

Selbst gemäßigte Mitte-links-Regierungen wie die in Brasilien und Chile sind nicht mehr bereit, sich dem alten Herrschaftsanspruch der Vereinigten Staaten zu beugen. Das liberale Musterland Chile schloss zwar als erstes südamerikanisches Land ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA ab. Dies hielt die dortige Regierung allerdings nicht davon ab, sich vor dem Irak-Krieg im UN-Sicherheitsrat gegen die USA zu stellen.