Streik Das lange Ende
Ausstand im öffentlichen Dienst: Nach fast neun Wochen hat sich der Streik in Baden-Württemberg totgelaufen
Nach und nach treffen die Männer vor dem Betriebshof ein. Es ist kurz vor sechs und noch dunkel, an einem Transporter wehen einsam zwei ver.di-Fahnen. Fröhlich werden alle Neuankömmlinge begrüßt. Keiner will hinein, nur zwei, drei Schlipsträger aus der Geschäftsleitung bahnen sich mit ihren Wagen einen Weg durch die pfeifende Menge. Seit fast neun Wochen sind die Müllwerker und andere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes hier in Stuttgart nun schon im Ausstand. Als sie begannen, war es noch eisiger Winter. Nun, da es langsam wärmer wird, haben sie die Hoffnung, dass der längste Arbeitskampf im deutschen Staatsdienst allmählich doch zu Ende geht. Am Mittwoch dieser Woche wurde eine neue, möglicherweise entscheidende Verhandlungsrunde anberaumt. Der Druck auf beide Seiten, die Gewerkschaft ver.di wie die kommunalen Arbeitgeber in Baden-Württemberg, ist groß.
Zuletzt probierten die Müllmänner in Stuttgart eine neue Streiktaktik aus, den flexiblen Wechselstreik. Überraschungsangriff hieß die Devise. Die Stadt sollte sich nicht auf die Taktik der Streikenden und der Gewerkschaft einrichten können. Der Trick: An einem Tag gehen die Müllwerker zur Arbeit, am nächsten Tag bleiben sie unangekündigt wieder fern.
Ein Räuber-und-Gendarm-Spiel mit ernstem Hintergrund
Die meisten, die an diesem frühen Morgen am Betriebshof erscheinen, sind in der Nacht von der Streikleitung per SMS vorgewarnt worden. Sie freuen sich über die neue Strategie und sind auch ein wenig stolz, dass sie den Gegner ärgern können. Vor einer Woche, als sie nach fast zwei Monaten zum ersten Mal wieder auf die Müllwagen stiegen, erzählt einer, hätten die Verantwortlichen der Stadt gedacht, dass der Streik nun erst einmal zu Ende sei. Daraufhin hätten sie die privaten Entsorger abbestellt, die sie angeheuert hatten, um zumindest die City vom Müll zu säubern. Doch dann legten die städtischen Müllwerker zur Überraschung ihrer Vorgesetzten plötzlich wieder ihre Arbeit nieder.
Es ist ein Räuber-und-Gendarm-Spiel, nur dass der Hintergrund sehr viel ernster ist. Für beide Seiten ging es von Anfang an um viel, nicht nur um einige Minuten Mehrarbeit pro Tag, das war offenkundig nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Achim Greine, 49, arbeitet seit 17 Jahren für die städtischen Abfallbetriebe. »Seit Jahren verzichten wir auf so viel«, sagt er und schwärmt davon, wie es war, als er bei der Stadt anfing. Damals sei man noch beneidet worden, wenn man eine Stelle im öffentlichen Dienst ergatterte. »Die Arbeit war locker, die Bezahlung stimmte, um 15.30 Uhr war Feierabend, und im Sommer gab es Sprudelgeld.«
Doch seitdem seien die Wagen immer größer und die Touren immer länger geworden. »Mit weniger Leuten müssen wir heute pro Schicht zwei- bis dreimal so viel Müll abfahren, genauso wie die Privaten.« Gleichzeitig seien die Zulagen gekürzt worden, »und jetzt sollen wir auch noch später in Rente. Irgendwann ist Schluss mit der Drückerei.«
Dhakuani Hamma, ein Tunesier, der seit 36 Jahren den Stuttgartern den Müll wegräumt, klagt über die ernorme körperliche Belastung, wenn er heute mit seinen Kollegen jeden Tag 20 bis 30 Tonnen Abfall aus den Kellern in den Müllwagen wuchten muss. Zweimal habe er einen schweren Arbeitsunfall erlitten, ohne eine Entschädigung zu bekommen. »Die Bandscheiben sind kaputt, ich kann nicht bis 67 schaffen«, sagt Hamma.
- Datum 06.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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